Während die Münchner Innenstadt mit neuen Luxuskinos und riesigen Multiplexen um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlt, hat sich in der Maxvorstadt ein etablierter Ort auf eine besondere Art der Gastlichkeit besonnen. Die Astor Film Lounge im Arri in der Türkenstraße, ein Kino mit bewegter Geschichte seit 1958, bietet seit seinem umfassenden Umbau 2018 einen Service, der hierzulande einzigartig ist: Bedienung am Sitzplatz. Statt in der Pause zur Theke zu hetzen oder sich vor Beginn durch die Schlange zu kämpfen, bestellen die Gäste von ihrem bequemen Sessel aus und bekommen ihre Auswahl direkt serviert. Diese Entwicklung ist mehr als nur ein Gimmick. Sie spiegelt einen größeren Trend in der Münchner Kulturlandschaft wider, bei dem Erlebnis und Komfort immer stärker in den Vordergrund rücken – und wirft gleichzeitig Fragen nach Zugänglichkeit und dem Wesen eines Gemeinschaftskinos auf.
Die Idee, im Kino bedient zu werden, ist nicht komplett neu, aber ihre Umsetzung in einem traditionsreichen Stadtteilkino wie dem Arri ist bemerkenswert. Das Haus durchlief in den letzten Jahrzehnten eine wechselvolle Geschichte, von der Schließungsgefahr bis zum gefeierten Umbau unter der Leitung der Astor-Film-Lounge-Gruppe. Der Anspruch lautete damals, einen Ort zu schaffen, der „an den Glanz der Blütezeit der Kinos“ erinnert. Mit dem Saalservice wird dieses Versprechen konkret eingelöst. Es geht um ein Gefühl von Wertschätzung und Muße, das in unserer hektischen Zeit oft zu kurz kommt. Für die Betriebsleitung ist dies aber vor allem auch eine organisatorische Meisterleistung. Drei Säle mit insgesamt mehreren hundert Plätzen müssen bewirtschaftet werden. Die Bedienungen müssen sich im Dunkeln orientieren, Bestellungen leise und präzise aufnehmen und abkassieren, ohne andere Gäste oder den Filmfluss zu stören. Das erfordert hochprofessionelles, eingespieltes Personal und durchdachte Abläufe, die hinter den Kulissen laufen.
Das Angebot selbst ist vielfältig und hebt sich deutlich vom Standard-Popcorn-und-Cola-Kino ab. Neben klassischen Softdrinks und Snacks lockt eine Karte mit Longdrinks wie Aperol Spritz oder Hugo, einer Auswahl an Cocktails sowie Fingerfood in vegetarischen, deftigen oder regionalen Varianten. „Wir wollen den Kinobesuch zu einem ganzheitlichen Abendausflug machen, bei dem der Film im Mittelpunkt steht, aber das Drumherum eben nicht vernachlässigt wird“, erklärt eine Sprecherin der Kinoleitung. Dieser Ansatz kommt offenbar an. Regelmäßige Gäste, wie die Maxvorstädterin Sabine L. (42), schätzen genau das: „Man fühlt sich willkommen und umsorgt. Es ist ein bisschen wie früher im Kino, nur komfortabler. Man muss nicht aufstehen und verpasst nichts.“ Dieser Komfort hat jedoch seinen Preis. Die Getränke und Speisen liegen preislich deutlich über dem, was man an einer normalen Kinokasse zahlt. Damit positioniert sich das Astor klar in einer Premium-Nische.
