Die Ecke Niedernstraße und Depenau in der Hamburger Altstadt sieht heute völlig anders aus. Wo jetzt der monumentale Backsteinbau des Chilehauses in den Himmel ragt, befand sich vor über einem Jahrhundert der wohl berüchtigsten Ort der Stadt: der sogenannte Verbrecherkeller. Um 1900 war diese unterirdische Kaschemme mehr als nur eine Kneipe. Sie war ein sozialer Schmelztiegel der Unterwelt, ein nächtliches Obdach für Gestrandete und eine bizarre Attraktion für schaulustige Bürger. Seine Geschichte wirft ein grelles Licht auf das Hamburg im Kaiserreich, eine Stadt der krassen Gegensätze zwischen glanzvollem Hafenhandel und dunklem Elend in den Gängenvierteln.
Die offizielle Bezeichnung Café Vorbeck verwendete kaum jemand. In einem Viertel, wo ein Hinterhof den bezeichnenden Namen „Todtschlägerhof“ trug, war der Spitzname „Verbrecherkeller“ fast eine natürliche Wahl. Zeitgenössische Zeitungsberichte schildern das Lokal als stickigen, feuchten Raum, erfüllt vom Geruch nach billigem Fusel, kaltem Rauch und Schweiß. Trübe Küchenlampen warfen ihr Licht auf eine bunte, oft bedrohliche Gesellschaft. Hier saßen Ganoven bei einem Bier, um ihren nächsten Einbruch zu planen, während daneben obdachlose Seeleute oder entlassene Sträflinge um ihre letzten Pfennige würfelten. Für zehn Pfennig Schlafgeld konnte man in einem Hinterzimmer auf dem blanken Steinboden nächtigen, den Kopf auf ein quer gespanntes Tau gestützt.
Das Gängeviertel: Hamburgs «Abruzzen»
Der Keller war kein isoliertes Phänomen, sondern eingebettet in das berüchtigte Gängeviertel der Altstadt. In diesem Labyrinth aus engen Twieten, dunklen Höfen und baufälligen Wohnstöcken lebten Ende des 19. Jahrhunderts rund 20.000 Menschen auf äußerst beengtem Raum. Die Luft war schlecht, die Hygiene katastrophal, die Armut allgegenwärtig. Von wohlhabenden Bürgen spöttisch „Hamburger Abruzzen“ genannt – in Anspielung auf eine vermeintlich rückständige und von Banditen unsicher gemachte italienische Bergregion – war das Viertel ein permanenter Brennpunkt für die Polizei. Die Niedernstraße, in der der Verbrecherkeller lag, galt als besonders verrufen und wurde Tag und Nacht von Doppelposten bewacht. Interessanterweise wurde das Viertel sogar zur kriminalistischen Anschauung genutzt: Justizreferendare und internationale Kriminologen wurden hier unter Polizeischutz geführt, um die Unterwelt „am lebenden Objekt“ zu studieren.
Die Gäste des Kellers waren keineswegs nur stereotype „Verbrecher“. Es war ein Sammelbecken für all jene, die durch die Maschen der Gesellschaft gefallen waren oder in ihren Schatten lebten:
- Prostituierte
- heimatlose Tagelöhner
- betrunkene Matrosen
- kleine Hehler
- Taschendiebe
- Obdachlose
Sie alle gaben sich hier ein Stelldichein, oft mit klangvollen Spitznamen wie „Todtenseppel“, „Schinderhannes“ oder „Weiße Taube“. Der Wirt, zunächst Fritz Vorbeck, sorgte mit einem bleibeschwerten Gummischlauch für eine raue, aber funktionierende Ordnung. Sein Geschäft florierte offenbar so gut, dass er 1903 mit angeblich „lasterhaft verdienten“ 14.000 Mark eine weitere Speisewirtschaft um die Ecke eröffnen konnte.
