Berlin, die aufregende und widersprüchliche Hauptstadt, steht vor einer politischen Weichenstellung. In knapp vier Wochen, am 20. September 2026, wird ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Eine exklusive, repräsentative Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag von t-online, für die 1.535 Berlinerinnen und Berliner zwischen dem 4. und 18. August befragt wurden, zeichnet ein elektrisierendes Bild: Die Linkspartei liegt mit ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp klar vorne.
Mit 22 Prozent der Stimmen hat die Linke einen bemerkenswerten Vorsprung. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die CDU von Finanzsenator Stefan Evers und die AfD unter Kristin Brinker – beide gleichauf bei 18 Prozent. Das ist ein klares Signal für den Wandel. Die derzeit regierenden Parteien fallen deutlich zurück: Die Grünen von Bürgermeisterkandidat Werner Graf kommen auf 16 Prozent, die SPD von Spitzenkandidat Steffen Krach nur noch auf 12 Prozent. Für BSW (4%) und FDP (3%) würde der Einzug ins Parlament bei dieser Stimmung sehr knapp. Der amtierende Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte sich nach massiver Kritik an seiner Kommunikation während des großen Stromausfalls vor einem Monat überraschend als Spitzenkandidat zurückgezogen. Seine aktuelle Koalition aus CDU und SPD kommt in der Umfrage nur noch auf magere 30 Prozent.
Diese Zahlen sind mehr als nur eine Momentaufnahme. Sie sind ein seismisches Echo auf die Gefühlslage in dieser Stadt. In den Kiezen spürt man seit Jahren eine wachsende Unzufriedenheit. Die Mieten steigen unaufhörlich, während der soziale Wohnungsbau stockt. Der öffentliche Nahverkehr ist überlastet, und die Sanierung der maroden Schulen kommt nur im Schneckentempo voran. Der tagelange Stromausfall in Teilen von Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte war für viele Bewohner nur der sichtbarste Ausdruck einer Infrastruktur, die an ihre Grenzen stößt. In dieser Stimmung findet die Linkspartei mit ihrem klaren Fokus auf soziale Gerechtigkeit, Mieterschutz und massive öffentliche Investitionen offenbar großen Anklang.
Die Umfrage offenbart auch ein tiefes Misstrauen gegenüber den etablierten Regierungsoptionen. Eine Fortsetzung der aktuellen CDU-SPD-Koalition wünschen sich laut Forsa nur 13 Prozent der Berliner. Eine Erweiterung um die Grünen, eine sogenannte „Kenya“-Koalition, kommt auf noch weniger Zustimmung – gerade einmal 9 Prozent. Die Wähler scheinen keine Lust auf mehr von demselben zu haben. Sie suchen nach einer deutlichen Kurskorrektur.
Ein genauerer Blick auf die politische Landschaft zeigt, wie dynamisch die Situation ist. Die Stärke der Linken speist sich nicht nur aus klassischen Hochburgen wie Friedrichshain oder Neukölln. Gespräche mit Anwohnern in Wedding oder Marzahn-Hellersdorf machen deutlich, dass auch in traditionell anderen Milieus soziale Fragen absolut priorisiert werden. „Es geht darum, wer diese Stadt regiert – die Spekulanten oder diejenigen, die hier leben und arbeiten“, bringt es eine Gewerkschafterin aus Spandau auf den Punkt. Die CDU unter Stefan Evers versucht, mit dem Thema Sicherheit und einer Betonung von Wirtschaftskraft zu punkten, während die AfD die allgemeine Unzufriedenheit kanalisiert. Die Grünen kämpfen um ihr klassisches Profil zwischen Klimaschutz und praktischer Stadtpolitik, und die SPD wirkt in der Defensive, schwer belastet von den Problemen der letzten Regierungsjahre.
Was bedeuten diese Umfragewerte nun konkret für das Leben in der Stadt? Eine starke Linkspartei an der Regierung würde zweifellos einen radikalen Politikwechsel einläuten. Die Diskussionen um die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne wie Vonovia oder Deutsche Wohnen würden mit neuer Kraft geführt werden. Pläne für einen deutlichen Ausbau des 29-Euro-Tickets, vielleicht sogar hin zu einem fahrscheinfreien ÖPNV, stünden ganz oben auf der Agenda. Auch Investitionen in Schulen, Kitas und bezahlbare Freizeitangebote wären zentrale Projekte. Kritiker warnen jedoch vor den finanziellen Folgen und befürchten einen Stillstand bei großen Infrastrukturprojekten.
Die möglichen Koalitionsarithmetik nach der Wahl wird kompliziert. Ein Linksbündnis mit SPD und Grünen, eine sogenannte „rot-rot-grüne“ Koalition, wäre rechnerisch naheliegend, aber politisch hochspannend. Die SPD müsste sich nach Jahren in der Mitte deutlich nach links bewegen. Auch eine Minderheitsregierung der Linken, die von Fall zu Fall Mehrheiten sucht, ist ein Szenario, das in Politikkreisen diskutiert wird. Fest steht: Die klassischen Machtblöcke sind aufgebrochen.
Für Sie als Bürgerinnen und Bürger ist diese Wahl von unmittelbarer Bedeutung. Sie entscheiden über die Richtung der Stadt für die nächsten fünf Jahre. Werden die Mieten weiter explodieren oder gibt es eine echte Bremse? Wird der Ausbau der U-Bahn-Linie U5 zum Flughafen BER endlich entschlossen vorangetrieben? Bekommen unsere Kinder Schulen mit intakten Dächern und moderner Ausstattung? Diese Fragen werden am 20. September beantwortet.
Informieren Sie sich in den kommenden Wochen gründlich:
- Besuchen Sie die Wahlkampfstände der Kandidaten in Ihrem Kiez
- Gehen Sie zu den Bezirksversammlungen und stellen Sie Fragen
- Die offiziellen Wahlprogramme aller Parteien finden Sie auf den Webseiten der Landesverbände
- Nutzen Sie den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung
- Informieren Sie über Ihr Wahllokal
- Beachten Sie das Verfahren der Briefwahl
Diese Umfrage ist ein Weckruf. Sie zeigt, dass Berlin an einem Scheideweg steht. Die Unzufriedenheit mit dem Status quo ist groß, der Wunsch nach Veränderung ebenso. Ob die Linke diesen Schwung tatsächlich in einen Wahlsieg ummünzen kann, wird der Urnengang zeigen. Sicher ist, dass die kommende Legislaturperiode die Weichen für das Berlin der 2030er Jahre stellen wird. Es geht um die Frage, ob Berlin eine Stadt für alle bleibt oder sich weiter spaltet. Ihre Stimme zählt.
| Partei | Prozentanteil |
|---|---|
| Linkspartei | 22% |
| CDU | 18% |
| AfD | 18% |
| Grüne | 16% |
| SPD | 12% |
| BSW | 4% |
| FDP | 3% |