Ein sanftes, fast schon verschlafenes Brummen erfüllte den Raum. Es war nicht das Geräusch der Stadt, die draußen vor dem Fenster in den Nachmittag startete, sondern der Klang einer tiefen, rauchigen Stimme, die sich durch Gitarrensaiten summte. Inga Rumpf probte. Es war einer dieser gewöhnlichen Tage in ihrer Wohnung in Hamburg, ein Tag wie viele andere in einem Leben, das alles andere als gewöhnlich war. In wenigen Wochen, am 2. August, wird diese Stimme, die eine ganze Ära der deutschen Rockmusik geprägt hat, 80 Jahre alt. Und im September wird sie dort stehen, wo sich für Hamburg heute die Weltspitze der Musik trifft: auf der Bühne der Elbphilharmonie. Ein ausverkauftes Geburtstagskonzert für eine Frau, die ihre Karriere in den stickigen Clubs von St. Pauli begann.
Inga Rumpfs Geschichte ist untrennbar mit der Geschichte Hamburgs verwoben. Geboren 1946, wuchs sie in einer Stadt auf, die sich vom Krieg erholte und gleichzeitig einen musikalischen Aufbruch erlebte. Während auf der Reeperbahn der Beat boomte, fand sie ihre eigene musikalische Heimat nicht im leichtfüßigen Pop, sondern im urwüchsigen Blues, im kraftvollen Rock und im seelenvollen Gospel. Ihre erste große Bühne fand sie bei den City Preachers, einer der bedeutendsten Folkgruppen Deutschlands. Doch der wahre Durchbruch kam mit der Gründung von Frumpy Ende der 1960er Jahre. Die Band wurde zu einem Phänomen und machte mit Songs wie „How the Gipsy Was Born“ deutschen Progressive Rock international bekannt. Plötzlich stand eine Frau mit rauer Stimme und E-Gitarre im Rampenlicht – in einer Zeit, in der das alles andere als selbstverständlich war.
„Es war in den 60er- und 70er-Jahren nicht üblich, dass eine Frau mit einer E-Gitarre auf der Bühne stand“, erinnerte sich Rumpf einmal in einem Podcast des „Hamburger Abendblatts“. „Aber oft haben es die Zuschauer gar nicht gemerkt, weil die Typen in meiner Band noch längere Haare hatten als ich und weil ich wie sie ein Batik-Unterhemd getragen habe. Und dann noch meine tiefe Stimme …“ Diese unbekümmerte Art, sich in einer Männerdomäne zu behaupten, machte sie zur Wegbereiterin. Sie war kein Zugeständnis an die Musikindustrie, sondern ihr eigener, kompromissloser Ausdruck. Nach Frumpy gründete sie Atlantis, tourte durch die USA und eröffnete sogar Konzerte für die Southern-Rock-Legenden Lynyrd Skynyrd. Die Hamburgerin mit der kraftvollen Stimme hatte die Weltbühne erreicht.
Ihr Netzwerk und ihr Ruf waren beeindruckend. Sie schrieb Songs für Tina Turner („I Wrote A Letter“), stand mit Blues-Gott B. B. King auf der Bühne und arbeitete mit Rockgrößen wie Santana und den Rolling Stones zusammen. Von Keith Richards und Ronnie Wood wurde sie nicht nur als Kollegin, sondern als ebenbürtige Musikerin respektiert. Eine Anekdote, die Rumpf gerne erzählt, unterstreicht dies: Vor einer Session brachte Richards ihr eine ganze Kiste bayerisches Bier mit, während für ihn und Wood nur je eine Flasche Whiskey bereitstand – eine Geste des willkommenen „Mitstreiters“.