Hier zeigt sich ein gesellschaftlicher Trend, den Stadtsoziologen auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens beobachten: die zunehmende Ausdifferenzierung von Angeboten. Während es einerseits günstige Flatrate-Anbieter für Streaming zu Hause gibt, suchen Menschen für besondere Erlebnisse zunehmend nach exklusiven, hochwertigen Angeboten vor Ort. Das Kino wird damit zum Event, das den eigenen Wohnzimmer-Sessel bewusst übertrumpfen soll. „Es ist eine Reaktion auf die Digitalisierung“, analysiert Dr. Lena Berger, Kulturwissenschaftlerin an der Münchner Universität. „Orte wie die Astor Film Lounge schaffen einen sozialen und sinnlichen Mehrwert, den das Streaming nicht bieten kann. Der Service ist ein integraler Teil dieses Erlebnisses.“ Diese Entwicklung stärkt zwar einerseits die Attraktivität der Kinos als Kulturorte, sie birgt aber auch die Gefahr, dass der Kinobesuch für manche Bevölkerungsgruppen zu einem finanziell nicht mehr tragbaren Luxus wird.
Ein besonders sensibler Punkt in dieser Diskussion um Inklusion und Zugänglichkeit ist leider ein altbekanntes Problem des Arri-Gebäudes: die Barrierefreiheit. Der namensgebende, größte Saal des Hauses, der Arri-Saal, ist nach wie vor nicht barrierefrei zugänglich. Rollstuhlplätze stehen ausschließlich im separaten, kleineren Astor-Saal zur Verfügung, der über einen Aufgang erreichbar ist. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen bedeutet dies eine deutliche Einschränkung der Programmwahl, da nicht alle Filme in beiden Sälen laufen. Auf Nachfrage erklärt die Kinoleitung, dass eine nachträgliche Installation eines Aufzugs oder einer Rampe im denkmalgeschützten Bestandsgebäude aus technischen und finanziellen Gründen bislang nicht umsetzbar gewesen sei. Man sei sich des Problems bewusst und bemühe sich, das Programm im barrierefreien Saal so attraktiv wie möglich zu gestalten. Für Betroffene und Interessenverbände bleibt dies jedoch ein unbefriedigender Zustand. „Ein moderner Servicegedanke sollte alle Besucherinnen und Besucher gleichermaßen im Blick haben“, moniert Thomas Weber vom Münchner Behindertenbeirat. „Das schließt die physische Zugänglichkeit mit ein.“
Trotz dieser Kritik ist die Astor Film Lounge ein lebendiger Beweis dafür, wie sich ein traditionsreicher Kulturstandort neu erfinden und behaupten kann. Der Saalservice ist dabei ein cleverer strategischer Schachzug. Er schafft ein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal in einer Stadt mit starker Kinokonkurrenz und bindet das Publikum auf emotionale Weise. Gleichzeitig ist das Kino nach wie vor ein wichtiger sozialer Treffpunkt im Stadtteil Maxvorstadt, der von Studenten, Familien und Kulturliebhabern gleichermaßen frequentiert wird. Die Mischung aus anspruchsvollem Programm – von Mainstream bis zu Independent-Filmen und Festivalkoproduktionen – und dem besonderen Service scheint aufzugehen.
| Aspekte | Details |
|---|---|
| Öffnungsjahr | 1958 |
| Umbau | 2018 |
| Sitze | Mehrere hundert |
| Besonderheit | Bedienung am Sitzplatz |
| Cocktails | Aperol Spritz, Hugo |
| Preiskategorie | Premium |
Was bedeutet das für die Zukunft des Kinoerlebnisses in München? Die Astor Film Lounge setzt mit ihrem Konzept einen Standard, dem andere Häuser möglicherweise folgen werden. Schon jetzt experimentieren andere Kinos in Deutschland mit vergleichbaren Serviceangeboten. Für die Münchnerinnen und Münchner ist es eine Bereicherung der kulturellen Vielfalt. Es zeigt, dass Kino mehr sein kann als eine dunkle Halle mit Leinwand: ein Ort der Gemeinschaft, der Entschleunigung und der bewussten Wertschätzung von Kultur. Damit dieses Erlebnis aber wirklich für alle da ist, müssen die Verantwortlichen weiter daran arbeiten, die Hürden – seien sie finanzieller oder baulicher Natur – abzubauen. Nur so bleibt das Kino, was es im Kern immer war: ein demokratischer Ort, der Menschen durch Geschichten zusammenbringt.