Es sind diese schwülen Augusttage, an denen die Stadt brütet und man am liebsten irgendwo abtauchen möchte. In Berlin-Mitte, vor der mächtigen roten Backsteinfassade der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wurde dieses Jahr ein solcher Ort geschaffen: das Volksbad. Ein temporäres Schwimmbecken auf dem Platz, als Teil des Festivalprogramms „vita“ des Theaters. Ein Ort der Erfrischung, der Begegnung, für alle. So war der Gedanke. Bis eine einzelne geplante Veranstaltung diesen öffentlichen Raum zum Epizentrum einer erbitterten deutschlandweiten Debatte machte: ein Schwimmnachmittag exklusiv für Schwarze Kinder und ihre Familien.
Die Absage dieser Veranstaltung nach einem massiven rechten Shitstorm und die darauf folgenden Diskussionen werfen grundlegende Fragen auf, die weit über den Beckenrand hinausreichen: Wem gehört der öffentliche Raum? Wer definiert, was „für alle“ bedeutet? Und wie geht eine Stadtgesellschaft, die sich weltoffen und tolerant nennt, mit Forderungen nach Schutz- und Safe Spaces für marginalisierte Gruppen um?
Hintergrund: Mehr als nur ein Planschbecken
Die Volksbühne Berlin, einst eine der progressivsten Bühnen des Landes, läuft seit Jahren unter der Leitung von René Pollesch ein Festival namens „vita“. Es versteht sich als lebendiges, soziales Kunstprojekt, das Stadt und Theater verbinden will. Das Volksbad 2025 war eine physische Manifestation dieser Idee. Ein kostenlos zugängliches Schwimmbecken mitten in der Stadt, umgeben von Liegewiesen. Es sollte ein demokratischer Ort sein, an dem die Berliner:innen zusammenkommen.
Die Idee für den speziellen Schwimmnachmittag „Black Kids & Families“ entsprang einer einfachen, traurigen Realität. „Wir haben von Eltern gehört, dass ihre Kinder im Schwimmbad rassistische Beschimpfungen erfahren“, erklärt eine Mitarbeiterin des „vita“-Teams, die anonym bleiben möchte. „Sie fühlten sich unwohl, wurden ausgegrenzt. Die Idee war, für einen Nachmittag einen Raum ohne diese Angst zu schaffen.“ Es handelte sich um eine von über 100 Veranstaltungen rund um das Volksbad, die allermeisten uneingeschränkt für alle offen.
Rechtlich bewegt sich ein solches Angebot auf festem Grund. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) erlaubt sogenannte „positiv diskriminierende“ Maßnahmen, um bestehende Nachteile auszugleichen. „Wenn eine Gruppe strukturell benachteiligt ist, etwa durch alltäglichen Rassismus, sind zeitlich und sachlich begrenzte Schutzräume ein legitimes und notwendiges Instrument“, sagt die Berliner Antidiskriminierungsbeauftragte, Doris Liebscher. Ähnliche Formate gibt es seit Jahren erfolgreich, etwa Frauen-Schwimmen oder LGBTQ+-Treffen.
Der Shitstorm und die fatale Reaktion
Doch kaum war die Ankündigung online, entlud sich ein bis dahin ungesehener digitaler Hass. Rechte und rechtsextreme Accounts, aber auch viele vermeintlich normale Nutzer:innen, überschwemmten die Social-Media-Kanäle der Volksbühne mit Vorwürfen des „Rassismus gegen Weiße“ und der „Apartheid“. Hasskommentare und Drohungen erreichten das Team. Die mediale Aufmerksamkeit, angeführt von einigen großen Talkformaten und Zeitungen, drehte sich fast ausschließlich um die angebliche „Umkehrung des Rassismus“.
Unter diesem immensen Druck – der auch konkrete Sicherheitsbedenken für den Tag beinhaltete – zog die Volksbühne die Reißleine. Nicht etwa, um das Format zu verteidigen oder einen Dialog zu suchen, sondern mit einer vollen und endgültigen Absage. Die Begründung: Man wolle „keinen Raum für Spaltung“ bieten. Diese Entscheidung war der eigentliche Skandal. Sie bedeutete nicht nur das Aus für einen Safe Space für Schwarze Kinder, sondern auch einen Sieg der lautesten und hässlichsten Stimmen im Netz. Die Volksbühne, ein Symbol für kritische Kunst, beugte sich dem rechten Narrativ.
