Der 71. Verhandlungstag im Hamburger Block-Prozess war ein Tag der Weichenstellungen. Während die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt das Ende der Beweisaufnahme ankündigte, bereitete sich die zentrale Figur dieses Mammutverfahrens auf ihren letzten großen Auftritt vor. Christina Block wird sich in der kommenden Woche an zwei Tagen ausführlich äußern – eine Gelegenheit, die ihre Verteidiger als entscheidenden Moment im Kampf um die öffentliche Meinung ansehen.
Denn hinter den scheinbar prozessualen Details, dem Streit um Zeugenbefragungen und dem „Selbstleseverfahren“, entfaltet sich eine tiefgreifende Auseinandersetzung. Es geht längst nicht mehr nur um die konkreten Vorwürfe der Auftragsentführung der beiden jüngsten Kinder aus Dänemark. Der Prozess ist zu einer Arena geworden, in der grundlegende Fragen von Justiz, medialer Darstellung und der Aufarbeitung eines eskalierten Sorgerechtsstreits verhandelt werden. Und während das Landgericht Hamburg auf ein Urteil zusteuert, denken die Verteidiger bereits an den Bundesgerichtshof.
Die letzte öffentliche Bühne
Die Ankündigung von Richterin Hildebrandt, das „Selbstleseverfahren“ – die Sichtung umfangreicher Akten wie Hotelbelegen oder digitalen Tagebüchern – abzuschließen, setzte eine Dynamik in Gang. Für Christina Block und ihren Verteidiger Ingo Bott bedeutet dies, dass der geplante zweitägige Vortrag ihrer Mandantin zur zentralen Bühne wird. „Für Block ist ab kommenden Dienstag voraussichtlich ihre letzte ausführliche Gelegenheit, ihre Sicht öffentlich darzustellen“, kommentiert ein mit dem Prozess vertrauter Jurist. Die eigentlichen Plädoyers und das letzte Wort der Angeklagten sollen, um die Privatsphäre der Kinder zu schützen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.
Diese Nichtöffentlichkeit stellt für die Verteidigungsstrategie ein erhebliches Problem dar. Von Beginn an setzten Block und ihr Team auf eine emotionale, öffentlichkeitswirksame Darstellung: die verzweifelte Mutter, die nur ihre Kinder zurückwollte. „Ohne öffentliches Schlussplädoyer wird es schwierig, diese Narrative noch einmal kraftvoll in die Medien zu tragen“, analysiert eine Hamburger Medienbeobachterin. Die anstehende Erklärung wird damit zu einem „Schlusswort vor dem Schlusswort“, einem finalen Versuch, die Deutungshoheit über den Fall zu behalten oder zurückzuerlangen. Richterin Hildebrandt warnte bereits vor „vorgezogenen Plädoyers“, doch der Druck auf Block, diese Chance zu nutzen, ist enorm.
Ein Prozess auf zwei Ebenen
Während die Öffentlichkeit auf Blocks Auftritt wartet, wird im Gerichtssaal auf einer zweiten, technischeren Ebene gekämpft. Die Verteidiger führen den Prozess bereits mit Blick auf eine mögliche Revision. Deutlich wurde dies bei der Befragung der letzten Zeugin, der leitenden LKA-Ermittlerin. Deren Aussagegenehmigung war eingeschränkt, da sie in weitere, parallel laufende Ermittlungen aus dem Umfeld des Sorgerechtsstreits involviert ist. Viele Fragen, etwa zu möglichen entlastenden Erkenntnissen in diesen anderen Verfahren, durfte sie nicht beantworten.
Genau hier setzt die Verteidigung an. Sie hält diese Aufspaltung der Ermittlungen für problematisch und argumentiert, dass so ein vollständiges Bild verhindert werde. Wie David Rieks, Verteidiger des Mitangeklagten Gerhard Delling, laut „Legal Tribune Online“ erklärte, sei es „aus Revisionsgesichtspunkten notwendig“, diese nicht beantworteten Fragen akribisch festzuhalten. Die Strategie ist klar: Sollte es zu einer Verurteilung kommen, muss die Verteidigung nachweisen können, wo sie in ihrer Aufklärung behindert wurde. Nur was im Protokoll steht, kann später dem Bundesgerichtshof (BGH) vorgelegt werden.
„Eine Revision ist keine Neuauflage des Prozesses“, erklärt eine auf Strafrecht spezialisierte Anwältin. „Der BGH prüft vor allem Verfahrensfehler. Wenn das Gericht hier Beweisanträge zu Unrecht abgelehnt oder Zeugenbefragungen unnötig eingeschränkt hat, könnte das ein Angriffspunkt sein.“ Daher werden Anträge gestellt und Fragen formuliert, auch wenn die Erfolgsaussicht vor dem Landgericht gering erscheint. Jede Ablehnung dokumentiert einen potenziellen Fehler.
Was bleibt für Hamburg?
Der Block-Prozess, der die Stadt über ein Jahr beschäftigt hat, hinterlässt bereits jetzt Spuren. Er hat die Grenzen und Schwierigkeiten der Justiz bei hoch emotionalisierten Familienkonflikten aufgezeigt, die durch internationale Dimensionen und massive mediale Begleitung zusätzlich verkompliziert werden. Die Debatte um die richtige Balance zwischen Öffentlichkeitsinteresse und Persönlichkeitsschutz, besonders der betroffenen Kinder, wurde neu entfacht.
Für die Hamburger Justiz steht in den kommenden Wochen die schwierige Aufgabe an, einen Schlussstrich unter die Beweisaufnahme zu ziehen. Noch liegen weitere Anträge der Verteidigung vor, etwa die Vernehmung von Blocks früherem Anwalt Otmar Kury als Zeugen. Doch der Fahrplan steht: Nach Christina Blocks Stellungnahme folgen die nicht-öffentlichen Plädoyers und schließlich das Urteil.
- Die letzten Auftritte von Christina Block
- Emotionale Darstellung durch die Verteidigung
- Öffentliche und nicht-öffentliche Plädoyers
- Fragen zu entlastenden Erkenntnissen
- Revision und Verfahrensfehler
- Zukunft des Sorgerechtsstreits
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Verhandlungstag | 71. Tag im Prozess |
| Richterin | Isabel Hildebrandt |
| Hauptfigur | Christina Block |
| Verteidiger | Ingo Bott |
| Öffentlichkeit | Teile nur nicht-öffentlich |
| Voraussichtliches Urteil | In naher Zukunft |
Egal wie dieses ausfällt, ein Ende der Geschichte ist kaum abzusehen. Die intensive Vorbereitung der Verteidigung auf einen Gang nach Karlsruhe zeigt, dass der juristische Streit um die Ereignisse von 2022 und die Frage nach Schuld und Verzweiflung im Sorgerechtskampf noch lange nicht beendet sein wird. Für die Hamburger Öffentlichkeit bleibt bis dahin die Erinnerung an einen Prozess, der viel über Macht, Medien und die Grenzen des Rechts aussagte.