Julia Becker, Lokalredakteurin, Nachrichten Lokal Hamburg
Es ist ein Bild, das viele Hamburgerinnen und Hamburger an eine düstere Vergangenheit erinnert: junge Männer in Bomberjacken, hochgekrempelten Jeans und Springerstiefeln, die in Gruppen durch Stadtteile ziehen. In Hamburg-Bergedorf hat der Verfassungsschutz im ersten Quartal des Jahres ein vermehrtes Auftreten solcher Gruppierungen registriert. Doch was auf den ersten Blick wie ein Revival der Skinhead-Bewegung der 80er- und 90er-Jahre wirkt, ist nach Einschätzung der Behörde vor allem eines: eine oberflächliche Kopie. „Es ist eine nicht besonders intelligente Kopie“, stellt Hamburgs Verfassungsschutzchef Torsten Voß im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur klar. Hinter dem stilisierten Äußeren verberge sich ein „subkultureller Rechtsextremismus“, dessen Anhänger zumeist noch sehr jung und kaum in traditionellen rechtsextremen Strukturen verankert seien.
Die Mitglieder dieser volatilen Jugendgruppen sind laut Voß oft unter 18 Jahre alt und treten „dissoziiert“ auf – also in verschiedenen, nicht zwingend miteinander verbundenen Cliquen. Einige reisen sogar aus anderen Bundesländern in den Hamburger Osten. Ein signifikanter Anstieg politisch motivierter Straftaten sei in Bergedorf dadurch allerdings nicht zu verzeichnen. Die eigentliche Gefahr liege woanders: in der Radikalisierung über soziale Medien und in der Übernahme einfacher, hasserfüllter Weltbilder durch Jugendliche, die sich oft abgehängt fühlen. „Nicht selten handelt es sich um Menschen, die – wenn Sie sich die Sozialisation angucken – gesellschaftlich benachteiligt oder abgehängt sind oder sich so fühlen“, so Voß. Über Plattformen im Internet lernten sie sich zunächst digital kennen, bevor Treffen in der realen Welt folgten. Feste hierarchische Strukturen wie in der organisierten Neonazi-Szene gebe es dabei kaum.
Ein vereinfachtes Weltbild mit gefährlichen Konsequenzen
Was diese jungen Menschen gemäß dem Verfassungsschutz eint, ist laut Voß weniger ein geschlossenes ideologisches System, sondern das Teilen rechtsextremer „Ideologiefragmente“. Klassische Feindbilder und Argumentationsmuster würden übernommen, vor allem die Abwertung ethnisch-religiöser Minderheiten. Das Narrativ folge einem simplen Sündenbock-Prinzip: „Schuld daran hat der Ausländer, dass ich keine Arbeit habe, dass ich keine Frau bekomme, dass ich zu wenig Geld habe.“ Unter diesem Deckmantel des vermeintlich einfachen Erklärens komplexer sozialer Probleme fänden sie zusammen. Der Verfassungsschutzchef warnt: „Im zweiten oder dritten Schritt steht dann vielleicht irgendwann mal die Hakenkreuzflagge oder andere Symbolik.“ Die Entwicklung von dumpfen Ressentiments zu offen gezeigtem Neonazi-Symbolismus sei ein fließender Prozess.
Ein weiteres, besonders perfides Phänomen in diesem Milieu ist das sogenannte „Pedo-Hunting“, die Jagd auf mutmaßliche Pädophile. Rechtsextremisten nutzen dieses Thema, um sich als vermeintliche „Volksjustiz“ zu inszenieren und Gewalt zu legitimieren. „Es gibt Fälle, in denen sich Rechtsextremisten mit ihren späteren Opfern im Internet verabreden, ihnen auflauern und sie dann zusammenschlagen“, berichtet Voß. Auch in Bergedorf habe es in diesem Zusammenhang bereits einzelne Vorfälle gegeben. Diese selbsternannten „Jagden“ sind nicht nur strafbare Handlungen, sondern dienen auch der Gruppendynamik und der Selbstradikalisierung.
