Auf dem Gelände des U-Bahnhofs Langenhorn Markt hat sich in dieser Woche eine kleine Medienwelt aufgebaut. Wo sonst Pendler hastig zu den Bussen des 292er eilen oder Anwohner ihre Einkäufe auf dem Marktplatz erledigen, steht jetzt ein gläsernes Studio. Vom 27. August bis zum 12. September 2026 macht das NDR Pop-up-Studio hier Station – ein Experiment in direkter Nachbarschaft. Die Intention ist klar, wie Sofie Donges, Direktorin des NDR Landesfunkhauses Hamburg, betont: «Wir möchten mit Ihnen und Euch vor Ort ins Gespräch kommen.» Es geht um mehr als Werbung in eigener Sache. Es ist der Versuch, eine Brücke zwischen dem öffentlich-rechtlichen Sender und den Menschen im Stadtteil zu schlagen, deren Leben er eigentlich abbilden soll.
Langenhorn, dieser nordöstliche Stadtteil mit seiner Mischung aus alten Siedlungshäusern und modernen Wohnblöcken, steht selten im medialen Rampenlicht. Umso größer ist die Neugierde bei vielen Bewohnern. «Man sieht den NDR sonst immer nur aus der Ferne, aus dem Fernseher oder Radio», sagt Michaela Schröder, die mit ihrem Sohn Luca am Absperrband steht und das Aufbauen beobachtet. «Dass die jetzt einfach hierher kommen, direkt zu uns – das ist schon etwas Besonderes.» Diese direkte Begegnung ist das Herzstück des Projekts. Die Hemmschwelle, einfach mal Fragen zu stellen oder Kritik zu äußern, soll niedriger sein als bei einem Brief an die Redaktion oder einem Kommentar im Netz.
Das Programm spricht dabei bewusst viele verschiedene Zielgruppen im Stadtteil an. Für Familien sind die Sonnabende mit den beliebten Figuren aus der «Sesamstraße» wie Ernie und Bert oder dem «Kikaninchen» ein Höhepunkt. Aber auch musikalische Bildung wird großgeschrieben: Joachim Preu, Posaunist im Ensemble der Elbphilharmonie, lädt Kita-Kinder zu «Posaunen-Abenteuern» ein. Für Jugendliche und junge Erwachsene bietet die Veranstaltung am 9. September eine besondere Annäherung: Gemeinsam mit Musikjournalist Falk Schacht wird eine Folge der Doku über den Rapper XATAR geschaut und über dessen komplexe Biografie zwischen Migrationsgeschichte und Charterfolgen diskutiert. Es ist ein Angebot, das aktuelle Popkultur ernst nimmt und zum Gespräch über gesellschaftliche Themen öffnet.
- Besonderheit: Meet & Greet mit True-Crime-Podcasts
- Folgen von Falschmeldungen im Netz
- Einblicke in den Journalismus
- Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche
- Live-Programm vom Hamburger Lokalradio
- Öffentlichkeitsarbeit durch Medienkompetenz
Eine der wichtigsten und besonders für ältere Bewohner Langenhorns relevanten Veranstaltungen ist der Workshop «Echt oder Fake? Sicher im Netz» mit Fabian Schwazbauer am 28. August. Die Anmeldung läuft über die Plattform «einfachmedien-anmeldung.de». In einem Stadtteil mit einem nicht unerheblichen Anteil an Seniorinnen und Senioren trifft dieses Angebot einen Nerv. Die schnelle Verbreitung von Falschmeldungen, besonders in Messenger-Gruppen und sozialen Netzwerken, ist für viele eine tägliche Verunsicherung. «Ich bekomme ständig Nachrichten von Bekannten zugeschickt, und ich weiß oft nicht: Stimmt das jetzt oder nicht?», erzählt der 72-jährige Werner Hartmann aus der Straße Am Heidberg. «Da ist so ein Workshop genau das Richtige.» Der NDR positioniert sich hier bewusst als vertrauenswürdige Instanz und Anlaufstelle für Medienkompetenz – eine Aufgabe, die weit über die reine Programmproduktion hinausgeht.