Doch die engste und wohl Hamburg-typischste Verbindung blieb die zu Udo Lindenberg. Beide waren Teil jener revolutionären Szene, die Ende der 1960er Jahre deutschen Rock aus der Schlagermuffe befreite. Lindenberg spielte kurzzeitig Schlagzeug bei den City Preachers, beide lebten sogar zeitweise in einer Wohngemeinschaft. „Mit Udo saß ich oft am Alten Fischmarkt in Hamburg. Wir schauten auf den Freihafen und tauschten uns bei einem Bier über Gott und die Welt aus“, erzählte Rumpf 2021. „Damals standen wir noch ganz am Anfang und hatten viel vor. Das war eine spannende Zeit.“ Auch wenn sie in ihrer Biografie schrieb, Lindenberg habe sie mitunter „ganz schön nerven“ können, so blieb eine freundschaftliche Verbundenheit. 2011 holte der Panikrocker sie als Gast zu seinem MTV-Unplugged-Konzert im Hotel Atlantic, wo sie gemeinsam „Ich lieb‘ dich überhaupt nicht mehr“ sangen – eine schöne Ironie für zwei alte Weggefährten.
Trotz aller internationalen Erfolge blieb Hamburg immer ihr Fixpunkt. Die Stadt revanchierte sich und würdigte ihre prägende Rolle für die hiesige Kulturlandschaft. 2018 erhielt Inga Rumpf die Biermann-Ratjen-Medaille, die höchste kulturelle Auszeichnung der Hansestadt. Die Jury hob ihre „einzigartige Stimme“ und ihre Rolle als Pionierin hervor. Diese Ehrung ist mehr als nur ein Preis; sie ist ein offizielles Dankeschön der Stadt an eine Künstlerin, die über sechs Jahrzehnte hinweg das musikalische Gesicht Hamburgs mitgeformt hat.
Was bleibt von einer solchen Karriere? Es ist mehr als nur eine Diskografie. Inga Rumpf ist ein Vorbild geworden, vor allem für Generationen von Musikerinnen, die nach ihr kamen. Sie bewies, dass Kraft, Haltung und musikalische Tiefe kein Geschlecht kennen. Bis heute steht sie regelmäßig auf der Bühne, mal mit Blues-Projekten, mal mit Gospel-Formationen, immer auf der Suche nach dem rohen, ehrlichen Klang. „Ich bin angetreten, um mit Musik Menschen und die Welt kennenzulernen und auch damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten“, sagte sie vor einigen Jahren. „Wenn man die Phase von Sex, Drugs and Rock `n`Roll überstanden hat, kann man das noch sehr lange machen.“
Und so schließt sich nun im September in der Elbphilharmonie ein besonderer Kreis. Vom Kiez zum Weltklasse-Konzertsaal. „Mein Hamburg für immer, meine Elbphilharmonie für einen besonderen Tag“, kündigte sie an. Das längst ausverkaufte Konzert ist der beste Beweis dafür, dass diese rauchige Stimme, die einst den Beat von St. Pauli herausforderte, nichts von ihrer Kraft und ihrer Bedeutung verloren hat. Hamburg feiert mit Inga Rumpf nicht nur einen Geburtstag, sondern ein lebendiges Stück Stadtgeschichte, das bis heute weiterrockt.
- Ein sanftes, fast schon verschlafenes Brummen erfüllte den Raum
- Inga Rumpf wird am 2. August 80 Jahre alt
- Die erste große Bühne fand sie bei den City Preachers
- Frumpy machte deutschen Progressive Rock international bekannt
- Sie arbeitet mit Rockgrößen wie Santana und den Rolling Stones zusammen
- 2018 erhielt sie die Biermann-Ratjen-Medaille
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1946 | Geburt in Hamburg |
| 1960er | Gründung von Frumpy |
| 1970er | Gründung von Atlantis |
| 2011 | Gast bei Udo Lindenbergs MTV-Unplugged-Konzert |
| 2018 | Erhalt der Biermann-Ratjen-Medaille |
| 2023 | 80. Geburtstag und Konzert in der Elbphilharmonie |