Vom Schandfleck zur vermarkteten Attraktion
Eine entscheidende Wende in der Geschichte des Lokals markiert eine geschäftstüchtige Idee Vorbecks um 1905. Er ließ den Verbrecherkeller fotografieren und die Bilder als Ansichtskarten drucken. Diese heute rare Sammlerstücke zeigen die Gäste in drangvoller Enge auf Holzbänken, einige mit glasigem Blick, andere in derben Umarmungen. Eine Karte zeigt zwei Männer, die gemeinsam in eine Kartoffel beißen. Mit diesem Schritt verwandelte Vorbeck den schlechten Ruf des Ortes in eine vermarktbare Ware. Er verkaufte nicht mehr nur Schnaps, sondern den Mythos und das morbide Schaudern der Hamburger Unterwelt an sensationslüsterne Bürger und Touristen. Der Verbrecherkeller wurde zur inszenierten Attraktion seiner selbst.
Dennoch blieb er ein steter Dorn im Auge der Obrigkeit. Immer wieder gab es Razzien, bei denen Polizisten Obdachlose, Ausgewiesene oder Gesuchte abführten. 1908 verkündeten einige Zeitungen bereits das Ende des Verbrecherkellers. Doch das Lokal überlebte unter dem neuen Wirt Hermann Homann, der es nun etwas bürgerlicher als „Speisewirtschaft zum Historischen Keller“ führte – am Ruf und am Publikum änderte das wenig. Die Schattenseiten des Milieus zeigten sich in brutalen Vorfällen, wie einem Raubüberfall durch einen mehrfach vorbestraften Kellner an einem englischen Seemann im Jahr 1909.
Mit schwarzem Humor reagierte Wirt Homann 1913 auf eine Zeitungsmeldung, die seinen Selbstmord behauptete. In einem Leserbrief stellte er klar: „Ich lebe noch.“ Scherzhaft kündigte er an, sich erst am 1. April 1914 erschießen zu wollen – nämlich dann, wenn der Hamburger Staat das Grundstück an der Ecke Niedernstraße und Depenau übernommen habe. Für die unfreiwillige Werbung bedankte er sich sogar; sie habe ihm „recht schöne Geschäfte“ eingebracht.
Das Ende einer Ära und was bleibt
Das genaue Datum, wann die letzten Gäste den Keller verließen, ist nicht überliefert. Sein Schicksal war jedoch besiegelt durch die großflächige Sanierung und den Abriss des gesamten Gängeviertels. Diese Maßnahme der Stadt war hygienisch und sozial dringend notwendig, um die unerträglichen Lebensbedingungen zu beenden. Zugleich löschte sie eine komplette, eigenwillige Welt aus, deren Bild heute fast ausschließlich durch die Linse von Polizeiberichten, Gerichtsakten und der oft vorurteilsbehafteten bürgerlichen Presse überliefert ist.
In den 1920er Jahren entstand auf dem freigeräumten Gelände das moderne Kontorhausviertel. Genau an der Stelle von Niedernstraße und Depenau erbaute der Architekt Fritz Höger zwischen 1922 und 1924 das Chilehaus, ein Ikone des Backsteinexpressionismus. Seine scharfkantige, ostwärts gerichtete Spitze, die wie ein Schiffsbug in das Stadtbild ragt, steht im absolutsten Kontrast zu dem dunklen, unterirdischen Lokal, das hier einst stand.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Örtlichkeit | Ecke Niedernstraße und Depenau, Hamburg |
| Zeitraum | Um 1900 bis 1914 |
| Bezeichnung | Verbrecherkeller, Café Vorbeck |
| Gesellschaft | 20.000 Menschen im Gängeviertel |
| Wirt | Fritz Vorbeck, später Hermann Homann |
| Architekt | Fritz Höger |
Vom Verbrecherkeller selbst ist nichts geblieben. Übrig sind jene wenigen, faszinierenden Ansichtskarten, die der findige Wirt Fritz Vorbeck einst drucken ließ. Sie frieren einen Moment der Hamburger Sozialgeschichte ein und zeigen uns die Gesichter einer Welt, die für immer verschwunden ist. Sie erinnern daran, dass hinter der glanzvollen Fassade der Handelsmetropole immer auch ein anderes, dunkleres Hamburg existierte, dessen Geschichten heute nur noch erzählt werden können.