In der schwülen Luft des Centre Aquatique Olympique in Paris schrieb eine Berlinerin Schwimmgeschichte. Mit kraftvollen, eleganten Bewegungen bahnte sich Angelina Köhler ihren Weg durch das Wasser, bis ihre Hand die Platte am anderen Ende des Beckens berührte. Auf der Anzeigetafel leuchtete es auf: Platz 2, 56,39 Sekunden. Ein tiefer Seufzer der Erleichterung, dann Freude. Der Silber-Coup über 100 Meter Schmetterling ist nicht nur Angelina Köhlers erstes Edelmetall auf einer Langbahn-Europameisterschaft, es ist ein Sieg über persönliche Dämonen und eine Pause von 33 Jahren für den deutschen Schwimmsport. Seit Franziska van Almsick 1993 in Sheffield Silber gewann, hatte keine deutsche Schwimmerin mehr auf dieser anspruchsvollen Strecke eine EM-Medaille erobert.
Die 25-jährige Berlinerin kam als Titelverteidigerin der Welt von 2024 und schnellste Europäerin der Saison nach Paris. Doch der Ort war auch mit einem Trauma verbunden. Hier, nur wenige Kilometer vom Schwimmbecken entfernt, hatte sie bei den Olympischen Sommerspielen 2024 den vierten Platz belegt – eine bittere Enttäuschung, die noch von einer unschönen Kontroverse überschattet wurde. Damals hatte sie öffentlich Kritik an ihrer chinesischen Konkurrentin Zhang Yufei geäußert, die 2021 vor den Tokio-Spielen positiv getestet worden, aber nie gesperrt worden war. Die Folge waren massive Beleidigungen und Bedrohungen durch Internet-Bots, die Köhler psychisch stark belasteten. Umso größer war nun die Genugtuung. „Mir geht es richtig toll! Wenn es einem nach einem EM-Silber nicht toll gehen kann, dann weiß ich auch nicht“, sagte sie strahlend nach dem Rennen. „Es war der absolute Mega-Hammer. Endlich bin ich so schnell geschwommen, wie ich es kann.“
Im Endlauf musste sich Köhler nur der starken belgischen Titelverteidigerin Roos Vanotterdijk (56,08 Sekunden) geschlagen geben. Bronze sicherte sich die Russin Daria Klepikowa in 56,76 Sekunden. Die deutsche Schwimmerin führte nach der Wende sogar kurz, zeigte auf den letzten Metern dann aber vor allem mentale Stärke, um ihre Position zu verteidigen. Für den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) war es bereits die sechste Medaille bei den Beckenwettbewerben dieser EM, ein deutliches Signal für die anhaltende positive Entwicklung des Verbands.
Der Weg zu diesem Moment war lang und steinig. Angelina Köhler, die für den SG Neukölln Berlin startet, ist seit Jahren eine der konstantesten deutschen Sprinterinnen im Schmetterling. Ihre Spezialstrecke, der 100-Meter-Schmetterling, gilt als eine der technisch anspruchsvollsten und kraftraubendsten Disziplinen im Schwimmsport. Erfolge auf der internationalen Bühne blieben auf der 50-Meter-Langbahn jedoch lange aus, während sie auf der 25-Meter-Kurzbahn bereits 2023 EM-Gold und -Silber gewonnen hatte. Die mentale Last der Olympia-Enttäuschung und der folgenden Anfeindungen lastete schwer. Dass sie es schaffte, diese negativen Erfahrungen in Paris in positive Energie umzuwandeln, macht die Silbermedaille zu einer besonderen Leistung.
| Wettbewerb | Medaille | Zeit |
|---|---|---|
| 100 Meter Schmetterling | Silber | 56,39 Sekunden |
| 4×100 Meter Lagenstaffel | vermutlich | noch offen |
Für den deutschen Schwimmsport bricht diese Medaille eine fast schon mythische Durststrecke. Seit dem Rücktritt von Franziska van Almsick, einer der erfolgreichsten deutschen Schwimmerinnen aller Zeiten, hatte es auf der 100-Meter-Schmetterlingsstrecke bei Europameisterschaften keinen Podestplatz mehr für Deutschland gegeben. Diese Lücke von über drei Jahrzehnten zu schließen, unterstreicht Köhlers Bedeutung für das Team. Sie ist ein Vorbild für Durchhaltevermögen und zeigt, dass es sich lohnt, auch nach großen Rückschlägen weiterzukämpfen.
- Angelina Köhler gewinnt Silber in Paris
- Erstes Edelmetall auf Langbahn für Köhler
- Starke Leistung trotz vergangener Rückschläge
- DSV holt sechste Medaille dieser EM
- Langjährige Konstanz im Schwimmen
- Signal für Nachwuchsschwimmerinnen
Nach dem Rennen zeigte sich die Berlinerin bodenständig und voller Vorfreude auf die kommenden Aufgaben. Das spontane Feiern müsse noch warten, da sich das Team weiterhin auf einer offiziellen Maßnahme befinde. „Am liebsten würde ich natürlich gerne mit einem Champagner anstoßen, aber das geht erst am Sonntag“, verriet sie. Ihre Pläne für die unmittelbare Zukunft sind bescheiden: „Deshalb werde ich mir was Schönes, Gutes zu Essen holen, morgen einen Tag mit der Familie verbringen und mich dann wieder ein bisschen locker schwimmen für die Staffel.“ Denn die Europameisterschaften sind für Köhler noch nicht vorbei. Sie wird voraussichtlich noch in der 4×100-Meter-Lagenstaffel antreten, wo Deutschland ebenfalls Medaillenchancen hat.
Die Silbermedaille von Angelina Köhler ist mehr als nur ein sportliches Ergebnis. Sie ist eine Geschichte über Resilienz, über den Triumph nach einer öffentlichen Niederlage und den langen Atem, den Spitzensport erfordert. Sie sendet ein Signal an alle Nachwuchsschwimmerinnen in Deutschland, dass auch auf schwierigen Strecken der Weg nach ganz oben möglich ist. Für Köhler selbst öffnet dieser Erfolg ein neues Kapitel. Die Last von Paris 2024 ist abgefallen, die Zuversicht für die Zukunft ist zurück. Der Champagner am Sonntag wird nicht nur auf eine EM-Medaille anstoßen, sondern auf einen Neuanfang.