Die IHK Chemnitz hat am Mittwoch eine neue Kampagne vorgestellt, die den Namen «Arbeit ermöglichen» trägt. Der Grund dafür ist so einfach wie bedeutsam: Die Arbeitgeber in der Region sehen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen großen Nachbesserungsbedarf. Es ist nicht nur ein Gefühl, sondern ein klarer Befund, der aus vielen Gesprächen mit Unternehmen aller Größen hervorgeht. In Chemnitz und dem ganzen Erzgebirgskreis fehlen tausende Fachkräfte, gleichzeitig stehen viele Menschen, besonders Frauen und junge Eltern, vor der fast unlösbaren Aufgabe, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen. Die neue Initiative der Industrie- und Handelskammer will hier eine Brücke schlagen und endlich Bewegung in eine festgefahrene Situation bringen.
Ein Thema von hoher Dringlichkeit für die ganze Region
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut einer aktuellen Erhebung der IHK sehen über 70 Prozent der befragten Unternehmen in der Region die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als «wichtig» oder «sehr wichtig» an. Gleichzeitig geben aber nur etwa 30 Prozent an, dass sie selbst bereits ausreichende Maßnahmen wie flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Optionen oder betriebliche Kinderbetreuung anbieten. Diese Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist enorm. «Wir können es uns in einer Zeit des Fachkräftemangels schlichtweg nicht leisten, auf das Potenzial von Eltern zu verzichten», sagt Dr. Markus Görner, der Hauptgeschäftsführer der IHK Chemnitz. «Viele gut ausgebildete Menschen, vor allem Mütter, steigen nach der Elternzeit nicht zurück in ihren Beruf ein oder können nur in Teilzeit arbeiten, weil die Rahmenbedingungen nicht passen. Das ist eine verlorene Chance für den Einzelnen und für unsere regionale Wirtschaft.»
Die Kampagne «Arbeit ermöglichen» setzt genau hier an. Sie ist keine einmalige Aktion, sondern ein langfristig angelegtes Unterstützungsprogramm für die rund 70.000 Mitgliedsunternehmen der Kammer. Im Kern geht es darum, den Betrieben konkrete Hilfestellung zu geben, wie sie familienfreundlicher werden können. Dazu gehören kostenlose Beratungsgespräche, Workshops mit Experten und die Vermittlung von Best-Practice-Beispielen aus der Region. «Es muss nicht immer der teure firmeneigene Kindergarten sein», erklärt Projektleiterin Kathrin Weber. «Schon kleine Schritte wie verlässliche Gleitzeitregelungen, die Möglichkeit für Homeoffice an ein bis zwei Tagen pro Woche oder eine partnerschaftliche Urlaubsplanung können einen riesigen Unterschied im Alltag von Familien machen.»
Die Herausforderungen im Chemnitzer Alltag
Um die Dringlichkeit zu verstehen, muss man den Blick auf den Alltag in Chemnitz und den umliegenden Gemeinden richten. Die Stadt steht vor einer besonderen demografischen Herausforderung: Die Bevölkerung altert, junge Menschen ziehen oft für Studium oder Arbeit weg. Umso wichtiger ist es, diejenigen, die hier leben und arbeiten wollen, bestmöglich zu unterstützen. Viele Familien leben in den Wohngebieten wie dem Sonnenberg, Kaßberg oder in Bernsdorf, während die Arbeitsplätze oft in den Gewerbegebieten wie Siegmar oder im Industriegebiet Chemnitz-Ost angesiedelt sind. Der Weg zur Kita, zur Schule und dann zur Arbeit wird so schnell zur logistischen Meisterleistung.
Sarah Bergmann, 34, Ingenieurin und Mutter von zwei Kindern (4 und 6), aus dem Stadtteil Reichenbrand, beschreibt es so: «Mein Arbeitgeber ist eigentlich offen für neue Ideen, aber es fehlt an der konkreten Umsetzung. Eine Kernarbeitszeit von 9 bis 15 Uhr hilft mir wenig, wenn die Kita erst um 7:30 Uhr aufmacht und ich um 16 Uhr spätestens wieder da sein muss. Ein Homeoffice-Vertrag existiert nicht, obwohl mein Job das problemlos zuließe.» Ihre Geschichte ist typisch. Viele Betriebe, besonders kleinere und mittlere Unternehmen (KMU), die das Rückgrat der erzgebirgischen Wirtschaft bilden, haben oft keine Personalabteilung, die sich speziell mit solchen Themen beschäftigt. Hier will die IHK mit ihrer Kampagne ansetzen und pragmatische Lösungen anbieten.