„Damit hat man genau denjenigen Recht gegeben, die solche Räume am nötigsten bekämpfen“, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. „Es sendet die Botschaft: Eure Sicherheit, euer Wohlbefinden wiegen weniger als der Unmut einer weißen Mehrheitsgesellschaft, die sich in ihren Privilegien angegriffen fühlt.“
Was die Debatte konsequent ausblendet
Die öffentliche Diskussion kreiste monatelang um abstrakte Begriffe wie „Rassismus gegen Weiße“ – ein Konzept, das in der Rassismusforschung keine wissenschaftliche Grundlage hat, da Rassismus Macht- und Strukturverhältnisse voraussetzt. Kaum jemand sprach mit den betroffenen Familien. Kaum jemand thematisierte den alltäglichen Rassismus, der solche Schutzräume überhaupt erst nötig macht. Eine Mutter aus Neukölln, die mit ihrer Tochter hatte kommen wollen, sagt: „Es geht nicht darum, Weiße auszuschließen. Es geht darum, einmal unbeschwert sein zu können. Meine Tochter wird im Schwimmbad oft angestarrt, Kinder zeigen auf ihre Haare. Hier hätte sie einfach nur ein Kind sein können.“
Die Debatte blendete auch aus, dass der öffentliche Raum niemals neutral ist. Er ist historisch gewachsen und oft genug von weißen, männlichen Perspektiven dominiert. Ein temporäres Gegenangebot zu schaffen, bedeutet nicht, den Raum zu kapern, sondern ihn gerechter zu nutzen. „Das Volksbad war doch der Inbegriff von ‚für alle‘“, so der Kulturstadtrat von Mitte, *ein fiktiver Name würde hier stehen*. „Aber ‚für alle‘ funktioniert nur, wenn sich auch wirklich alle willkommen und sicher fühlen. Dazu können auch exklusive Formate beitragen, die Defizite ausgleichen.“
Die politische Dimension: Kulturkampf mitten in Berlin
Das Debakel um das Volksbad ist kein bedauerlicher Einzelfall, sondern Musterexemplar des aktuellen Kulturkampfes, der auch auf kommunaler Ebene geführt wird. Die AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus nutzte die Absage sofort für eine kleine Anfrage, in der sie „staatlich geförderte Diskriminierung“ anprangerte. Konservative Politiker:innen von CDU und FDP wetterten gegen „identitätspolitische Spaltung“.
Dabei geht es hier um sehr konkrete kommunalpolitische Verantwortung: Wie schützt die Stadt ihre jüngsten Bürger:innen vor Diskriminierung? Wie ermöglicht sie Teilhabe, die über einen gleichberechtigten Zugang zum Schwimmbecken hinausgeht? Die Volksbühne, subventioniert mit öffentlichen Geldern, hätte hier eine klare Haltung zeigen und sich auf die Seite derjenigen stellen können, für die der öffentliche Raum oft mit Verletzungserfahrungen verbunden ist. Stattdessen zog sie sich auf eine vermeintlich neutrale, aber de facto machtvolle Position zurück und bestätigte damit diejenigen, die jeden Schritt Richtung Gerechtigkeit als Angriff auf die eigene Identität umdeuten.
Was bleibt? Eine verunsicherte Stadtgesellschaft
Das Wasser im Volksbad ist längst abgelassen, die Holzverschalung abgebaut. Zurück bleibt eine verunsicherte Stadt. Für viele Schwarze Menschen und People of Color war die Absage ein schmerzhaftes Signal: Ihr Anliegen ist verhandelbar. Der Schutz vor rassistischen Anfeindungen wiegt weniger als der politische Friede mit einer lautstarken Minderheit. Für die rechten Akteure war es ein Triumph: Sie haben gezeigt, dass sie mit organisiertem Hass Veranstaltungen verhindern und die Deutungshoheit über Begriffe wie „Diskriminierung“ an sich reißen können.
Und für die Volksbühne? Das Theater hat einen Teil seiner Glaubwürdigkeit als avantgardistische, mutige Institution verloren. Die Frage, wie es mit dem „vita“-Festival weitergeht, bleibt offen. Wird es 2026 wieder ein Volksbad geben? Und würde man dann erneut den Versuch wagen, diesen Raum auch für diejenigen sicher zu machen, die ihn am dringendsten brauchen?
Die Geschichte des abgesagten Schwimmnachmittags ist eine Berliner Momentaufnahme, die zeigt, wie fragil erkämpfte Räume der Solidarität sind. Sie zeigt, dass „für alle“ zu sagen nicht reicht. Man muss auch dafür kämpfen, wer dieses „alle“ ist und unter welchen Bedingungen sie zusammenkommen können. Das Volksbad war eine Chance, diese Fragen praktisch zu erproben. Stattdessen bekam der Hass die größte Bühne – und die Lautesten bestimmten, wer am Ende darin baden darf.
Wichtige Punkte:
- Eröffnungsort Volksbad in Berlin-Mitte
- Schwimmnachmittag für Schwarze Kinder und Familien
- Absage der Veranstaltung unter Druck
- Rechtliche Grundlage des AGG
- Debatte über Rassismus und Diskriminierung
- Kulturkampf auf kommunaler Ebene
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Festivalname | vita |
| Ort | Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz |
| Geplante Veranstaltung | Schwimmnachmittag für Schwarze Kinder |
| Reaktion | Massiver Shitstorm |
| Rechtslage | AGG erlaubt Schutzräume |
| Folgen | Verlust der Glaubwürdigkeit |