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Nachrichten Lokal > Nachrichten > München > Rechtsextremer Täter für 1970er Anschlag in München identifiziert
München

Rechtsextremer Täter für 1970er Anschlag in München identifiziert

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 21, 2026 8:39 a.m.
Julia Becker
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Sieben Menschen starben in einer Nacht im Februar 1970, als jemand das Haus in der Münchner Herzog-Rudolf-Straße anzündete. Sie waren Holocaust-Überlebende, die im jüdischen Altenheim ihre letzten Lebensjahre verbracht hatten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang blieb die Frage nach dem Täter offen – ein dunkler Fleck in der Münchner Stadtgeschichte und eine offene Wunde für die jüdische Gemeinde. Nun, am 20. August 2026, hat die Generalstaatsanwaltschaft München eine Erklärung abgegeben: Ein 2020 verstorbener Mann aus dem rechtsextremen Milieu sei der mutmaßliche Täter. Die Ermittlungen wurden aufgrund eines neuen Hinweises aus der Bevölkerung im April 2025 wieder aufgenommen und sprechen laut Behörden nun deutlich für eine Täterschaft.

Der Tag des Anschlags, der 13. Februar 1970, ist ein fester Bestandteil der Münchner Erinnerungskultur. Das Heim in der Herzog-Rudolf-Straße, unweit des Isarsanatoriums, war ein Ort des vermeintlichen Friedens für diejenigen, die das Grauen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik überlebt hatten. Um kurz vor Mitternacht brach das Feuer aus. Flammen schlugen aus dem Dach, der Rauch war kilometerweit zu sehen. Bei der Löscharbeit fanden Feuerwehrleute die sieben Toten: drei Frauen und vier Männer im Alter zwischen 73 und 81 Jahren. Weitere 15 Bewohnerinnen und Bewohner wurden zum Teil schwer verletzt, das Haus wurde völlig zerstört. Es handelte sich um einen der tödlichsten antisemitischen Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Wucht der Tat erschütterte die Stadt und das Land und warf bedrängende Fragen über den fortwährenden Antisemitismus in der Nachkriegsgesellschaft auf.

Die Ermittlungen der damaligen Zeit verliefen im Sande. Verdächtigungen richteten sich zunächst gegen palästinensische Terrorgruppen, die in jener Zeit auch in Deutschland aktiv waren. Andere Spuren führten in die rechtsextreme Szene. Doch konkrete Beweise fehlten, Zeugenaussagen waren widersprüchlich, und so blieb der Fall eines der größten ungelösten Verbrechen Münchens. Im Jahr 2017 stellte der Generalbundesanwalt das Verfahren endgültig ein – scheinbar für immer. Die jüdische Gemeinde und Angehörige der Opfer lebten mit dieser Ungewissheit.

Die Wende kam, wie so oft in solchen Altfällen, aus der Bevölkerung. Ein neuer, konkreter Hinweis erreichte die Behörden, dessen genauer Inhalt aus ermittlungstaktischen Gründen nicht öffentlich gemacht wird. Dieser war so substanziell, dass die Generalstaatsanwaltschaft München im April 2025 beschloss, die Akten erneut zu öffnen. Die Ermittlerinnen und Ermittler sichteten altes Material mit modernen Methoden, überprüften Verbindungen und konzentrierten sich auf einen bis dahin nur am Rande erwähnten Mann. Dieser Mann, zum Tatzeitpunkt 25 Jahre alt, war in der Münchner rechten Szene der späten 1960er und frühen 1970er Jahre bekannt. Zeitzeugen, die von den Ermittlern neu befragt wurden, beschrieben ihn als überzeugten Antisemiten mit einem «Hitler-Tick». Er starb im Jahr 2020, ohne jemals für diese Tat juristisch zur Verantwortung gezogen worden zu sein.

Die nun vorliegenden Erkenntnisse sprechen deutlich für eine Täterschaft des Verstorbenen, erklärte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. Gleichzeitig wiesen die Behörden am Donnerstag sorgfältig auf die rechtlichen Grenzen hin. Auch posthum, also nach dem Tod, gilt in Deutschland die Unschuldsvermutung. Da kein lebender Beschuldigter mehr vor Gericht gestellt werden kann, ist eine formelle Anklageerhebung oder eine gerichtliche Verurteilung nicht mehr möglich. Das Ermittlungsverfahren muss daher wieder eingestellt werden. Zudem könne nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden, ob der Mann allein oder möglicherweise mit Komplizen gehandelt habe. Dennoch gibt diese späte Identifizierung den Opfern, ihren Familien und der gesamten Gemeinschaft etwas zurück: die Gewissheit, dass die Tat nicht vergessen ist und dass die Suche nach Gerechtigkeit über Generationen hinweg andauert.

