Als Julia Becker, leitende Lokalredakteurin bei Nachrichten Lokal, verfolge ich diese Ermittlungen seit dem ersten Gespräch mit ehemaligen Mitarbeitern im vergangenen Jahr. Die Nachricht, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft nun offiziell gegen die drei ehemaligen Geschäftsführer des insolventen Modelabels Closed ermittelt, ist ein schwerwiegender Schritt in einer Geschichte, die weit über eine bloße Unternehmenspleite hinausgeht. Es geht um Vertrauen, Verantwortung und die konkreten Auswirkungen auf Hunderte von Menschen in unserer Stadt.
Die Staatsanwaltschaft bestätigte auf Nachfrage die Ermittlungen wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung. Dieser Straftatbestand liegt vor, wenn ein Unternehmen nicht mehr in der Lage ist, seine fälligen Zahlungen zu leisten, die Geschäftsführung dies erkennt, aber dennoch keinen Insolvenzantrag stellt. Stattdessen wird mit fremdem Geld, meist dem von Lieferanten oder durch neue Kredite, weitergewirtschaftet. Der Schaden für Gläubiger vergrößert sich so oft massiv. Im Falle von Closed sollen Gläubiger im Insolvenzverfahren Forderungen in Höhe von etwa 100 Millionen Euro angemeldet haben. Das Insolvenzgericht bestätigte diese Größenordnung. Die endgültige Prüfung läuft noch.
Closed, einst ein Aushängeschild für Hamburger Mode mit Sitz in Hoheluft-Ost, meldete im August 2025 Insolvenz an. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen noch rund 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In der offiziellen Begründung hieß es damals von Seiten des Unternehmens, man leide unter einer zu hohen Verschuldung und den daraus resultierenden Finanzierungskosten. Doch schon kurz nach der Anmeldung sickerten erste Details durch, die ein weitaus komplexeres und dunkleres Bild zeichneten.
laut den Ermittlungsunterlagen, die mir aus Justizkreisen vorliegen, konzentrieren sich die Ermittler auf eine Vielzahl dubioser Geschäfte in den Jahren vor der Pleite. Im Zentrum steht der frühere Finanzchef des Unternehmens. Ihm werden in internen Prüfberichten und ersten staatsanwaltschaftlichen Vorermittlungen unter anderem Kreditbetrug, Bilanzfälschung und Veruntreuung vorgeworfen. So sollen über Jahre hinweg Kredite erschlichen worden sein, indem die finanzielle Lage des Unternehmens in Bilanzen und Berichten besser dargestellt wurde, als sie tatsächlich war. Gelder, die für bestimmte betriebliche Zwecke bestimmt waren, sollen umgeleitet worden sein.
Die beiden anderen ehemaligen Geschäftsführer, der operative und der strategische Chef, bestreiten nach Informationen ihrer Anwälte vehement, von diesen konkreten Vorgängen gewusst zu haben. Ihre Verteidigung wird sich voraussichtlich darauf konzentrieren, dass sie sich auf die Angaben des Finanzchefs verlassen haben und dieser sie systematisch getäuscht habe. Die Staatsanwaltschaft muss nun prüfen, inwieweit diese Unkenntnis glaubhaft ist oder ob eine Mitverantwortung bzw. eine fahrlässige Pflichtverletzung bei der Überwachung des Unternehmens vorliegt. Ein Gutachten zur Frage der Organisationsverschulden wurde in Auftrag gegeben.
Die Ermittlungen sind für die Hamburger Wirtschaftsstaatsanwaltschaft eine Mammutaufgabe. Es müssen tausende Seiten an Geschäftsunterlagen, E-Mails, Buchungsbelegen und Protokollen gesichtet werden. Zeugenaussagen von ehemaligen leitenden Angestellten, Bankmitarbeitern und Geschäftspartnern müssen ausgewertet werden. Ein zentraler Punkt wird die Frage sein, ab welchem konkreten Zeitpunkt die Geschäftsführung die Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens hätte erkennen müssen. Dieser sogenannte „maßgebliche Zeitpunkt“ ist entscheidend für den Vorwurf der Verschieppung. Sollte er nachweisbar früher liegen als der tatsächliche Insolvenzantrag im August 2025, würde dies die Anklage stützen.
Die Auswirkungen dieser Unternehmenspleite sind in Hamburg noch immer spürbar. Von den 450 Arbeitsplätzen konnten nur ein kleiner Teil durch die Übernahme von Teilen des Geschäfts durch einen Investor gesichert werden. Die meisten Mitarbeiter, darunter viele Fachkräfte aus der Schneiderei, dem Design und dem Vertrieb, verloren ihren Job. Viele von ihnen haben mir in Gesprächen in den vergangenen Monaten von ihrer Verzweiflung und Wut berichtet. Nicht nur über den Jobverlust, sondern vor allem über das Gefühl, über Jahre hinweg in einem Unternehmen gearbeitet zu haben, dessen finanzielle Grundlagen möglicherweise auf Täuschung aufgebaut waren.
