Der Bericht der vietnamesischen Luftfahrtbehörde zur Beinahe-Katastrophe am Münchner Flughafen zeichnet das Bild eines dramatischen Starts, bei dem ein technisches Versagen und schwierige Entscheidungen der Crew in Sekundenbruchteilen zusammenkamen. Während keiner der 287 Insassen der Boeing 787-9 zu Schaden kam, wirft der Vorfall schwerwiegende Fragen zur Flugsicherheit und zu den Abläufen an einem der größten deutschen Verkehrsflughäfen auf.
Die entscheidenden Momente spielten sich am vergangenen Samstag auf der Startbahn 08L/26R in München ab. Nach dem vorläufigen Untersuchungsbericht erlebte die Besatzung des Vietnam-Airlines-Fluges VN34 Richtung Hanoi bereits während des Beschleunigungsvorgangs ein unerklärliches Problem. Mitten auf der Bahn, nach etwa der Hälfte der zurückgelegten Strecke, beschleunigte die Maschine für etwa zwei Sekunden nicht weiter. Ein beunruhigendes Signal. Anschließend gelang es den Piloten zwar, die kritische Entscheidungsgeschwindigkeit V1 zu erreichen – jenen Punkt, ab dem ein Startabbruch zu gefährlich ist –, doch dann fiel die Geschwindigkeit der Boeing wieder ab.
Der Pilot stand in diesem Moment vor einer kaum zu bewältigenden Entscheidung. Die verbleibende Startbahnlänge reichte laut Bericht nicht mehr aus, um den Start sicher abzubrechen. Die einzige Option war, den Startvorgang fortzusetzen. Er schob die Triebwerks-Schubhebel auf maximale Leistung und zog die Flugzeugnase hoch. Die Maschine hob ab, jedoch unter extremen Bedingungen. Unmittelbar nach dem Abheben ertönten Warnmeldungen im Cockpit: Das Heck des Flugzeugs hatte die Startbahn berührt, ein sogenannter Tailstrike. Gleichzeitig meldete das System, dass vier der acht Reifen Luft verloren.
Die Gefahr war damit noch lange nicht gebannt. Die Crew informierte die Münchner Flugsicherung und traf die Entscheidung, für eine technische Überprüfung umzukehren. Um das Flugzeug für eine sichere Landung leichter zu machen, wurde über einem dafür vorgesehenen Gebiet Kerosin abgelassen. In einer bemerkenswerten Vorsichtsmaßnahme flog der Pilot dann zwei weite Schleifen in niedriger Höhe über dem Flughafen. Dies ermöglichte es der Flugsicherung am Boden, den Zustand des beschädigten Fahrwerks optisch zu beurteilen. Nachdem keine offensichtlichen Abnormalitäten festgestellt wurden, wagte die Crew die Landung. Bei der Landung war Qualm am Fahrwerk zu sehen, der laut Bericht jedoch nicht von einem Brand, sondern vermutlich von den geplatzten Reifen stammte.
Eine spätere Inspektion bestätigte das Ausmaß des Zwischenfalls: Drei Reifen auf der linken Seite und einer auf der rechten Seite des Fahrwerks waren geplatzt. Die Spuren des Tailstrikes waren am Rumpfheck deutlich sichtbar. Die Tatsache, dass die Maschine trotz dieser massiven Schäden sicher landen konnte, spricht für die Robustheit der Boeing 787-9 und die Besonnenheit der Crew in einer extremen Notsituation.
Für die Passagiere an Bord, die vermutlich erst nach der Landung das volle Ausmaß der Gefahr erahnten, war es eine zutiefst beunruhigende Erfahrung. Man vertraut darauf, dass alles nach Plan läuft. Zu erfahren, dass das Flugzeug fast nicht abgehoben hat und dann mit geplatzten Reifen landet, ist ein Albtraum, kommentiert ein regelmäßiger Vielflieger aus München, der den Vorfall verfolgt hat. Solche Vorfälle schütteln das fundamentale Vertrauen in die Luftfahrt erschütternd durch.
Der nun vorgelegte Bericht ist ein erster, wichtiger Schritt. Er legt ein technisches Problem während des Startlaufs nahe, benennt die Abfolge der Ereignisse und würdigt die Reaktion der Crew. Die zentralen Fragen bleiben jedoch vorerst unbeantwortet: Was verursachte den plötzlichen Geschwindigkeitsverlust auf der Startbahn? Handelte es sich um ein Problem mit den Triebwerken, der Flugsteuerung oder einem anderen System? Warum trat dieses Problem gerade in der kritischen Startphase auf?
| Untersuchungsschritte | Beschreibung |
|---|---|
| Auswertung der Flugschreiber | Experten analysieren die Daten zur Flugperformance. |
| Überprüfung der Triebwerke | Minutengenaue Kontrolle auf mögliche Defekte. |
| Analyse der Systeme | Überprüfung aller relevanten Systeme im Flugzeug. |
| Untersuchung der Startbahn | Prüfung auf eventuelle Beschädigungen oder Probleme. |
| Interne Befragungen | Gespräche mit der Crew und Flugsicherung. |
| Berichterstattung | Erstellung eines detaillierten Berichts über die Ereignisse. |
Für den Münchner Flughafen, ein zentraler Drehkreuz im Herzen Europas, ist der Vorfall eine ernste Mahnung. Er unterstreicht, dass trotz aller technologischen Fortschritte die Sicherheit im Luftverkehr von der einwandfreien Funktion komplexer Systeme und der menschlichen Urteilsfähigkeit unter höchstem Druck abhängt. Die nächsten Wochen werden zeigen, welche Lehren aus diesen angespannten Sekunden über der Münchner Startbahn gezogen werden müssen, um das Vertrauen der Passagiere zu erhalten und die Sicherheitsstandards weiter zu gewährleisten.