Die Nachmittagssonne wirft lange Schatten über den Nußbaumpark in der Münchner Innenstadt. Kinder spielen noch auf den schmalen Wegen, während an den Bänken am Rande bereits eine andere, traurig-vertraute Szenerie beginnt. Kleine Grüppchen sammeln sich, Tüten und Flaschen wandern von Hand zu Hand. Für die erfahrenen Streetworker der Stadt, Martin und Lena, ist dies der Moment, an dem ihre eigentliche Arbeit beginnt. Seit der Alte Botanische Garten und Teile des Südlichen Bahnhofsviertels durch verstärkte Präsenz und neue Konzepte entschärft wurden, richtet sich der Fokus einer städtischen Taskforce nun auf diesen Park. Die AZ hat die beiden Sozialarbeiter einen Tag lang begleitet, um zu verstehen, was die Bekämpfung solcher Drogen-Hotspots vor Ort wirklich bedeutet – und warum einfache Antworten hier nicht greifen.
„Was wir uns hier seit fast 30 Jahren wünschen, ist Kontinuität“, sagt Martin und mustert das Terrain mit einem prüfenden Blick. Er meint damit keine kurzlebigen Polizei-Razzien, sondern ein nachhaltiges, vernetztes Hilfsangebot. Die Zahlen der Stadt sprechen eine deutliche Sprache: Allein im vergangenen Jahr gab die Drogenhilfe München über 35.000 Mal ärztliche oder soziale Beratung. Rund 2.500 Menschen sind in der Stadt auf Opioid-Substitution angewiesen. Der Nußbaumpark ist dabei nur ein sichtbarer Knotenpunkt in einem weit größeren Netz aus Abhängigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung.
Ein Park als Spiegelbild städtischer Herausforderungen
Um zu begreifen, warum sich solche Hotspots bilden, muss man weit zurückblicken. München wächst seit Jahrzehnten rasant. Mit dem Wohlstand wuchs auch die soziale Schere. Preise für Wohnraum explodierten, bezahlbarer Raum wurde knapp. Menschen mit Suchtproblemen, psychischen Erkrankungen oder in prekären Lebensverhältnissen wurden zunehmend in wenige öffentliche Räume gedrängt – Parks wie dieser wurden zu unfreiwilligen Auffangbecken. „Der Nußbaumpark ist kein isoliertes Phänomen“, erklärt Lena. „Er ist das Ergebnis von Stadtentwicklung, Wohnungspolitik und einem Hilfesystem, das an seine Grenzen kommt.“ Andere deutsche Großstädte wie Frankfurt, Hamburg oder Köln kämpfen mit sehr ähnlichen Dynamiken, doch die Münchner Besonderheit liegt in der extremen Verdichtung und den horrenden Mietpreisen, die kaum Ausweichmöglichkeiten bieten.
Die rechtliche Lage ist komplex. Der Konsum von Drogen wie Cannabis oder Heroin in der Öffentlichkeit ist strafbar. Die Staatsanwaltschaft und die Polizei sind daher zentrale Akteure. Doch die Stadtverwaltung, insbesondere das Sozialreferat und das Referat für Gesundheit und Umwelt, verfolgt parallel den Ansatz der Schadensminimierung („Harm Reduction“). Dieser gesundheitspolitische Ansatz priorisiert die Lebensrettung und die Vermeidung von Folgeschäden wie Überdosierungen oder Infektionskrankheiten über eine sofortige Abstinenz. Hier treffen zwei Philosophien aufeinander: Das repressive Strafrecht und die präventive Sozialarbeit. „Unsere Aufgabe ist es nicht, zu verurteilen, sondern Kontakt herzustellen. Nur wer Vertrauen hat, nimmt Hilfe an“, beschreibt Lena den täglichen Spagat.
Streetwork bedeutet: Zuhören, Vermitteln, Dauern
Die Arbeit von Martin und Lena folgt keinem strengen Drehbuch. Sie gehen auf Menschen zu, bieten ein Gespräch an, verteilen saubere Spritzen und Kondome, testen auf Infektionskrankheiten und klären über die Risiken des Drogenkonsums auf. Vor allem aber sind sie Türöffner zu einem Hilfesystem, das für viele unübersichtlich und abschreckend wirkt. „Herr M., wir haben da einen Platz in der Tagesstätte für Sie organisiert. Warmes Essen, Dusche. Kommen Sie morgen mit?“ fragt Martin einen Mann Mitte 50, der mit gesenktem Kopf auf einer Bank sitzt. Es ist ein mühsamer Prozess, der oft viele Anläufe braucht. Ein zentrales Problem, das beide immer wieder nennen, ist die Lücke zwischen niedrigschwelliger Kontaktarbeit und den darauf aufbauenden Angeboten. „Es reicht nicht, jemanden im Park zu motivieren. Er braucht dann auch zeitnah einen Therapieplatz, eine Unterbringung, eine Perspektive“, sagt Martin. Und hier hapert es. Die Wartezeiten für einen stationären Entzugplatz in Bayern können mehrere Monate betragen. Die wenigen Wohnheime für suchtkranke Menschen in München sind permanent überbelegt. Diese Brüche im System sorgen dafür, dass viele in den Parks feststecken – trotz Kontakt zur Hilfe.
