An diesem kalten Januarmorgen wirkt der Dresdner Flughafen wie immer: Reisende ziehen ihre Koffer, Abflugtafeln blinken, das vertraute Summen des Betriebs liegt in der Luft. Doch dann, gegen 9:30 Uhr, verwandelt sich diese Routine schlagartig. Eine laute Durchsage hallt durch die Terminals, Blaulicht zerschneidet das graue Licht des Vormittags, und wo eben noch Passagiere schlenderten, rennen nun Feuerwehrleute in schweren Schutzanzügen. Am Flughafen Dresden hat die jährliche Notfallübung begonnen – eine sorgfältig choreografierte Probe für den Tag, den sich hier niemand wünscht.
Unter dem Codenamen „Übung Flughafen 2025“ simulierten Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei und Flughafenmitarbeiter einen schweren Zwischenfall mit einem fiktiven Regionalflugzeug. Die angenommene Lage: Eine Maschine der fiktiven Fluggesellschaft „Air Saxonia“ mit 60 Personen an Bord hatte beim Landeanflug eine Panne, rutschte von der Landebahn und kam im Vorfeld zum Stehen. Es gab „Verletzte“, ein „Feuer“ war ausgebrochen, und die Lage war zunächst unübersichtlich. Für die rund 250 Einsatzkräfte vor Ort war es der Moment, auf den sie monatelang hingearbeitet hatten. Denn während ein solches Szenario statistisch extrem unwahrscheinlich ist, gilt für die Verantwortlichen am Flughafen der Satz: „Was geübt wird, das klappt im Ernstfall.“
Ein komplexes Zusammenspiel mit klaren Regeln
Die Grundlage für solche Übungen ist nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern klare Gesetze. Nach der EU-Verordnung 139/2014 und dem deutschen Luftsicherheitsgesetz ist jeder Flughafenbetreiber verpflichtet, seine Rettungsdienste in regelmäßigen Abständen auf Herz und Nieren zu prüfen. In Dresden findet diese Hauptübung alle zwei Jahre statt. Dazwischen liegen zahlreiche kleinere Alarmproben und Fachübungen. Die Kosten für eine solche Großübung belaufen sich nach Angaben der Flughafengesellschaft auf einen mittleren fünfstelligen Eurobetrag – eine Investition in die Sicherheit, die nicht hinterfragt wird.
„Die größte Herausforderung ist die erste Phase, die sogenannte unmittelbare Reaktion“, erklärt Flughafenbrandmeister Thomas Weber, der die Einsatzleitung der Feuerwehr innehatte. „Innerhalb von drei Minuten müssen die ersten Löschfahrzeugen am fiktiven Unglücksort sein. Das ist eine Vorgabe die wir nicht nur heute, sondern bei jedem Alarm einhalten müssen.“ Die Flughafenfeuerwehr in Dresden ist mit speziellen, geländegängigen Löschfahrzeugen ausgestattet, die auch abseits befestigter Wege hohe Geschwindigkeiten erreichen können. Heute rasten sie zu ihrem „Einsatzort“ im südöstlichen Vorfeld des Airports.
Parallel zur Feuerwehr lief ein hochkomplexes Räderwerk an: Die Flughafen-Leitstelle, die Nervenzentrale des Airports, setzte den Alarmplan um. Die Betriebsleitung koordinierte die Einstellung des Flugbetriebs – in der Simulation wie im Ernstfall eine notwendige Maßnahme, die jedoch massive wirtschaftliche Folgen hat. Die Polizei sicherte das Gelände und begann mit der ersten Lageerkundung. Der Rettungsdienst, hier maßgeblich der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Dresden, richtete einen Behandlungsplatz ein, an dem die „Verletzten“ nach Schweregrad sortiert, erstversorgt und für den Abtransport in Kliniken vorbereitet wurden.
