Am 12. September feiert Frankfurt eine seiner prägendsten und doch bescheidensten Institutionen: den Wasserhäusje-Tag. Seit 2023 würdigt die Stadt an diesem Datum die kleinen Kioske, die im Rhein-Main-Gebiet einzigartig Wasserhäuschen genannt werden. Es ist mehr als nur ein Ehrentag für einen Verkaufsstand. Es ist eine Anerkennung für Orte, die das soziale Gefüge der Stadtteile über Generationen hinweg zusammengehalten haben.
Die Geschichte der Frankfurter Wasserhäuschen reicht tief in die Vergangenheit der Stadt zurück. Ihre Ursprünge liegen im späten 18. Jahrhundert, als die Herstellung von Sodawasser Mineralwasser vom kostbaren Heilmittel zu einem erschwinglichen Getränk für alle machte. Aus kleinen Ständen, an denen das sogenannte „Sodawasser“ und Limonade aus den legendären Glasflaschen, den „Klickerflaschen“, ausgeschenkt wurden, entwickelten sich die typischen Wasserhäuschen. Anfangs verkauften sie vor allem Erfrischungen wie Wasser, Tee, Obst und Süßigkeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann das Feierabendbier zum festen Bestandteil des Sortiments und verwandelte die Häuschen endgültig in sozialen Treffpunkt.
Die Hochzeit erlebten die Wasserhäuschen in den 1970er Jahren. Damals gab es in Frankfurt schätzungsweise 800 dieser kleinen Läden. Heute sind nur noch etwa 200 übriggeblieben. Der Rückgang hat viele Gründe: veränderte Einkaufsgewohnheiten durch Supermärkte und Spätverkauf, höhere Mieten und weniger Nachfolger für die oft familiär geführten Betriebe. Doch trotz ihrer geringeren Zahl ist ihre kulturelle und soziale Bedeutung für die Stadt ungebrochen.
„Ein Wasserhäuschen ist kein gewöhnlicher Kiosk“, erklärt Oberbürgermeister Mike Josef. „Es ist ein Stück gelebte Stadtgeschichte, ein sozialer Knotenpunkt und oft der erste Anlaufpunkt für Neuankömmlinge in einem Viertel.“ Die Stadt erkennt mit dem Aktionstag an, dass diese Orte mehr sind als Wirtschaftsbetriebe. Sie sind Kulturträger und ein Stück identitätsstiftendes Erbe für Frankfurt.
Die Funktionen eines Wasserhäuschens gehen weit über den Verkauf von Zeitungen, Zigaretten und Getränken hinaus. Hier trifft sich die Nachbarschaft. Hier werden Neuigkeiten ausgetauscht, ein kurzes Schwätzchen gehalten oder einfach nur ein Moment der Ruhe genossen. Für viele Alleinstehende, insbesondere ältere Menschen, ist der tägliche Besuch am Wasserhäuschen ein wichtiger Kontakt zur Außenwelt und ein fester Punkt im Tagesablauf. Sie sind niedrigschwellige Anlaufstellen, Orte der Integration und oft der erste Kontaktpunkt für Menschen, die neu in ein Viertel ziehen.
Marlene Schmidt, die seit über 30 Jahren ein Wasserhäuschen im Stadtteil Bornheim führt, beschreibt es so: „Ich verkaufe nicht nur Bier und Brötchen. Ich verkaufe Gespräche, ein offenes Ohr und manchmal auch einfach nur ein Gefühl von Zuhause. Meine Kundinnen und Kunden sind meine Nachbarn. Ich weiß, wer krank war, wer Geburtstag hat und wer gerade Hilfe braucht.“ Dieser persönliche, oft generationenübergreifende Service ist es, was die Wasserhäuschen von anonymen Supermärkten oder Tankstellen unterscheidet.