Was die Kampagne konkret bieten will
Das Programm «Arbeit ermöglichen» gliedert sich in mehrere Säulen. Die erste ist die Bewusstseinsbildung. In zahlreichen Veranstaltungen soll Unternehmern vor Augen geführt werden, dass Familienfreundlichkeit kein Sozialprojekt, sondern ein harter Wettbewerbsfaktor ist. «Ein Betrieb, der auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter eingeht, bindet diese langfristig, senkt die Fehlzeiten und wird als attraktiver Arbeitgeber bekannt», so IHK-Chef Görner. Die zweite Säule ist die praktische Beratung. Experten der IHK und von Partnerorganisationen gehen direkt in die Unternehmen, analysieren die Situation vor Ort und entwickeln maßgeschneiderte Konzepte.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Digitalisierung. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass mobiles Arbeiten in vielen Berufen möglich ist. Dieses Potenzial soll nun dauerhaft genutzt werden. Die dritte Säule ist das Netzwerken. Die IHK will eine Plattform schaffen, auf der sich Unternehmen austauschen können, etwa wenn es darum geht, mit einer benachbarten Firma eine gemeinsame Kinderbetreuung in den Ferien zu organisieren oder Fahrgemeinschaften zu unterstützen. «Wir müssen weg vom Denken in Einzellösungen und hin zu gemeinsamen, nachbarschaftlichen Ansätzen», fordert Kathrin Weber.
Die politische Dimension und der Ruf nach Unterstützung
Die Kampagne der Wirtschaft allein kann die strukturellen Probleme nicht lösen. Hier ist auch die Politik gefragt. Die IHK Chemnitz richtet daher einen klaren Appell an die Stadt Chemnitz und den Erzgebirgskreis. Es brauche mehr Investitionen in die Infrastruktur für Familien. Dazu zählen vor allem:
- Der Ausbau der Kinderbetreuung: Es fehlt nicht nur an Krippen- und Kindergartenplätzen, sondern besonders an flexiblen Modellen wie verlängerten Öffnungszeiten oder Betreuung in den Schulferien.
- Die Verbesserung des Nahverkehrs: Ein gut getakteter und zuverlässiger ÖPNV ist für berufstätige Eltern unerlässlich, um die Wege zwischen Wohnung, Betreuungseinrichtung und Arbeitsplatz zu bewältigen.
- Die Förderung von Wohnraumnähe: Stadtplanung sollte darauf achten, dass in neuen Wohngebieten auch Flächen für Kitas und soziale Infrastruktur reserviert werden.
Bürgermeisterin Heike Fischer (parteilos) zeigte sich in einer ersten Reaktion auf die IHK-Kampagne aufgeschlossen: «Das Thema ist uns ein großes Anliegen. Wir arbeiten bereits an der Schaffung neuer Kita-Plätze, etwa im geplanten Neubaugebiet in Helbersdorf. Der Dialog mit der Wirtschaft ist uns wichtig, um die Maßnahmen noch besser auf den Bedarf abzustimmen.» Kritiker aus der Gemeinderats-Opposition, wie der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Nowak, mahnen jedoch zu mehr Tempo: «Die Pläne gibt es seit Jahren. Jetzt müssen endlich Taten folgen. Jeder Tag, an dem eine Fachkraft nicht arbeiten kann, weil die Betreuung fehlt, schadet unserer Stadt.»
Ein Modell mit Strahlkraft für ganz Sachsen?
Die «Arbeit ermöglichen»-Kampagne der IHK Chemnitz wird mit Spannung auch über die Regionsgrenzen hinaus beobachtet. Ähnliche Probleme mit Fachkräftemangel und Vereinbarkeit gibt es in vielen Städten Ostdeutschlands. Sollte es in Chemnitz gelingen, durch die enge Verzahnung von Wirtschaftsberatung und kommunaler Politik spürbare Verbesserungen zu erzielen, könnte dies zum Modell für andere Regionen werden. Erfolg würde sich an konkreten Indikatoren messen lassen: Steigt die Zahl der Unternehmen mit zertifizierten familienfreundlichen Maßnahmen? Nimmt die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern zu? Können Betriebe offene Stellen schneller besetzen?
Für die Menschen in Chemnitz geht es am Ende um etwas sehr Einfaches: um Entlastung und um Wahlfreiheit. Die Möglichkeit, Familie und Beruf nicht als Gegensätze, sondern als miteinander vereinbare Teile des Lebens zu gestalten. Die IHK-Kampagne ist ein wichtiger erster Schritt in diese Richtung. Sie macht deutlich, dass die Wirtschaft den Handlungsbedarf erkannt hat. Nun liegt es an den Unternehmen, die angebotene Hilfe anzunehmen und ihre Strukturen zu überdenken, und an der Politik, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Zukunftsfähigkeit der Region hängt nicht zuletzt davon ab, ob es gelingt, Chemnitz zu einer Stadt zu machen, in der man nicht nur gut arbeitet, sondern auch gut leben und eine Familie gründen kann.