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Nachrichten Lokal > Nachrichten > München > Spektakuläre Kita in München: Einzigartiger Holzbau eröffnet im Herbst
München

Spektakuläre Kita in München: Einzigartiger Holzbau eröffnet im Herbst

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 25, 2026 6:39 a.m.
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Kindertagesstätte TU München

Mitten in der dicht bebauten Münchner Innenstadt, genau dort, wo die historischen Fassaden um den Odeonsplatz das Stadtbild prägen, ist ein außergewöhnliches neues Gebäude entstanden. Seit der Schlüsselübergabe im Juli leuchtet seine rostrote Fassade in der Sonne. Doch hinter der markanten Hülle verbirgt sich noch etwas viel Besonderes: Fast das gesamte fünfstöckige Haus ist aus Holz. Es ist die neue Kindertagesstätte der Technischen Universität München (TU), eine sogenannte Kinderoase, die pünktlich zum Herbst ihren Betrieb aufnehmen wird. Dieser Holzbau ist weit mehr als nur eine weitere Kita – er ist ein architektonisches Statement, ein Modellprojekt für nachhaltiges Bauen in der Stadt und ein konkreter Schritt, um Familien in München zu unterstützen.

Das Projekt steht symbolisch für eine neue Ära des städtischen Bauens. Auf einem nur knapp 270 Quadratmeter großen, seit dem Zweiten Weltkrieg unbebauten Grundstück an der Gabelsberger Straße musste in die Höhe gebaut werden. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das mit seinen fünf Geschossen die umliegenden Häuser überragt und dennoch eine warme, einladende Atmosphäre schafft. Die Fassade besteht aus 2085 schmalen Lamellen aus Cortenstahl, die im Laufe der Zeit eine eigenständige Patina entwickeln werden. Die wahre Revolution findet jedoch im Inneren statt. Bis auf die Treppenhäuser für den Brandschutz ist die gesamte Tragstruktur aus heimischem Fichtenholz gefertigt. Dieser radikale Ansatz ist das Werk des Star-Architekten Diébédo Francis Kéré, der 2022 mit dem Pritzker-Preis, der höchsten Auszeichnung der Architekturwelt, geehrt wurde. Seine Vision war es, nicht nur ein Gebäude für Kinder zu entwerfen, sondern eines, das aus der Perspektive eines Kindes gedacht ist.

Die Umsetzung dieser Vision übernahm das Berliner Büro Kéré Architecture. Ben Nepomuk Klages, der das Projekt begleitete, erklärt den ungewöhnlichsten Aspekt: „Das Besondere ist, dass die Gruppenräume gestapelt sind und der Außenbereich komplett aufs Dach ausgelagert ist.“ Auf dem engen Innenstadtgrundstück gab es schlicht keinen Platz für einen klassischen Garten ebenerdig. Stattdessen entstand oben auf dem Gebäude die „Himmelswiese“, ein Spielplatz im fünften Stock, der den Kindern einen einzigartigen Blick über die Dächer Münchens bietet. Die Verbindung zwischen den Stockwerken bilden nicht nur Treppen, sondern vor allem Rutschen aus hellem Eschenholz, die in einem verglasten Zwischenraum hinter der Stahlfassade verlaufen. Dieser Raum dient zugleich als Puffer gegen den Straßenlärm der umliegenden Stadt. Überall im Haus riecht es nach frischem Holz, und die hellen Oberflächen laden dazu ein, bespielt und bespachtelt zu werden – genau so, wie es Architekt Kéré beabsichtigt hat.