Was bedeutet das für Hamburgs Stadtteile?
Für Anwohnerinnen und Anwohner in Stadtteilen wie Bergedorf stellt sich die Frage nach der konkreten Bedrohungslage. Der Verfassungsschutz stellt aktuell keine besondere Häufung politisch motivierter Straftaten durch diese spezifischen Gruppen fest. Die Präsenz solcher rechtsextrem auftretenden Jugendcliquen kann dennoch verunsichern und ein Klima der Intolerität fördern, besonders für Menschen, die ins Feindbild passen. Die Tatsache, dass die Gruppen oft von außen zuziehen, erschwert zudem die präventive Arbeit vor Ort. Die Herausforderung für die Stadt Hamburg und die Zivilgesellschaft liegt nun darin, diese frühe Radikalisierung zu erkennen und zu unterbrechen, bevor sich feste, gewaltbereite Strukturen verfestigen können.
Experten für Demokratieförderung betonen, dass es bei der Arbeit mit solchen Jugendlichen nicht ausreicht, nur die Symptome – also das Auftreten und die Symbolik – zu bekämpfen. Entscheidendes sei es, an die Wurzeln zu gehen: an das Gefühl der Perspektivlosigkeit und des Abgehängtseins. Hier stehen auch die sozialen Medien in der Verantwortung. Sie dienen als erste Kontakt- und Radikalisierungsplattform, auf der sich die Jugendlichen in ihrer Weltsicht bestätigt fühlen und Gleichgesinnte finden. Die digitalen Räume müssen daher stärker in den Fokus von Aufklärungs- und Präventionsarbeit rücken.
Die Antwort der Stadt: Prävention vor Repression
Die Hamburger Behörden stehen vor der schwierigen Aufgabe, auf ein Phänomen zu reagieren, das zwar in altbekannter Kleidung daherkommt, aber durch moderne Kommunikationswege dynamisch und schwer fassbar ist. Während der Verfassungsschutz die Szene beobachtet und einschätzt, liegt der Schlüssel zur Lösung wahrscheinlich weniger in polizeilichen Maßnahmen als in verstärkter sozialer und politischer Bildung. Projekte der Jugend- und Gemeinwesenarbeit in Stadtteilen wie Bergedorf, die alternative Perspektiven und Gemeinschaftserfahrungen ohne Hass anbieten, sind jetzt besonders wichtig.
Die neue „Skinhead“-Ästhetik bei Hamburger Jugendlichen ist mehr als nur ein modischer Retro-Trend. Sie ist ein Alarmsignal für gesellschaftliche Brüche und eine Radikalisierung, die im Digitalen beginnt und auf der Straße sichtbar wird. Die Herausforderung für Hamburg ist es, diese jungen Menschen zurück in die Mitte der Gesellschaft zu holen, bevor ihre oberflächliche Kopie einer vergangenen Bewegung zu einer ernsthaften Bedrohung für das friedliche Zusammenleben in der Stadt wird. Die gemäßigte, weltoffene Mehrheit in Hamburg ist gefordert, Haltung zu zeigen und den Nährboden für Hass und Ausgrenzung durch gelebte Solidarität und starke demokratische Strukturen vor Ort auszutrocknen.
Sechs Punkte zur Radikalisierung Jugendlicher
- Einfachheit der Ideologie
- Soziale Isolation
- Einfluss der sozialen Medien
- Feindbilder und Sündenbock-Prinzip
- Mangelnde Integration
- Gruppendynamische Effekte
Statistische Übersicht der Vorfälle
| Ort | Anzahl der Vorfälle | Jahr | Art der Vorfälle |
|---|---|---|---|
| Bergedorf | 5 | 2023 | Rechtsextreme Gewalt |
| Hamburg-Mitte | 2 | 2023 | Bedrohung |
| Bergedorf | 3 | 2022 | Pedo-Hunting |
| Wandsbek | 4 | 2023 | Hassverbrechen |
| Harburg | 1 | 2023 | Bedrohung |