Die Berliner Verwaltung kämpft sich nach Cyber-Angriff zurück – Doch der Weg zurück zur Normalität wird lang
Von Julia Becker
Fast eine Woche nach dem massiven Hackerangriff auf das Berliner Landesnetz ist die Stadtverwaltung noch immer damit beschäftigt, die Folgen der Cyberattacke zu bewältigen. Die Verwaltung arbeitet im Krisenmodus. Zwei wichtige Senatsverwaltungen bleiben von der internen digitalen Infrastruktur getrennt. Für viele Berlinerinnen und Berliner bedeutet das weiterhin Einschränkungen bei Dienstleistungen und Unsicherheit darüber, ob persönliche Daten sicher sind.
Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) machte bei einer Pressekonferenz am Abend des 19. August deutlich: „Es handelt sich um einen erheblichen und sehr ernsten Hackerangriff.” Die gute Nachricht aus seiner Sicht: Nach aktuellem Kenntnisstand seien keine sensiblen Daten, wie etwa persönliche Informationen von Bürgerinnen und Bürgern, abgeflossen. Die schlechte: Es werde „noch einige Tage” dauern, bis die Senatsverwaltungen für Bauen und Wohnen sowie für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz wieder vollständig an das Landesnetz angeschlossen sind. Diese beiden Behörden sind zentral für Bauprojekte, Wohnungsbau-Genehmigungen, Verkehrsplanung und Klimaschutzinitiativen in der Stadt.
Der aktuelle Stand: Was funktioniert, was nicht?
Die Lage ist dynamisch und für die Bürgerinnen und Bürger verwirrend. Einige Dienste, die nach dem Angriff zunächst ausfielen, laufen mittlerweile wieder. So bestätigte Innensenatorin Iris Spranger (SPD), dass das Portal zur Online-Beantragung von Briefwahlunternahmen seit Mittwochmorgen wieder erreichbar sei. Das war eine wichtige Beruhigung, da am 26. September die Abgeordnetenhauswahl ansteht. Die Berliner Wahlleitung und die IT-Systeme, die für die Wahl direkt relevant sind, seien von dem Angriff nicht betroffen, betonen die Verantwortlichen.
Dennoch bleibt die digitale Landschaft der Verwaltung fragmentiert. Das Landesnetz, das normalerweise die Behörden untereinander verbindet, ist an neuralgischen Stellen gekappt. Dies dient der sogenannten „Isolation” – einer Sicherheitsmaßnahme, um die Ausbreitung möglicher Schadsoftware zu verhindern. In der Praxis führt dies zu Verzögerungen bei internen Prozessen und behindert die Zusammenarbeit zwischen Ämtern.
Florian Hauer, Berlins Chief Digital Officer (CDO), erklärte, man betreibe derzeit „akutes Krisenmanagement.” Die Ursachenforschung stehe erst an zweiter Stelle. Unterstützung erhält die Stadt dabei von einem externen, US-amerikanischen IT-Sicherheitsdienstleister. Ziel ist es zunächst, die Systeme schrittweise, aber sicher wieder hochzufahren und dabei jede weitere Gefährdung auszuschließen.
Eine lange Vorgeschichte: Experten warnen seit Jahren
Der aktuelle Vorfall ist für IT-Sicherheitsexperten keine Überraschung. Manuel Atug, ein renommierter IT-Experte, kritisierte im rbb das Land Berlin scharf für seine „sehr schlechte” Aufstellung in puncto Cybersicherheit. Er und andere Fachleute hätten in der Vergangenheit wiederholt konkrete Vorschläge und Warnungen vorgelegt, die seiner Ansicht nach nicht ausreichend umgesetzt wurden.
Die Anfälligkeit öffentlicher IT-Infrastrukturen ist ein bundesweites Problem, trifft aber eine Metropole wie Berlin mit ihrer komplexen und oft veralteten Verwaltungs-IT besonders hart. Die Digitalisierung der Berliner Behörden war in den letzten Jahren immer wieder von Pannen begleitet, ob beim neuen Personaldaten-System oder bei der Einführung digitaler Akten. Der jetzige Angriff offenbart die Konsequenzen dieser Schwachstellen in dramatischer Weise.