„Wir haben Überstunden gemacht, haben an die Marke geglaubt,“ sagte mir eine ehemalige Mitarbeiterin aus Eimsbüttel, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollte. „Und dann erfährt man, dass da vielleicht ganz oben etwas nicht stimmte. Das tut weh. Das ist ein Vertrauensbruch.“ Solche Stimmen sind typisch für die Stimmung unter den Betroffenen. Auch kleinere Hamburger Zulieferer und Dienstleister, etwa Werbeagenturen oder Textildruckereien, sitzen auf hohen offenen Forderungen. Für sie bedeutet die Insolvenzquote, die am Ende des Verfahrens festgesetzt wird, oft einen existenzbedrohenden Verlust.
Rechtlich gesehen ist Insolvenzverschleppung kein Kavaliersdelikt. Sie kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden. In besonders schweren Fällen, etwa wenn die Taten gewerbs- oder bandenmäßig begangen wurden oder ein besonders großer Schaden entstanden ist, sind sogar Strafen bis zu fünf Jahren möglich. Neben der strafrechtlichen Verantwortung haften Geschäftsführer, die ihre Sorgfaltspflichten verletzt haben, auch zivilrechtlich. Das bedeutet, sie können mit ihrem privaten Vermögen für einen Teil der entstandenen Schulden einstehen müssen. Der Insolvenzverwalter wird solche Schadensersatzansprüche sicherlich prüfen und gegebenenfalls geltend machen.
- Unzureichende interne Kontrolle
- Mangelndes Vertrauen unter Mitarbeitern
- Hohe Anzahl an Gläubigern
- Pleite eines symbolträchtigen Unternehmens
- Langwierige Ermittlungen
- Rechtliche Folgen für Geschäftsführer
Die Ermittlungen werfen auch ein Schlaglicht auf die Kontrollmechanismen in mittelständischen Unternehmen. Closed war keine kleine Boutique, sondern ein international agierendes Unternehmen mit einem Jahresumsatz, der zuletzt im dreistelligen Millionenbereich lag. Wie kann es sein, dass mögliche Unregelmäßigkeiten über einen längeren Zeitraum unentdeckt bleiben? Diese Frage stellen sich nicht nur die Ermittler, sondern auch Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater in der Hansestadt. Es geht um die Wirksamkeit interner Kontrollsysteme und die Frage, wie unabhängig Aufsichtsräte oder Beiräte wirklich agieren können.
Für die Stadt Hamburg ist der Fall ein Imageschaden. Closed stand wie kaum ein anderes Label für den „Hamburg Style“ – für eine bestimmte Lässigkeit, Qualität und Urbanität, die auch international erfolgreich war. Dass ausgerechnet dieses Aushängeschild nun mit solch schwerwiegenden juristischen Vorwürfen in Verbindung gebracht wird, trifft die lokale Mode- und Kreativszene. Andere etablierte Hamburger Marken betonen nun in Gesprächen umso mehr ihre seriöse und transparente Unternehmensführung, um sich abzugrenzen.
Die nächsten Schritte liegen nun bei der Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen werden voraussichtlich noch viele Monate, wenn nicht Jahre dauern. Am Ende steht die Entscheidung, ob Anklage erhoben wird oder das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt werden muss. Für die vielen Gläubiger und ehemaligen Mitarbeiter ist dieser juristische Prozess jedoch nur ein Teil der Aufarbeitung. Sie warten vor allem auf das Ende des Insolvenzverfahrens, um zu erfahren, wie viel ihrer Forderungen sie vielleicht noch erhalten. Und sie müssen mit der persönlichen und finanziellen Unsicherheit leben, die der Zusammenbruch von Closed verursacht hat.
Als Lokaljournalistin sehe ich meine Aufgabe darin, diesen komplexen Fall für die Hamburger Bürgerinnen und Bürger verständlich zu machen. Es geht nicht um bloße Sensationsberichterstattung, sondern darum, aufzuzeigen, wie Unternehmensentscheidungen in Chefetagen konkret das Leben Hunderter Familien in unseren Stadtteilen beeinflussen. Transparenz in solchen Verfahren ist essenziell für das Vertrauen in unsere Rechtsordnung und in die hiesige Wirtschaft. Ich werde die Entwicklung weiter genau beobachten und darüber berichten – für die ehemaligen Mitarbeiter in Hoheluft, die betroffenen Lieferanten in Barmbek und für alle, die verstehen wollen, was wirklich hinter der Pleite eines Hamburger Kultlabels steckt.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Unternehmen | Closed |
| Anzahl der Mitarbeiter | 450 |
| Forderungen der Gläubiger | 100 Millionen Euro |
| Insolvenzanmeldung | August 2025 |
| Ermittlungsfokus | Kreditbetrug, Bilanzfälschung, Veruntreuung |
| Rechtliche Konsequenzen | Bis zu 5 Jahre Freiheitsstrafe |