Nächster Zwischenfall in München: A380 setzt zu früh auf
Die Landung eines riesigen Airbus A380 am Münchner Flughafen am Dienstagmorgen endete nicht wie geplant. Statt auf der eigentlich vorgesehenen, über 4.000 Meter langen Südbahn setzte die Maschine einer großen europäischen Fluggesellschaft mehrere hundert Meter früher auf – auf einem deutlich kürzeren parallelen Landestreifen. Was sich nach einem gefährlichen Manöver anhört, verlief nach ersten Erkenntnissen der Deutschen Flugsicherung (DFS) und des Flughafens zwar „sicher“, wirft aber erneut drängende Fragen zur Sicherheit und den Abläufen am größten bayerischen Verkehrsdrehkreuz auf.
Wer war betroffen? Ein Airbus A380, das größte Passagierflugzeug der Welt, auf einem planmäßigen Linienflug. Was geschah genau? Das Flugzeug landete gegen 10:15 Uhr nicht auf der dafür freigegebenen Start- und Landebahn 08R/26L, sondern auf dem danebenliegenden Rollweg „Mike“, der eigentlich nur zum Rollen der Flugzeuge gedacht ist. Wann und Wo? Am Vormittag des 11. März 2025 auf dem Gelände des Flughafens München „Franz Josef Strauß“. Warum und Wie? Das untersuchen jetzt die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) und die DFS. Erste Hinweise deuten auf einen möglichen Fehler im Cockpit oder ein Missverständnis bei der Kommunikation mit der Flugsicherung hin.
Für die über 450 Passagiere an Bord verlief die Landung nach ihren Schilderungen zwar etwas härter als üblich, aber nicht dramatisch. „Es gab einen deutlichen Ruck, und dann war alles vorbei“, berichtet eine Passagierin, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Erst als wir schon am Gate standen und die Crew durchsagte, wir sollen wegen einer Routinekontrolle noch Platz nehmen, kam Unruhe auf.“ Das Flugzeug wurde nach der Landung gründlich überprüft, Schäden wurden zunächst keine festgestellt.
Doch der Vorfall hat Gewicht. Ein A380 wiegt voll beladen bis zu 575 Tonnen. Eine Landung auf einem Rollweg, der weder für diese Lasten ausgelegt ist noch die notwendige Länge für eine reguläre Landung bietet, ist ein ernster Sicherheitsvorfall. „Der Rollweg ‚Mike‘ hat keine Landeschwelle und kein Instrumentenlandesystem. Er ist schlicht nicht zum Landen konstruiert“, erklärt ein erfahrener Verkehrspilot, der regelmäßig in München fliegt und anonym bleiben möchte. „Dass hier nichts passiert ist, ist großes Glück. Bei nasser Bahn oder anderem Wetter hätte das ganz anders ausgehen können.“
Dies ist nicht der erste Zwischenfall dieser Art in München. Erst im vergangenen Herbst landete eine Maschine auf einer bereits gesperrten Bahn, weil sie die Anweisungen der Flugsicherung falsch verstanden hatte. Solche Ereignisse häufen sich spürbar. Daten der DFS zeigen, dass die Zahl der sicherheitsrelevanten Vorfälle (sogenannte „Incidents“) an deutschen Flughäfen zuletzt gestiegen ist. Allein in München wurden im vergangenen Jahr über 20 solcher Vorfälle registriert – Tendenz steigend. Zum Vergleich: Am deutlich größeren Flughafen Frankfurt waren es im selben Zeitraum bei höherem Verkehrsaufkommen weniger.
Der Münchner Flughafen wächst seit Jahren stetig. 2024 wurden hier über 40 Millionen Passagiere abgefertigt, nahezu zurück auf Vorkrisenniveau. Die enge Taktung der Flugzeuge, besonders in den Morgen- und Abendstunden, stellt Flugsicherung, Bodenpersonal und Piloten vor immense Herausforderungen. „Die Infrastruktur stößt an ihre Grenzen“, sagt Karl Schmid, Luftfahrtexperte an der Hochschule München. „Zwei parallele Bahnen, die sehr dicht beieinander liegen, wie in München, sind betrieblich effizient, erhöhen aber das Risiko für Verwechslungen, besonders bei hohem Arbeitsaufkommen für die Fluglotsen und unter Zeitdruck.“
Die politische Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Bayerischen Landtag, Markus Büchler, forderte eine sofortige Überprüfung der Arbeitsbelastung bei der DFS und am Flughafen. „Sicherheit muss immer Vorrang haben vor betrieblicher Effizienz. Wir können nicht riskieren, dass durch Überlastung oder marode Systeme Menschen in Gefahr gebracht werden.“ Auch die Gewerkschaften meldeten sich zu Wort. Die Vereinigung Cockpit (VC) wies darauf hin, dass die technische Ausstattung und die Personalsituation bei der Flugsicherung dringend verbessert werden müssten.
Was bedeutet das für die Münchnerinnen und Münchner und alle, die den Flughafen nutzen? Zunächst einmal ist die unmittelbare Gefahr gebannt. Der Flughafenbetrieb wurde nach dem Vorfall nicht eingeschränkt. Doch das Vertrauen in die absolute Sicherheit des Luftverkehrs hat einen Knacks bekommen. Viele fragen sich: Wie kann so etwas passieren? Wer trägt die Verantwortung? Und was wird getan, damit es nicht wieder geschieht?
Die Aufklärung liegt nun bei der BFU. Ihre Untersuchung wird Monate dauern. Sie wird den genauen Funkverkehr zwischen Cockpit und Tower analysieren, die Daten des Flugschreibers auswerten und die Arbeitsabläufe der Flugsicherung unter die Lupe nehmen. Erst dann wird es abschließende Antworten geben. Bis dahin bleibt ein mulmiges Gefühl.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Flugzeugtyp | A380 |
| Passagiere an Bord | Über 450 |
| Landungszeit | 10:15 Uhr |
| Untersuchungsbehörde | BFU |
| Vorfall-Datum | 11. März 2025 |
| Gelände | Franz Josef Strauß Flughafen |
Die Konsequenzen könnten weitreichend sein. Denkbar sind neue technische Sicherheitsvorkehrungen, etwa verbesserte Bodenradarsysteme, die Piloten warnen, wenn sie sich einem falschen Streifen nähern. Auch eine Überarbeitung der Lotsen-Schulungen für die spezielle Münchner Bahnkonfiguration ist im Gespräch. Langfristig stellt sich die Frage, ob der Flughafen mit seiner aktuellen zweibahnigen Infrastruktur das weiter wachsende Passagieraufkommen überhaupt noch sicher bewältigen kann – oder ob der seit Jahren diskutierte und hochumstrittene dritte Terminalbau doch wieder auf die Agenda kommt.
Für die Passagiere des betroffenen Flugs endete der Tag mit stundenlanger Verspätung und vielen Fragen. Die Fluggesellschaft bot Entschädigungen an und entschuldigte sich für die „ungewöhnliche Landung“. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer. Es geht um die Belastungsgrenzen eines Systems, das an seiner eigenen Erfolgsgeschichte zu ersticken droht. Der Flughafen München ist ein Wirtschaftsmotor für die gesamte Region. Doch sein weiteres Wachstum darf nicht auf Kosten der Sicherheit gehen. Die Aufklärung des aktuellen Vorfalls und die daraus folgenden Konsequenzen werden zeigen, ob diese Lektion verstanden wurde. Die Augen der Luftfahrtwelt und der besorgten Öffentlichkeit ruhen nun auf München.