Bürgermeisterin Verena Dietl betont die Wichtigkeit des vernetzten Ansatzes: „Die Taskforce bringt Polizei, Ordnungsdienst, Sozialarbeit und Gesundheitsamt an einen Tisch. Nur gemeinsam können wir den öffentlichen Raum für alle zurückgewinnen und gleichzeitig den Betroffenen helfen.“ Kritik kommt jedoch von Anwohnerinitiativen und der oppositionellen CSU-Fraktion im Rathaus. Sie fordern eine konsequentere Unterbindung des öffentlichen Drogenkonsums und eine spürbar höhere Präsenz von Sicherheitskräften. „Die Menschen im Viertel fühlen sich alleingelassen. Der Park ist für Familien teilweise nicht mehr nutzbar“, moniert ein CSU-Stadtrat. Diese Spannung zwischen den berechtigten Sicherheitsbedürfnissen der Anwohner und dem menschenrechtlich gebotenen Hilfsanspruch für Suchtkranke ist der politische Dauerbrenner im Stadtrat.
Was wirklich helfen würde: Ein Blick über den Parkzaun hinaus
Die Erfahrungen aus anderen Brennpunkten wie dem Alten Botanischen Garten zeigen: Reinigungsaktionen und vorübergehende Polizeipräsenz verlagern das Problem nur. Nachhaltige Veränderung entsteht, wenn soziale Infrastruktur geschaffen wird. Experten wie der Suchthilfe-Experte Professor Heino Stöver von der Frankfurt University of Applied Sciences fordern seit Jahren einen Paradigmenwechsel: „Wir brauchen mehr Drogenkonsumräume, auch in Bayern. Das entlastet den öffentlichen Raum, rettet Leben durch Überwachung und ist die effektivste Einstiegsmotivation in das Hilfesystem.“ In München gibt es einen solchen Raum bislang nicht, obwohl zahlreiche Studien aus Städten wie Frankfurt oder Hamburg die entlastende Wirkung belegen.
Ein weiterer Schlüssel liegt in der Wohnungspolitik. „Sucht und Obdachlosigkeit sind Zwillinge“, sagt Lena trocken. Ohne eine stabile, akzeptierende Wohnform – sei es ein betreutes Einzelzimmer oder ein Wohnprojekt – bleibt jede Therapie auf Sand gebaut. Die Stadt München hat hier mit dem Modell der „Wohnungen für besondere Bedarfsgruppen“ begonnen, doch das Angebot ist bei weitem nicht ausreichend. Zudem fehlt es an vernetzten, multiprofessionellen Teams, die Menschen langfristig und aufsuchend begleiten – von der Straße in die Wohnung, von der Wohnung in die Arbeit.
Für die Menschen im Nußbaumpark ist all dies graue Theorie. Ihre Realität ist geprägt von täglichem Überlebenskampf und Stigmatisierung. „Die Leute schauen weg, wenn sie an uns vorbeigehen. Manchmal schreien sie auch“, erzählt Kai, der seit Jahren im Park lebt. Die Arbeit der Streetworker ist für ihn und andere oft der einzige respektvolle Kontakt zur „anderen Welt“. Sie verhindert, dass Menschen komplett abstürzen und vergessen werden.
Was Münchner Bürger tun können
Die Lösung des Problems liegt nicht in der Hand Einzelner, sondern in der Gemeinschaft und der Politik. Bürger können sich informieren, etwa über die Arbeit der Drogenhilfe München oder lokaler Initiativen wie „Nachtcafé“ oder „Condrobs“. Sie können in den Bezirksausschüssen, den lokalen Parlamenten der Stadtteile, das Thema ansprechen und sich für eine ausgewogene Politik einsetzen, die sowohl hilft als auch den öffentlichen Raum schützt. Wichtig ist, den Druck auf die Politik aufrechtzuerhalten, langfristige Finanzierung für Wohnprojekte und soziale Arbeit bereitzustellen, anstatt auf kurzfristige Aktionismen zu setzen.
- Informieren Sie sich über Drogenhilfe München.
- Engagieren Sie sich in lokalen Initiativen.
- Sprechen Sie in Bezirksausschüssen über das Thema.
- Setzen Sie sich für ausgewogene Politiken ein.
- Halten Sie den Druck auf die Politik aufrecht.
- Unterstützen Sie soziale Projekte und Wohnangebote.
Die Abendsonne taucht den Nußbaumpark in goldenes Licht. Martin und Lena packen ihre Taschen. Sie haben saubere Utensilien verteilt, mehrere Gespräche geführt und einen Mann dazu bewegen können, morgen zur Sprechstunde der Drogenberatung zu gehen. Ein kleiner Erfolg. Die größere Herausforderung wartet außerhalb des Parks: in den Sitzungssälen des Rathauses, wo über Budgets für sozialen Wohnungsbau und Hilfsangebote entschieden wird, und in den Köpfen einer Gesellschaft, die Sucht noch zu oft als moralisches Versagen und nicht als komplexe Krankheit begreift. Die Taskforce wird ihre Präsenz im Nußbaumpark erhöhen. Ob daraus aber mehr wird als eine weitere Verschiebung des Problems, hängt davon ab, ob München den Mut zu durchdachten, langfristigen und teuren Lösungen findet – den Lösungen, die sich Streetworker wie Martin und Lena „schon seit 30 Jahren wünschen“.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Drogensituation | Wachsende Probleme im Nußbaumpark |
| Streetworker | Martin und Lena als zentrale Akteure |
| Wartezeit für Therapieplätze | Mehrere Monate in Bayern |
| Belegung von Wohnheimen | Permanente Überbelegung in München |
| Ansatz der Stadtverwaltung | Schadensminimierung |
| Politische Herausforderungen |