Der nebelgraue Morgen über den Hamburger Elbwiesen ist still, nur das ferne Rauschen des Flusses und der Schuss eines Jägers durchbrechen die Stille. In diesem Jagdjahr, das am 31. März endete, wurde diese Stille deutlich öfter unterbrochen. Die neue Wildnachweis-Statistik der Umweltbehörde zeichnet ein klares Bild: Mit 4.918 erlegten oder tot aufgefundenen Tieren wurden in Hamburg 40 Prozent mehr Nutrias erbeutet als im Vorjahreszeitraum. Gegenüber den 2.648 Tieren vom März 2024 hat sich die Zahl fast verdoppelt. Dieser drastische Anstieg ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten politischen und ökologischen Kampagne gegen einen gefräßigen Eindringling, der unsere Deiche untergräbt.
Hinter dieser nackten Zahl verbirgt sich ein komplexes Geflecht aus ökologischer Notwendigkeit, jagdlicher Praxis und städtischer Verwaltung. Die Nutria, auch Biberratte genannt, ist kein harmloser Neubürger. Ursprünglich in Südamerika beheimatet, fand sie in unseren feuchten Marschlandschaften und an den Ufern der Alster, der Bille und vor allem der Elbe ein Paradies vor. Ohne natürliche Fressfeinde vermehrt sie sich rasant. Ihr gefährlichstes Hobby: Graben. Ausgedehnte Röhrensysteme destabilisieren Deiche und Böschungen, die Hamburg vor Sturmfluten schützen. Dorothee Giffey, Präsidentin des Landesjagdverbandes Hamburg, bringt es auf den Punkt: „Sie haben bereits erhebliche Schäden verursacht. Die Prämie ist ein Werkzeug, um den Bestand einzudämmen.“ Dieses Werkzeug ist eine „Schwanzprämie“ von 14 Euro pro Tier, ausgelobt von der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA).
Doch der Kampf gegen den pelzigen Schädling ist kein einfacher. Christian Gerbich vom Naturschutzbund (Nabu) Hamburg warnt vor einem großflächigen Feldzug: „Es ist wichtig, sich auf die neuralgischen Stellen beim Hochwasserschutz zu konzentrieren.“ Eine flächendeckende Bejagung, gerade in sensiblen Naturschutzgebieten wie der Kirchwerder Wiesen oder den Boberger Dünen, sei kaum möglich, ohne andere geschützte Arten wie Amphibien oder brütende Vögel zu stören. Die Jagd findet daher vor allem im Einvernehmen mit Grundstückseigentümern und unter genauer Beobachtung der Behörden statt. Die rund 2.900 Hamburger Jäger, von denen 2.534 im Landesverband organisiert sind, agieren hier weniger als Freizeitsportler denn als angeworbene Artenschützer im Auftrag der Stadt.
Das aktuelle Jagdbild Hamburgs zeigt jedoch mehr als nur die Nutria-Problematik. Es ist ein Spiegelbild der dynamischen und teils bedrohlichen Veränderungen in unserer städtischen Fauna. Ein weiterer ungebetener Gast macht sich breit: der Waschbär. „Mordsgefährlich für die heimische Tierwelt“, nennt ihn Dorothee Giffey. Seine Zahl steigt stetig an – von 113 auf 131 erlegte Tiere. Der geschickte Kletterer plündert Nester und wird so zur Gefahr für Singvögel in Parks und Gärten von Blankenese bis Bergedorf. Auch die Kanadagans, eine weitere invasive Art, rückt in den Fokus. Sie verwandelt wertvolle Grünflächen im Alstervorland oder in den Vier- und Marschlanden durch ihren Verbiss in kahle Landstriche, ein Ärgernis für Landwirte und Erholungssuchende gleichermaßen.
- Erlegtes Reh: 1.489
- Erlegtes Schwarzwild: 312
- Tot aufgefundene Feldhasen: 804
- Erlegtes Rehwild: konstant
- Erlegtes Raubsäuger: zurückgegangen
- Waschbär: von 113 auf 131
| Tierart | 2024 | 2023 |
|---|---|---|
| Nutria | 4.918 | 2.648 |
| Feldhase | 804 | 655 |
| Waschbär | 131 | 113 |
| Fuchs | 419 | 507 |
| Marderhund | 275 | 356 |
| Steinmarder | 174 | 210 |
Während diese „Neozoen“ zulegen, zeigen sich bei den heimischen Arten gemischte Trends. Die Bestände von Reh- und Schwarzwild bleiben dank geregelter Abschusspläne weitgehend konstant. Besorgniserregend ist dagegen die Zahl der tot aufgefundenen Feldhasen, die von 655 auf 804 stieg. Die allermeisten fallen dem Verkehr zum Opfer, ein stummes Zeugnis dafür, wie sehr sich der Lebensraum der Tiere mit unseren Straßenkreuzen. Ein Rückgang ist bei den Raubsäugern zu verzeichnen: Bei Füchsen (von 507 auf 419), Marderhunden (356 auf 275) und Steinmardern (210 auf 174) ging die Zahl der erlegten oder tot gefundenen Tiere zurück – eine Entwicklung, die Ökologen genau beobachten, da diese Tiere wichtige Funktionen im Ökosystem haben.
Die gestiegene Nutria-Jagd markiert einen Wendepunkt in der Hamburger Umweltpolitik. Sie ist der sichtbare Ausdruck eines pragmatischen Managements, das den Schutz kritischer Infrastruktur – unserer Deiche – über die Tierschutzbedenken gegenüber einer invasiven Art stellt. Diese Entscheidung ist nicht ohne Widerspruch. Tierschützer fragen nach der Ethyk der Tötung, Naturschützer wie der NABU mahnen zu gezielter Präzision statt breiter Streuung. Für die Bewohner der Elbmarschen, deren Sicherheit von intakten Deichen abhängt, ist die Maßnahme jedoch oft eine Beruhigung.
Die Jagdstatistik ist somit weit mehr als eine Liste erlegter Tiere. Sie ist ein vitales Frühwarnsystem. Sie zeigt, wo sich das Gleichgewicht unserer Stadtnatur verschiebt, welche neuen Konflikte zwischen Mensch, heimischer Tierwelt und eingeschleppten Arten entstehen. Die deutliche Steigerung der Nutria-Bejagung ist eine direkte Antwort auf eine konkrete Gefahr. Sie wirft aber auch die größere Frage auf: Wie wollen wir Hamburg als Lebensraum zukünftig gestalten? Als eine Stadt, die reagiert, wenn eingewanderte Arten die Sicherheit und Biodiversität gefährden? Die Antwort der Umweltbehörde, gemeinsam mit der Jägerschaft, fällt derzeit entschlossen aus.
Die nächsten Schritte sind bereits vorgezeichnet. Die Prämienregelung wird fortgeführt, die Zusammenarbeit mit den Jägern intensiviert. Gleichzeitig wird die Forschung an alternativen Vergrämungsmethoden vorangetrieben. Bürger, die Nutria-Bauten an Gewässern entdecken, können diese der Umweltbehörde oder dem örtlichen Jagdpächter melden und so aktiv zum Hochwasserschutz beitragen. Der Kampf gegen die Nutria ist ein Lehrstück in modernem, urbanem Wildtiermanagement – ein notwendiger, wenn auch unschöner Teil der Aufgabe, Hamburg sowohl als sichere Metropole als auch als vielfältigen Naturraum zu erhalten. Die gestiegene Zahl in der Statistik ist kein Triumph, sondern die Dokumentation einer harten, aber als notwendig erachteten Pflicht.