Der Wasserhäusje-Tag am 12. September soll genau diese besondere Rolle ins öffentliche Bewusstsein rücken. An vielen der noch bestehenden 200 Wasserhäuschen finden an diesem Tag besondere Aktionen statt. Oft gibt es kleine Spezialitäten oder Rabatte, manche Betreiber organisieren Nachbarschaftsfeste mit Musik vor ihrer Tür. Die Stadt Frankfurt selbst unterstützt den Tag mit einer begleitenden Kampagne in den sozialen Medien und einer Stadtteil-Rallye, die zu besonders historischen oder charakteristischen Wasserhäuschen führt. Ziel ist es, die Frankfurterinnen und Frankfurter dazu zu motivieren, ihr lokales Wasserhäuschen bewusst zu besuchen und wertzuschätzen.
Die Herausforderungen für die Betreiber sind jedoch real. Steigende Energiekosten, hohe Abgaben und der ständige Preisdruck durch große Ketten machen das Geschäft schwer. Dazu kommt die Nachfolgefrage. Viele Wasserhäuschen sind Familienbetriebe, die seit Jahrzehnten bestehen. Finden die Kinder der aktuellen Betreiber keine Lust oder keine wirtschaftliche Perspektive mehr, den Betrieb fortzuführen, schließt ein weiteres Stück Stadtgeschichte.
Die Stadtverwaltung sieht hier eine Mitverantwortung. „Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die den Erhalt dieser wichtigen sozialen Infrastruktur ermöglichen“, sagt Wirtschaftsdezernent Stefan Majer. Diskutiert werden unter anderem vereinfachte Genehmigungsverfahren, eine mögliche Senkung der Gewerbesteuer für kleine Kioskbetriebe oder die gezielte Berücksichtigung von Wasserhäuschen in städtebaulichen Planungen. Ein Vorschlag ist auch, sie offiziell als „Orte der Daseinsvorsorge und sozialen Infrastruktur“ anzuerkennen, was ihnen in bau- und planungsrechtlichen Fragen mehr Gewicht verleihen würde.
Ein Blick in andere deutsche Großstädte zeigt, wie besonders die Frankfurter Situation ist. Während es in Berlin „Spätis“ und im Ruhrgebiet „Trinkhallen“ gibt, ist die Bezeichnung „Wasserhäuschen“ und ihre tiefe kulturelle Verankerung ein rein Frankfurter und hessisches Phänomen. Die Stadt hat damit eine Verantwortung, dieses lokale Kulturgut zu schützen. Es geht nicht darum, unrentable Betriebe künstlich am Leben zu halten, sondern darum, ihre einzigartigen sozialen Funktionen anzuerkennen und zu fördern.
Für die Frankfurter Bürgerinnen und Bürger ist der Wasserhäusje-Tag eine konkrete Einladung. Eine Einladung, den Wert des eigenen Viertelkiosks neu zu entdecken. Wer sein lokales Wasserhäuschen unterstützen möchte, kann das am 12. September und an jedem anderen Tag tun: indem er dort seine Zeitung kauft, sein Feierabendbier holt oder einfach nur kurz „Hallo“ sagt. In einer Zeit, in der Nachbarschaften oft anonym werden und der soziale Kitt bröckelt, sind diese kleinen Orte unersetzlich.
Der Wasserhäusje-Tag ist deshalb mehr als nur ein symbolisches Datum im Kalender. Er ist eine Erinnerung daran, dass Stadtkultur im Kleinen entsteht. In den Gesprächen an der Theke, in der täglichen Begegnung und in den Räumen, die für alle offenstehen. Die rund 200 verbliebenen Wasserhäuschen sind lebendige Museen der Alltagskultur und Garanten für ein sozialeres Frankfurt. Sie zu erhalten bedeutet, die Seele der Stadtteile zu bewahren.
- Soziale Treffpunkte für die Nachbarschaft
- Kulturelles Erbe der Stadt
- Familiengeführte Betriebe
- Integration und niedrigschwellige Anlaufstellen
- Begegnungsräume für Generationen
- Verkäufer von Erfrischungen und Gesprächen
| Jahr | Anzahl Wasserhäuschen |
|---|---|
| 1970 | 800 |
| 2023 | 200 |