Eine Woche nach dem Anschlag in Berlin sind die Wunden noch frisch. Die Angst ist spürbar, aber auch der unbeugsame Wille, für die erkämpften Rechte und die eigene Identität einzustehen. Unter diesem Eindruck zogen am Wochenende Hunderttausende durch die Hamburger Innenstadt zur größten Kundgebung für Liebe und Vielfalt in Norddeutschland: dem Christopher Street Day (CSD). Was sonst ein ausgelassenes, buntes Straßenfest ist, fand dieses Jahr im Schatten der tödlichen Attacke auf einer Berliner Privatparty statt, bei der ein Gast wegen seiner sexuellen Orientierung angegriffen und getötet worden sein soll. Die Stadt Hamburg reagierte mit einem beispiellosen Sicherheitsaufgebot. Doch die zentrale Frage, die über der Parade schwebte, war: Wie geht eine Gemeinschaft mit der Bedrohung ihrer Freiheit um?
Die Antwort der Menschenmenge war deutlich und ergreifend. Sie kamen nicht trotz der Angst, sondern gerade deswegen. «Wir lassen uns nicht einschüchtern» war der Satz, den man von Politprominenz bis hin zu den vielen tanzenden Privatpersonen auf den Wagen immer wieder hörte. Die Stimmung war entschlossen, aber nachdenklicher als in den Vorjahren. Zwischen glitzernden Kostümen und fröhlicher Musik sah man auch Schilder mit Aufschriften wie «Solidarität statt Hass» und Gedenkschleifen. Die Parade war in diesem Jahr beides: eine Feier des Lebens und ein stilles Gedenken an das Opfer von Berlin.
Die Sicherheitsmaßnahmen waren allgegenwärtig und prägten das Bild der Veranstaltung. Über 1.500 Polizeibeamte waren im Einsatz, deutlich mehr als in den Vorjahren. Spezialkräfte, einschließlich Beamten mit Maschinenpistolen, waren an neuralgischen Punkten positioniert. Die Route wurde durch massive mobile Betonbarrieren gesichert, wie man sie sonst von Großdemonstrationen oder Fußballspielen mit Risikofaktoren kennt. Zugänge wurden kontrolliert, große Taschen durchsucht. «Das Gefühl von Leichtigkeit und Unbeschwertheit, das zum CSD gehört, war dadurch natürlich beeinträchtigt» gab auch Polizeisprecherin Marianne Gehrke zu. «Aber unser oberstes Ziel ist und bleibt der Schutz aller Teilnehmer. Nach den schrecklichen Ereignissen in Berlin war diese Vorsicht nicht verhandelbar.»
Für die Veranstalter vom Hamburger CSD e.V. war die Balance zwischen Schutz und der gewohnten Atmosphäre eine enorme logistische und emotionale Herausforderung. «Wir haben bis in die Nacht mit dem Landesamt für Verfassungsschutz und der Polizei gesessen» berichtet Vorstandsmitglied Kim Lang. «Jede zusätzliche Absperrung, jeder Polizeibus bedeutet auch eine Einschränkung. Aber wir sind der Stadt unendlich dankbar, dass sie alles tut, um diese wichtige Demonstration der Sichtbarkeit möglich zu machen.» Lang betont, dass die Community selbst wachsam war. Viele der rund 120 Gruppen und Wagen hatten eigene Ordner, die auf Auffälligkeiten achteten.
Die politischen Botschaften in den Reden auf der Abschlusskundgebung am Jungfernstieg hatten in diesem Jahr eine besondere Dringlichkeit. Nicht nur die traditionellen Forderungen nach dem vollständigen Verbot von Konversionstherapien oder der Streichung transsexueller Menschen aus der Liste psychischer Krankheiten wurden lautstark vertreten. Im Mittelpunkt stand der Appell für mehr Sicherheit und entschlossenes Handeln gegen queerfeindliche Gewalt.
- Solidarität statt Hass
- Gedenkschleifen
- Jede zusätzliche Absperrung bedeutet auch eine Einschränkung
- Verstärkter Fokus auf Sicherheitsmaßnahmen
- Feiern und Gedenken vereint
- Aufruf zu mehr Sicherheit
«Was in Berlin passiert ist, war kein bedauerlicher Einzelfall, sondern die extremste Spitze eines Eisbergs aus Hass und Anfeindung» rief die Hamburger Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne) der Menge zu. «Dieser Hass ist auf unseren Schulhöfen, in unseren Chatgruppen und leider auch immer wieder auf unseren Straßen präsent.» Sie kündigte an, die Beratungs- und Meldestellen für betroffene Personen in Hamburg weiter auszubauen und die Strafverfolgung bei Hasskriminalität zu priorisieren. Auch Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) reiste an und versprach, den Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit mit mehr Geld auszustatten. Kritische Zwischenrufe aus der Menge gab es dennoch, als Politiker sprachen. Vielen in der Community gehen die Maßnahmen nicht weit oder nicht schnell genug.