„Es fühlt sich anders an, wenn es Ernst ist – aber genau dafür üben wir“
Unter den 60 „Passagieren“ waren viele Freiwillige von Hilfsorganisationen und Mitarbeiter. Ihr Schminke war täuschend echt: blutverschmierte Gesichter, Schürfwunden aus Silikon und geschminkte Verbrennungen. Einer von ihnen ist Michael Riedel, ein langjähriger Mitarbeiter des Flughafens aus dem Bereich Sicherheit. „Ich mache bei fast jeder Übung mit“, sagt er, nachdem er von Sanitätern vom „Unfallort“ weggeführt wurde. „Es ist wichtig, die Abläufe auch aus der Perspektive des Betroffenen zu kennen. Heute habe ich eine Platzwunde und einen gebrochenen Arm simuliert. Die Kommunikation mit den Rettern unter Atemschutz ist dabei immer eine besondere Herausforderung – es ist laut, man ist verängstigt, und die Stimmen sind durch die Masken gedämpft. Solche Details kann man nur in der Praxis lernen.“
Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), der als Schirmherr der Übung vor Ort war, betonte den kommunalen Stellenwert der Sicherheit. „Der Flughafen ist ein vitales Infrastrukturelement für unsere Stadt und die gesamte Region. Er verbindet uns mit der Welt und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Gewissheit, dass hier im Notfall alle Hand in Hand arbeiten, ist für uns als Stadt unbezahlbar. Diese Übungen sind kein lästiges Pflichtprogramm, sondern gelebte Verantwortung.“
Kritische Stimmen aus der Vergangenheit, die fragten, ob nicht auch Szenarien wie Terrorlagen oder Amoklagen verstärkt geübt werden sollten, scheinen Gehör gefunden zu haben. Polizeisprecherin Lisa Schmidt gab zu Protokoll: „Die heutige Übung konzentrierte sich zwar auf den technischen Unfall. Aber die Schnittstellen zwischen unserer polizeilichen Lageerkundung und der Arbeit der Rettungsdienste sind universell. Die Erfahrungen im Umgang mit einer unübersichtlichen Lage, mit vielen Betroffenen und der Koordination verschiedener Kräfte sind grundlegend für jeden größeren Einsatz.“ Dennoch plant die Polizei, wie aus Kreisen der Behörde zu hören ist, in diesem Jahr verstärkt eigene Lagen mit Bezug zu kritischer Infrastruktur zu trainieren.
Eine Stadt profitiert von der Expertise
Was für den Laien nach einem aufregenden Spektakel aussieht, ist für die Profis harte Arbeit und wertvolle Routine. Feuerwehrchef Weber resümiert: Ein kleiner Erfolg, der im Ernstfall Leben retten kann.
Für die Dresdner Bürgerinnen und Bürger bleibt die Übung weitgehend unsichtbar, abgesehen von einigen Polizeifahrzeugen mehr auf den Zufahrtsstraßen und dem gelegentlichen Heulen von Sirenen. Doch der Nutzen strahlt aus. Die hier geschulte Koordination kommt auch bei anderen Großschadenslagen in der Stadt zugute, sei es bei schweren Unfällen auf der Autobahn 4 oder bei Großbränden. Die Rettungsdienste profitieren von der Erfahrung im Massenanfall von Verletzten, einer seltenen, aber extrem fordernden Situation.
Am frühen Nachmittag ist die Übung beendet. Die „Verletzten“ sind versorgt, das „Feuer“ gelöscht, die Lage ist unter Kontrolle. In der Nachbesprechung werden die Einsatzkräfte jeden Handgriff analysieren, was gut lief und was besser gehen kann. Diese Kultur der ständigen Verbesserung ist das eigentliche Ergebnis des Tages. Während die ersten echten Passagiere wieder Richtung Check-in-Schalter strömen, kehrt der Alltag zurück. Doch im Hintergrund ist das System ein Stück sicherer geworden. Die Gewissheit, dass die Männer und Frauen in Orange und Blau für den Ernstfall trainieren, damit er eben nie eintritt, ist vielleicht der wichtigste Beitrag, den der Flughafen an diesem Januarmorgen zur Sicherheit der Stadt Dresden leistet.
Wichtige Aspekte der Übung
- Simulation eines schweren Zwischenfalls
- Reaktion innerhalb von drei Minuten
- Koordination verschiedener Einsatzkräfte
- Erfahrung in der Massenanfall von Verletzten
- Regelmäßige Notfallübungen
- Schulung der Kommunikation zwischen Leitstellen
Zusammenfassung der Übung
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Übungsdatum | Januar 2023 |
| Teilnehmer | 250 Einsatzkräfte |
| Maschine | Fiktive „Air Saxonia“ |
| Verletzte | 60 simulierte Passagiere |
| Kosten | Mittlerer fünfstelliger Eurobetrag |
| Hauptübung | Alle zwei Jahre |