Die Nachricht traf die Stadt wie ein Schlag ins Gesicht. Zwei Wochen vor dem geplanten Start der ältesten und traditionsreichsten Kirmes in Essen verkünden die Schausteller den plötzlichen Ausfall. Wo in Kürze Licht und Musik die Frintroper Straße im Stadtteil Frohnhausen hätten erfüllen sollen, herrscht nun Planungslosigkeit und Enttäuschung. Für viele Essener markiert der Termin im September nicht nur den Beginn des Herbstes, sondern ist ein fester gesellschaftlicher Ankerpunkt im Stadtkalender.
Jahr für Jahr verwandelte die historische Kirmes den Platz an der Frintroper Straße für mehrere Tage in ein Meer aus Fahrgeschäften, Imbissbuden und Buden. Generationen von Familien haben hier ihre Erinnerungen gesammelt, Kinder erlebten hier ihr erstes Karussell, und für die örtlichen Vereine war sie ein wichtiger Treffpunkt. Die Ausgabe 2025 sollte besonders werden. Nach schwierigen Jahren mit pandemiebedingten Einschränkungen und den wirtschaftlichen Folgen der Energiekrise hofften die Schausteller und Veranstalter auf einen regelrechten Neustart der Tradition. Nun bleibt die Bühne leer.
Die Begründung des Schaustellerverbandes ist nüchtern und wirtschaftlich: Die enorm gestiegenen Kosten für Energie, Versicherungen und Logistik machen die Durchführung finanziell untragbar. Ein Riesenrad benötigt Strom in einer Größenordnung, die vor wenigen Jahren noch undenkbar war. Die Prämien für die notwendigen Haftpflichtversicherungen haben sich vervielfacht. Und auch die Transportkosten für die tonnenschweren Fahrgeschäfte durch das Land bleiben auf einem Rekordniveau.
“Wir haben bis zum letzten Moment gekämpft und mit der Stadtverwaltung nach Lösungen gesucht,” sagt Marcus Weber, Vorstand des lokalen Schaustellerverbands, im Gespräch mit Nachrichten Lokal. Seine Stimme klingt müde. “Aber am Ende blieb eine Lücke von mehreren Zehntausend Euro, die einfach nicht zu schließen war. Eine Preiserhöhung bei den Eintritten oder an den Buden hätte die Familien, die zu uns kommen, überfordert. Das wollten wir nicht.” Weber verweist auf einen Trend, der deutschlandweit zu beobachten ist: Immer mehr kleinere und mittlere Volksfeste geraten unter wirtschaftlichen Druck, während die ganz großen Messen wie der Münchner Oktoberfest oder der Cannstatter Wasen noch durch ihre schiere Größe und internationale Anziehungskraft bestehen können.
Für die Stadt Essen bedeutet die Absage mehr als nur den Verlust eines Freizeitevents. Die Kirmes war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das lokale Gewerbe im Frohnhauser Umfeld. Gaststätten, Einzelhändler und Anwohner, die private Parkplätze anboten, profitierten von den Besucherströmen. Ein Sprecher der Wirtschaftsförderung Essen schätzt den entgangenen wirtschaftlichen Impuls auf mehrere Hunderttausend Euro. Besonders betroffen sind aber auch die sozialen Träger und Vereine, die sich jedes Jahr über die Einnahmen aus eigenen Bewirtungsständen oder Tombolas freuten. Für den Frohnhauser Sportverein etwa war dieser Zufluss ein fest eingeplanter Posten für die Jugendarbeit.
Die Politik reagiert mit Bedauern, aber auch mit einem gewissen Unverständnis. “Wir sind in intensiven Gesprächen gewesen und hatten zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt,” sagt die für Veranstaltungen zuständige Stadträtin Katja Möller von den Grünen. “Die Entscheidung der Schausteller kam für uns überraschend und sehr kurzfristig. Wir müssen jetzt prüfen, wie wir strukturell verhindern können, dass ein solch wichtiges Stück Essener Stadtkultur einfach verschwindet.” Sie schlägt vor, ein dauerhaftes Förderprogramm für traditionsreiche Stadtteilfeste aufzulegen, das nicht nur Zuschüsse, sondern auch bürokratische Unterstützung bietet.