Für die Teilnehmer selbst war der Tag von gemischten Gefühlen geprägt. «Ich habe mit meinen Freundinnen darüber gesprochen, ob wir dieses Jahr überhaupt mitgehen» erzählt die 24-jährige Studentin Lena aus Eimsbüttel, die mit einer Gruppe Freundinnen im Regenbogen-Shirt am Straßenrand steht. «Es ist traurig, dass man darüber nachdenken muss. Aber genau darum sind wir jetzt hier. Um zu zeigen, dass wir da sind und uns nicht wieder unsichtbar machen lassen.» Neben ihr nickt ihr Freund Tom (26). «Man spürt die Polizeipräsenz natürlich. Aber im Moment gibt mir das eher ein Gefühl von Sicherheit als von Bedrängung» sagt er.
Andere sehen das kritischer. Sven, der seit über 20 Jahren beim Hamburger CSD dabei ist, beobachtet eine Entwicklung: «Früher ging es um Provokation und lauten Protest. Heute ist die Parade viel offizieller, viel reglementierter. Die Barrieren heute sind auch ein Symbol. Sie schützen uns, aber sie grenzen uns auch ein. Die Frage ist, ob die Gesellschaft uns wirklich in ihrer Mitte akzeptiert oder ob wir immer noch in einer abgesperrten Zone feiern müssen.»
Die Ereignisse dieser Woche werfen ein grelles Licht auf die Alltagserfahrungen vieler queerer Menschen in Hamburg und ganz Deutschland. Bei der staatlichen Antidiskriminierungsstelle des Bundes gingen letztes Jahr so viele Anfragen zu Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität ein wie nie zuvor. Die von der Bundesregierung in Auftrag gegebene «LSBTI*-Feindlichkeitsstudie» zeigte bereits vor zwei Jahren, dass über 80% der befragten lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen in den letzten zwei Jahren Diskriminierung erfahren haben – von beleidigenden Sprüchen bis hin zu tätlichen Angriffen. «Der Berliner Fall ist der schlimmstmögliche Ausgang einer Gewaltspirale, die oft viel harmloser beginnt» erklärt Sozialwissenschaftlerin Dr. Petra Becker, die an der Universität Hamburg zu Hasskriminalität forscht. «Solange Beleidigungen auf Schulhöfen oder in Fußgängerzonen bagatellisiert werden, schaffen wir ein Klima, in dem sich Täter ermutigt fühlen können.»
Die Hamburger Community zeigt sich unterdessen solidarisch und organisiert. Neben dem großen CSD gibt es eine Vielzahl kleinerer Initiativen und Treffpunkte, von den legendären Bars auf der Reeperbahn bis zu den Beratungsräumen des Magnus-Hirschfeld-Centrums in St. Georg. Dort werden nach dem Berliner Anschlag verstärkt Gesprächsangebote gemacht und Sicherheitstrainings angeboten. «Wir müssen zusammenhalten und aufeinander aufpassen» sagt Centrum-Mitarbeiterin Julia. «Nicht nur heute, sondern an allen 365 Tagen im Jahr.»
Am späten Abend, als die letzten Wagen die Absperrungen passiert haben und die Müllberge aus Konfetti zusammengekehrt werden, bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Die Stadt hat ihre Schutzpflicht ernst genommen und eine friedliche, kraftvolle Demonstration ermöglicht. Hunderttausende haben ein Zeichen gesetzt, das weit über Hamburg hinausreicht. Doch die sichtbaren Betonwälle bleiben als mahnendes Symbol zurück. Sie sagen: Das gefeierte Recht, man selbst zu sein, ist nicht selbstverständlich. Es muss immer wieder verteidigt werden – mit friedlichem Protest, mit politischem Druck, mit Wachsamkeit und vor allem mit einer Gesellschaft, die Vielfalt nicht nur an einem sonnigen Samstag im Juli toleriert, sondern jeden Tag in ihrem Alltag lebt und schützt. Der Hamburger CSD 2025 war in dieser Hinsicht eine Lehrstunde in Widerstandsfähigkeit und ein Appell, der noch lange nachhallen wird.