An der Grünwalder Straße tost der Verkehr vierspurig vorbei, eine Tram rattelt über die Schienen. Fußgänger sind kaum zu sehen, dafür prägen verrußte Fassaden aus vergangenen Jahrzehnten das Bild. „Einfach geil“, sagt Simon Pearce an einem heißen Dienstagmittag. Er steht vor den alten Kassenhäusln des Sechzgerstadions und lächelt. „Hier ist in manchen Ecken wirklich die Zeit stehen geblieben.“
Diese Beschreibung trifft auf Teile von Giesing zu, einem Viertel, in dem das Verhältnis von urigen Stüberln zu modernen Biomärkten noch nicht bei 1:10 liegt, aber auch nicht mehr bei 10:0. Für Pearce, einen waschechten Giesinger, gilt das im Besonderen, weil hier wahnsinnig viele persönliche Erinnerungen stecken. Sein Spaziergang mit unserer Redaktion zeigt mehr als nur Straßen – er zeigt Heimat.
Ein Viertel wie ein offenes Familienalbum
Simon Pearce zeigt hoch zu einem Altbau an der Grünwalder Straße, aus dem man einen direkten Blick aufs Spielfeld des TSV 1860 München hat. Er erzählt von der Regionalliga-Saison vor neun Jahren. Damals schaute er regelmäßig mit einem Kumpel, der dort wohnte, die Spiele von dessen Wohnung aus. „VIP-Lounge Giesing“ stand auf der Fahne, die sie aus dem Fenster hängten. „Ich hab immer Leberkas mitgebracht“, erinnert sich Pearce. Selbst Spielerfrauen wie Ivonne Mölders fanden damals den Weg in diese inoffizielle Loge. Sogar der damalige Stadionsprecher grüßte irgendwann nicht nur die Westkurve, sondern auch „die Fans in der VIP-Lounge Giesing“. Pearce lacht noch heute darüber, auch wenn diese Lounge heute Geschichte ist.
Seine Verbindung zu den Löwen ist klassisch. Sein Vater brachte ihn als Kind mit. Der Löwenbräu am Grünwalder war damals noch ein Wienerwald-Restaurant. Hier gab es das erste Mal Spezi und Chickensticks für den kleinen Simon. Doch es ging um mehr als Fußball. „In Puchheim draußen waren wir ja nicht nur wegen unserer Hautfarbe Außenseiter, sondern auch als Sechzger-Fans“, sagt Pearce. Der erste Stadionbesuch war daher ein Befreiungsschlag. „Hier waren plötzlich alle wie der Papa mit seinem Sechzgerschal.“ Später spielte er selbst in der Jugend der Löwen, war Balljunge bei den Profis. Heute geht er mit seinem eigenen Sohn zu den Spielen. Dass die aktuellen Stadionausbaupläne konkret werden und Oberbürgermeisterin Katrin Habenschaden (Die Grünen) laut Stadtratsbeschlüssen kein Veto einlegen will, findet er richtig. „Das ist doch cool, wenn Politik zu ihrem Wort steht.”
Zwischen Ostfriedhof und Tegernseer Landstraße: Heimatgefühl pur
Der Spaziergang führt Pearce immer wieder zum Thema Familie. Sein Vater, der aus Nigeria nach München kam, ist auf dem Ostfriedhof begraben, seit 2023 liegt auch seine Mutter dort. Ein Freund der Familie schuf die auffällige, tropfenförmige Skulptur auf dem Grabstein. „Ich bin nicht gläubig”, sagt Pearce. „Aber das hier ist mein Ruheort. Ich komme her, höre afrikanische Musik, erzähle ihm, was passiert ist, oder bitte um Hilfe.” Es ist ein intimer Einblick, der zeigt, wie sehr persönliche Geschichte und Ort verwoben sind.
Zurück im lebendigen Giesing dreht sich das Gespräch schnell um die Seele des Viertels: die Stüberlkultur. „Die ist was Wunderbares”, schwärmt Pearce und schaltet in den humorvollen Modus. „Gut sind Kneipen, wo mehr Spielautomaten als Gäste sind. Und trotzdem mehr Gäste als Zähne.” Er mag sowohl diese urigen Eckkneipen an der Tegernseer Landstraße als auch die etwas jüngeren Läden wie das „Schau ma moi“, das „Bamboleo“ oder das „Alt-Giesing”. Er beschreibt ein typisches Fan-Phänomen nach Löwen-Spielen: „Man geht von Tür zu Tür, aber eigentlich oft gar nicht zur Tür rein. Draußen vor den Wirtschaften stehen, ratschen: herrlich! Das ist einfach eine schöne Art, sich zu freuen oder aufzuregen. Also bei Sechzig meistens: sich aufzuregen.”
Das „Gegenteil von Schwabing“: Wo München echt geblieben ist
Vom Trubel der Hauptstraßen ist es nur ein paar Schritte in die Stille. Pearce zeigt die kleine Voßstraße in Untergiesing. Hier stehen alte, grüne Wohnblöcke, die an die 70er Jahre erinnern. Nichts wirkt hier modern, hip oder aufpoliert. „Hier stellt man acht alte Autos hin und eine gelbe Telefonzelle: Zack, fertig ist die Filmkulisse”, sagt Pearce, der hier schon für Serien wie „München-Beats” gedreht hat. Es ist ein weiterer Ort, an dem die Zeit eine Pause eingelegt zu haben scheint.
Das ist jenes Giesing, das Pearce als „das Gegenteil von Schwabing” beschreibt. Aus seinem Mund ist das ein großes Kompliment. Es steht für ein München, das nicht durchgentrifiziert, nicht glattgebügelt und nicht nur auf Tourismus getrimmt ist. Es ist ein Viertel der kleinen Geschäfte, der langjährigen Nachbarschaften und des robusten Charmes. Laut Daten des Statistischen Amts leben in den Bezirken Unter- und Obergiesing rund 50.000 Menschen in einer Mischung aus Altbauwohnungen, Genossenschafts-Siedlungen und einigen Neubauprojekten. Die Mietpreise, obwohl auch hier steigend, liegen laut Mietspiegel noch spürbar unter denen in Schwabing oder der Maxvorstadt.
| Aspekte von Giesing | Details |
|---|---|
| Bevölkerung | Rund 50.000 Menschen |
| Wohnformen | Altbauwohnungen, Genossenschafts-Siedlungen |
| Mietpreise | Unter denen in Schwabing oder Maxvorstadt |
| Sehenswürdigkeiten | Sechzgerstadion, Ostfriedhof |
| Wirtschaft | Kleine Geschäfte und Stüberln |
| Kultur | Multikulturelle Geschichte |
Giesing ist kein Freilichtmuseum. Es verändert sich, aber im eigenen Tempo. Neue Cafés öffnen, doch sie verdrängen die alten Wirtshäuser nicht komplett. Der Ausbau des Sechzgerstadions wird das Viertel verändern, aber seine Seele, davon ist Pearce überzeugt, bleibt erhalten. Es ist dieser Mix aus Fußballleidenschaft, multikultureller Geschichte, uriger Gemütlichkeit und einem unverwechselbaren, manchmal rauen Charme, der Giesing zu einem der letzten echten Geheimtipp Münchens macht – zumindest für die, die nicht schon dort zu Hause sind.