Für die Münchner Stadtgesellschaft ist diese Nachricht ein Anlass für eine tiefere Reflexion. Sie zeigt, wie lange die Schatten der Geschichte und des Hasses nachwirken können. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die den Anschlag als junge Frau miterlebte, sagte in einer ersten Reaktion: „Diese Nachricht berührt zutiefst. Sie schließt für die Hinterbliebenen und die Gemeinde keine Wunde, aber sie gibt einen Namen zu dem unsäglichen Leid.” Es ist eine traurige Bestätigung, dass der mörderische Antisemitismus von 1945 nicht einfach verschwunden war, sondern in der Gesellschaft weiter schwelte. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter betonte die Bedeutung dieser späten Aufklärung für das kollektive Gedächtnis der Stadt: „München stellt sich seiner Geschichte, auch den dunkelsten Kapiteln. Dass nach 56 Jahren noch Klarheit geschaffen werden kann, ist ein Signal dafür, dass wir als Gesellschaft die Opfer nicht vergessen und der Aufklärung verpflichtet sind.”

Der Fall ist mehr als nur ein gelöstes Verbrechen. Er ist eine Lehrstunde über die Beharrlichkeit von Erinnerung und die Pflicht der Gemeinschaft, historisches Unrecht nicht ad acta zu legen. Die Tatsache, dass ein Hinweis aus der Bevölkerung den entscheidenden Impuls gab, unterstreicht die Bedeutung eines wachsamen und engagierten Bürger*innensinns. Jede*r kann zum Bewahrer der historischen Wahrheit werden. Lokale Geschichtsinitiativen, die sich seit Jahren mit der Aufarbeitung des rechtsextremen Terrors in München befassen, sehen in der Entwicklung eine späte Genugtuung. „Es zeigt, dass die Arbeit an der Vergangenheit nie umsonst ist,” so ein Aktivist aus dem Münchner Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie.”

Was bedeutet das für uns heute? Die späte Aufklärung des Anschlags von 1970 ist eine Mahnung, die bis in unsere Gegenwart reicht. Antisemitische Vorfälle, von Schmierereien auf Gedenktafeln bis zu Bedrohungen gegen Gemeindemitglieder, sind auch im München des Jahres 2026 leider keine Seltenheit. Die im Stadtteil Maxvorstadt gelegene neue Hauptsynagoge wird ebenso wie jüdische Kindergärten und Restaurants durch einen massiven Polizeischutz gesichert – ein trauriger und kostspieliger Alltag. Die Identifizierung des Täters von damals macht unmissverständlich klar: Antisemitismus ist kein historisches Phänomen, sondern eine wiederkehrende Gefahr, die ständige Wachsamkeit und entschlossenes Handeln von Politik, Justiz und Zivilgesellschaft erfordert.

Für Bürgerinnen und Bürger, die sich engagieren möchten, gibt es mehrere Wege:

  • Die Israelitische Kultusgemeinde bietet regelmäßig Gesprächsabende und Gedenkveranstaltungen an.
  • Das Münchner Stadtarchiv sucht nach Zeitzeugen und Material aus der Nachkriegszeit.
  • Das NS-Dokumentationszentrum fördert die Aufarbeitung der Geschichte.
  • Sicherheitsbehörden sind auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen.
  • Wer rechtsextreme oder antisemitische Aktivitäten beobachtet, kann den Staatsschutz kontaktieren.
  • Jeder Hinweis kann wichtig sein – wie der nunmehrige Fall nach 56 Jahren eindrucksvoll bewiesen hat.

Nach 56 Jahren hat die Wahrheit einen Namen. Auch wenn es keine Verurteilung vor Gericht mehr geben wird, so ist doch etwas Entscheidendes passiert: Das Schweigen ist gebrochen, die Tarnung des Täters ist aufgeflogen. Für die Opfer des Brandanschlags und ihre Angehörigen ist dies ein spätes, aber wichtiges Zeichen der Anerkennung ihres Leids. Für München als Gemeinschaft ist es ein Auftrag, die Erinnerung an die sieben Toten wachzuhalten und jeden Ansatz von Hass und Menschenfeindlichkeit in unserer Mitte entschieden zu bekämpfen. Die Geschichte ist nicht vorbei. Sie lehrt uns, was wir heute zu tun haben.

Aspekt Details
Datum des Anschlags 13. Februar 1970
Opfer 7 Menschen (3 Frauen, 4 Männer)
Alter der Opfer Zwischen 73 und 81 Jahren
Verletzte 15 Personen
Tatort Herzog-Rudolf-Straße, München
Ermittlungen Wiederaufnahme im April 2025


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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