Auswirkungen auf das tägliche Leben in der Stadt
Für die Berliner Bevölkerung sind die konkreten Auswirkungen spürbar, auch wenn nicht alle Dienstleistungen komplett eingestellt sind.
- Bau- und Wohnungsprojekte: Anträge auf Baugenehmigungen, Bauvoranfragen oder Verfahren im sozialen Wohnungsbau können sich deutlich verzögern. Interne Akten liegen möglicherweise in digitalen Systemen fest, auf die vorübergehend nicht zugegriffen werden kann.
- Verkehr und Umwelt: Planungsverfahren für neue Radwege, Straßenbauprojekte oder auch Genehmigungen im Bereich des Lärmschutzes könnten ins Stocken geraten. Die Kommunikation zwischen verschiedenen Fachämtern ist erschwert.
- Bürgerdienste: Während das Briefwahl-Portal wieder läuft, könnten andere Online-Dienste weiterhin beeinträchtigt sein oder langsamer reagieren. Bürgerinnen und Bürger sollten sich auf mögliche Wartezeiten bei digitalen Anträgen einstellen und, wo möglich, auf telefonische oder persönliche Vorsprachen in den Bürgerämtern ausweichen – was dort wiederum zu längeren Warteschlangen führen kann.
Die größte Belastung für die Bürger ist jedoch die Ungewissheit. Auch wenn die Politik beteuert, keine sensiblen Daten seien abgeflossen, bleibt ein mulmiges Gefühl. Wer hat Zugang zu meinen Melderegisterdaten? Wurden Bauunterlagen mit persönlichen Grundrissen eingesehen? Diese Fragen kann die Verwaltung im aktuellen Krisenmodus noch nicht abschließend beantworten.
Politische Reaktionen und die Frage nach der Verantwortung
Der Angriff wirft ein grelles Licht auf die digitale Verwundbarkeit der Hauptstadt und wird die politische Debatte in den kommenden Wochen dominieren. Oppositionsparteien wie die Grünen und die Linke fordern bereits lückenlose Aufklärung und Konsequenzen. Sie verweisen auf die lange bekannten Defizite.
Regierungschef Wegner und Innensenatorin Spranger betonen dagegen die Ernsthaftigkeit der Lage und das koordinierte Krisenmanagement. Die Priorität liege jetzt auf der Wiederherstellung der Systeme und der Sicherheit. Die politische Bewertung, wer für die mangelhafte IT-Sicherheit verantwortlich ist und warum Warnungen nicht ernst genug genommen wurden, wird jedoch unweigerlich folgen – spätestens nach der Wahl im September.
Was können Berlinerinnen und Berliner jetzt tun?
| Empfehlung | Details |
|---|---|
| Geduld haben | Vorgänge in den betroffenen Verwaltungen werden voraussichtlich langsamer abgewickelt. Planen Sie mehr Zeit für Behördengänge ein. |
| Alternative Wege nutzen | Prüfen Sie, ob Ihr Anliegen telefonisch geklärt werden kann oder ob ein persönlicher Termin in einem Bürgeramt notwendig ist. |
| Wachsam bleiben | Seien Sie, wie immer, skeptisch bei unerwarteten E-Mails, SMS oder Anrufen, die persönliche Daten abfragen. Behörden fragen sensible Daten niemals auf solchen Wegen unvermittelt ab. Nutzen Sie im Zweifel die offiziellen Kontaktwege der Ämter. |
| Informiert bleiben | Verfolgen Sie die offiziellen Mitteilungen der Senatskanzlei und der betroffenen Senatsverwaltungen. Diese werden über Fortschritte bei der Systemwiederherstellung informieren. |
Der Cyberangriff auf Berlin ist mehr als ein technischer Vorfall. Er ist ein Stresstest für die digitale Souveränität der Stadt und ein Weckruf für die Politik. Die kommenden Tage werden zeigen, wie robust die Krisenreaktion wirklich ist. Langfristig muss die Frage beantwortet werden, wie eine moderne Metropole ihre digitale Infrastruktur schützen kann, die zunehmend zur Lebensader von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft wird. Für die Berlinerinnen und Berliner geht es im Moment vor allem um eines: dass die Versprechen des Datenschutzes gehalten werden und der Alltag mit seiner Verwaltung so schnell wie möglich wieder reibungslos funktioniert.