Die Finanzierung dieses spektakulären Baus, dessen Gesamtkosten nicht öffentlich gemacht werden, übernahm die Unternehmerin und TU-Ehrensenatorin Ingeborg Pohl. Bei der Übergabe betonte sie ihre Motivation: „Mit dieser Kinderoase erfüllt sich mein Wunsch, leistungsstarke Frauen in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu unterstützen.“ Dieser Wunsch scheint bereits Wirkung zu zeigen. Aus Universitätskreisen ist zu hören, dass sich eine neuberufene Professorin auch wegen der Zusage eines Platzes in dieser Kita für den Standort München entschieden hat. Sie kann ihre drei Kinder in unmittelbarer Nähe zu ihrem Arbeitsplatz bestens betreut wissen. Die Kita bietet Platz für drei Gruppen mit jeweils etwa 20 Kindern, die vorrangig den Angestellten und Wissenschaftlern der TU vorbehalten sind. In einer Stadt wie München, in der Kita-Plätze heiß umkämpft sind und lange Wartelisten die Regel sind, stellt solch ein hochwertiges Angebot einen enormen Standortvorteil dar.

Doch die Bedeutung der Kinderoase reicht weit über den Campus der TU hinaus. Sie ist ein Pilotprojekt, das Antworten auf zentrale Fragen der Münchner Stadtentwicklung gibt. Die wichtigsten Fragen sind:

  • Kann man in der dichten Innenstadt hochwertige, menschenfreundliche Räume schaffen?
  • Wie lässt sich bezahlbarer Wohnraum realisieren?
  • Wie kann dringend benötigte soziale Infrastruktur wie Kitas realisiert werden?
  • Ist es möglich, neue Flächen zu versiegeln?
  • Wie kann man nachhaltige Materialien nutzen?
  • Wie lässt sich vertikale Verdichtung umsetzen?

Das Gebäude an der Gabelsberger Straße zeigt einen Weg: die vertikale Verdichtung mit nachhaltigen Materialien. Ben Nepomuk Klages ist überzeugt: „Holz wird sich als Baumaterial auch in Städten etablieren“. Das ist unumgänglich, gerade wenn wir über die Aufstockung bestehender Gebäude sprechen. Holz hat eine positive Klimabilanz, es ist regional verfügbar, es wächst nach.

Vorteile von Holz als Baumaterial Nachteile von Holz als Baumaterial
Bindung von Kohlenstoff Empfindlich gegenüber Schädlingen
Regionale Verfügbarkeit Feuchtigkeitsempfindlich
Nachhaltige Ressourcen Längere Bauzeit bei Restauration
Geringe CO₂-Emissionen Weniger feuerbeständig als andere Materialien

Tatsächlich bindet Holz als Baumaterial langfristig Kohlenstoff, während die Herstellung von Beton und Stahl große Mengen an CO₂ freisetzt. Der Holzbau ermöglichte auch die extrem kurze Bauzeit von weniger als zwei Jahren – ein weiterer wichtiger Faktor, wenn es darum geht, den immensen Nachholbedarf an Kita-Plätzen und Wohnungen schnell zu decken. Die Stadt München fördert den Holzbau bereits aktiv und hat entsprechende Richtlinien in ihrem Klimaschutzkonzept verankert. Die TU-Kita ist damit auch ein sichtbares Zeichen für den politischen Willen, diese klimafreundliche Bauweise voranzutreiben.

Für die Kinder, die ab Herbst hier ein- und ausgehen werden, sind diese großen stadtpolitischen Fragen natürlich nebensächlich. Sie werden die schiefen Wände, die versteckten Nischen und die Rutschen zwischen den Stockwerken erleben. Sie werden auf der Dachterrasse spielen und vielleicht eines Tages, so die visionäre Idee von Ben Nepomuk Klages, sogar über eine Rutsche direkt auf das Dach der benachbarten Mensa gelangen – falls diese jemals saniert werden sollte. Die Kinderoase ist damit ein gelungenes Beispiel dafür, wie funktionale Notwendigkeit, soziale Verantwortung und visionäre Architektur zusammenfinden können. Sie steht als roter, rostfarbener Leuchtturm mitten in München und macht deutlich: Eine lebenswerte, familienfreundliche und nachhaltige Stadt der Zukunft muss nicht aus Beton und Glas sein. Sie kann auch aus Holz gebaut sein und nach Wald riechen – selbst im Herzen der Großstadt.


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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