Auch für Berufseinsteiger und diejenigen, die sich für den Journalismus interessieren, wird das Pop-up-Studio zum Schaufenster. Der NDR informiert über Ausbildungsplätze, Volontariate und seine technischen Berufe. Für Schülerinnen und Schüler aus Langenhorn und den umliegenden Stadtteilen wie Ochsenzoll oder Fuhlsbüttel bietet sich so die seltene Chance, unmittelbare Einblicke in einen großen Medienbetrieb zu bekommen und vielleicht den eigenen Berufstraum zu konkretisieren.
| Datum | Veranstaltung | Zielgruppe |
|---|---|---|
| 27. August | Meet & Greet mit Ralf Martin Meyer und Marek Erhardt | Allgemein |
| 28. August | Workshop «Echt oder Fake? Sicher im Netz» | Senioren |
| 9. September | Doku über XATAR | Jugendliche und junge Erwachsene |
| 1. September | Kulturjournal mit Daniel Kaiser | Allgemein |
| 12. September | Abschlussveranstaltung | Allgemein |
Das Live-Programm vor Ort bringt zudem den Alltag des Hamburger Lokalradios NDR 90,3 direkt in den Stadtteil. Die beliebten Moderations-Teams um Nicole Steins, Philipp von Kagenecksowie, Ulf Ansorge und Eva Tanski senden live aus dem gläsernen Container. Die Hörer können ihre Stimmen und Themen nicht nur per Telefon oder Mail einbringen, sondern ihren Moderatoren auch direkt gegenüberstehen. Das «Hamburg Journal» mit Christian Buhk am Eröffnungstag und das «Kulturjournal» mit Daniel Kaiser am 1. September holen das Fernsehprogramm aus dem Studio in Billstedt mitten ins Wohnzimmer der Stadt – oder besser: auf den Marktplatz von Langenhorn.
Besonders spannend ist der Termin am 27. August: Ein Meet & Greet mit Ralf Martin Meyer und Marek Erhardt, den Machern des erfolgreichen True-Crime-Podcasts «TRUE CRIME Hamburg». True Crime boomt, und dass sich der NDR diesem Format öffnet und die Macher in den direkten Dialog mit den Hörern schickt, zeigt ein modernes Verständnis von crossmedialem Storytelling. Die Fans der Reihe können hier auf Augenhöhe mit den Journalisten über Recherche, Ethik und die Faszination des Genres sprechen.
Die Lage des Pop-up-Studios am pulsierenden U-Bahnhof Langenhorn Markt ist strategisch klug gewählt. Hier kreuzen sich die Wege von Jung und Alt, von Alteingesessenen und Zugezogenen, von Pendlerinnen und Marktbesuchern. Der NDR stellt sich an einen Ort, an dem das öffentliche Leben des Stadtteils ohnehin stattfindet. Er wird so zu einem temporären Bestandteil dieser Gemeinschaft – und nicht zu einem abgeschotteten Sender, der von außen über diese berichtet.
Für die Langenhorner ist diese Aktion auch eine Wertschätzung. «Es ist schön, dass mal etwas Großes hierher kommt, das nicht nur ein Wochenmarkt oder ein Stadtteilfest ist», findet die Anwohnerin Katrin Bergmann. «Das zeigt, dass Langenhorn auch für so eine Aktion interessant genug ist.» In der Tat konzentrieren sich viele öffentliche Veranstaltungen und Medienprojekte oft auf die innerstädtischen und hippen Viertel wie Altona, St. Pauli oder Eimsbüttel. Dass der NDR mit seinem Pop-up-Studio bewusst einen Stadtteil im Norden Hamburgs anfährt, der oft als ruhiges Wohngebiet wahrgenommen wird, sendet ein inklusives Signal.
Am Ende geht es bei den gut zweieinhalb Wochen des Pop-up-Studios um nichts Geringeres als um die Legitimation und Verankerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Gesellschaft. In Zeiten von Gebührendebatten und dem Vorwurf der «Volksferne» ist der direkte Dialog keine nette Zugabe, sondern eine Notwendigkeit. Der NDR zeigt hier Gesicht, lässt seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Rede und Antwort stehen und öffnet seine Produktionsprozesse. Er wird greifbar, anfassbar, diskutierbar.
Ob dieses Modell Schule macht und ob der Austausch nachhaltig wirkt, wird sich zeigen. Sicher ist: Für die Dauer seines Aufenthalts verwandelt das NDR Pop-up-Studio den Vorplatz des U-Bahnhofs Langenhorn Markt in eine lebendige Bühne für lokalen Journalismus, Gemeinschaftsbildung und mediale Bildung. Es lädt alle Langenhorner ein: vorbeikommen, zuhören und vor allem – mitmachen. Denn eine funktionierende Demokratie und ein unabhängiger Journalismus leben nicht vom Zuschauen, sondern von der Beteiligung aller.