Viele Bürgerinnen und Bürger zeigen sich im Stadtteil tief enttäuscht. “Das ist für mich der Abschluss des Sommers,” sagt Elke Rademacher, die seit über 40 Jahren in Frohnhausen wohnt. “Meine Enkel haben schon seit Wochen gefragt, wann es endlich losgeht. Jetzt muss ich ihnen erklären, dass es in diesem Jahr kein Riesenrad und keine Zuckerwatte geben wird. Das ist mehr als nur eine vergnügliche Sache, das ist ein Stück Heimat.” Ähnlich empfindet der junge Familienvater Ben Schmidt: “Gerade in einer Großstadt wie Essen sind solche lokalen, überschaubaren Feste wichtig. Sie geben dem Stadtteil Gesicht und schaffen Gemeinschaft. Wenn das wegbricht, verarmt das Leben vor Ort.”
Experten sehen in der Absage ein Symptom für eine größere Entwicklung. Dr. Lena Hoffmann, Kultursoziologin an der Universität Duisburg-Essen, erklärt: “Lokale Feste sind fragile Ökosysteme. Sie sind abhängig von ehrenamtlichem Engagement, von der Kaufkraft der Besucher und von einer funktionierenden lokalen Wirtschaft. Wenn einer dieser Faktoren aus dem Gleichgewicht gerät – wie jetzt durch die explodierenden Betriebskosten – bricht das gesamte Gefüge schnell zusammen.” Sie warnt davor, den Verlust solcher Ereignisse nur unter finanziellen Gesichtspunkten zu betrachten. “Der soziale Kitt, der hier entsteht, die informellen Begegnungen zwischen Nachbarn und die Weitergabe von Traditionen – das alles lässt sich nicht einfach durch andere Angebote ersetzen.”
Die Schausteller selbst blicken sorgenvoll in die Zukunft. Viele der Familienbetriebe, die seit Jahrzehnten nach Essen kommen, stehen vor existenziellen Fragen. Soll man das historische, aber energetisch ineffiziente Fahrgeschäft verschrotten? Kann man die gestiegenen Personalkosten noch tragen? Die Absage der Essener Kirmes ist für sie ein schmerzhaftes Signal, dass das bisherige Geschäftsmodell in Frage steht.
Was bedeutet das für die Essener Bürgerinnen und Bürger? Zunächst einmal ist die Kirmes 2025 definitiv abgesagt. Die Stadtverwaltung wird in den kommenden Wochen prüfen, ob und in welcher Form ein kleinerer Ersatz für das Stadtteilfest organisiert werden kann – vielleicht mit weniger aufwendigen Attraktionen oder einem stärkeren Fokus auf kulturelle und kulinarische Angebote aus der Region. Bürger, die sich engagieren möchten, können sich an ihren Stadtteilverein oder direkt an das Amt für Veranstaltungsmanagement der Stadt wenden, um Unterstützung oder Ideen einzubringen.
Langfristig stellt sich die Frage, wie Essen sein reiches kulturelles Erbe an Volksfesten und Stadtteil-Traditionen in einer Zeit der Krise bewahren will. Hier sind einige mögliche Ansätze:
- Einrichtung eines Förderprogramms
- Unterstützung durch die Stadtverwaltung
- Entwicklung von kostengünstigen Konzepten
- Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger
- Zusammenarbeit mit lokalen Vereinen
- Förderung ehrenamtlichen Engagements
Die Absage der ältesten Kirmes sollte ein Weckruf sein. Sie zeigt, dass Traditionen nicht von selbst weiterleben, sondern einer aktiven und solidarischen Gemeinschaft bedürfen – und einer Stadtpolitik, die ihren Wert jenseits von schnellen Gewinnen erkennt. Die Lichter an der Frintroper Straße werden in diesem September dunkel bleiben. Die Hoffnung ist, dass sie nicht für immer erlöschen.