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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Berlin > Linke kämpft in CDU-Hochburg Berlin für Enteignungen: Wahlkampf im Fokus
Berlin

Linke kämpft in CDU-Hochburg Berlin für Enteignungen: Wahlkampf im Fokus

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 27, 2026 9:20 p.m.
Julia Becker
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ARCHIV - 02.07.2026, Berlin: Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Partei Die Linke für die Berliner Abgeordnetenhauswahl, spricht während einer Demonstration der Initiative Deutsche Wohnen Enteignen protestieren vor dem Willy-Brandt-Haus. (zu dpa: «Modell Mamdani: Kann New York Blaupause für Berlin sein?») Foto: Soeren Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Elif Eralp nimmt den Flyer, den die ältere Dame ihr über den Türspalt gereicht hat, mit einem aufrichtigen Dankeschön entgegen. Die Tür schließt sich leise. Ein kurzer Moment der Stille auf dem Flur des Altbaus im Bismarckviertel, dann dreht sie sich zu ihrer Bezirkskollegin Franziska Brychcy um. „Das ist es eben“, sagt die Spitzenkandidatin der Berliner Linken und lässt einen Hauch von Resignation durchklingen, der sofort wieder von ihrer professionellen Kampagnenfreundlichkeit verdrängt wird. „In Steglitz ist es die Angst vor den Kosten. In Neukölln die Diskussion um Israel. In Marzahn die Wut auf ‚die da oben‘. Berlin ist nicht eine Stadt. Es sind hundert.“ Dieser Samstagvormittag in einem gutbürgerlichen Stadtteil im Südwesten der Hauptstadt ist mehr als nur Haustürwahlkampf. Er ist eine Mikroskopie der tiefen Spaltung, der unterschiedlichen Realitäten und der enormen Herausforderung, vor der nicht nur Elif Eralp und ihre Partei, sondern die gesamte Berliner Politik steht, knapp zwei Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September.

Die aktuelle Forsa-Umfrage für t-online, die die Linke mit 22 Prozent als stärkste Kraft sieht, ist einerseits eine Bestätigung für Eralps energischen Wahlkampf. Andererseits ist sie ein statistisches Paradoxon. Denn das zentrale Versprechen ihres Wahlkampfs – die Vergesellschaftung großer privatwirtschaftlicher Wohnungsbestände – stößt genau in den Bezirken auf massiven Widerstand oder eisiges Desinteresse, die für einen Regierungsanspruch unverzichtbar wären. In Steglitz-Zehlendorf, wo die CDU traditionell die stärkste Kraft ist und bei der letzten Abgeordnetenhauswahl 2021 auf 27,8 Prozent kam, während die Linke bei 6,6 Prozent landete, klingt die Forderung nach Enteignung für viele Bewohnerinnen und Bewohner schlichtweg nach einem Angriff auf das Prinzip des Eigentums. „Hier sind viele stolz darauf, sich etwas aufgebaut zu haben, vielleicht ein Haus, eine Eigentumswohnung“, analysiert Franziska Brychcy, die als Steglitzer Spitzenkandidatin an Eralps Seite steht. „Da kommt ein Begriff wie ‚Vergesellschaftung‘ nicht gut an, auch wenn wir zigmal erklären, dass es nur um große Konzerne geht.“

Die Zahlen, die im Raum stehen, sind gewaltig und tragen zur Verunsicherung bei. Schätzungen zu den Kosten für den Ankauf der etwa 220.000 in Frage kommenden Wohnungen von Konzernen wie Vonovia und Deutsche Wohnen schwanken zwischen 8 und 42 Milliarden Euro. Die Senatsverwaltung für Finanzen rechnet in einer internen, dem „Tagesspiegel“ bekannt gewordenen Überschlagsrechnung mit mindestens 28,8 Milliarden Euro. Für viele Steglitzer, die mit maroden U-Bahn-Stationen, überfüllten Arztpraxen und bröckelnder Schulinfrastruktur konfrontiert sind, klingt die Vorstellung, solch immense Summen in den Wohnungskauf zu stecken, wie eine Fehlallokation knapper öffentlicher Mittel. „Wir dürfen nichts versprechen, was wir nicht halten können“, bringt Brychcy diese Skepsis auch aus den eigenen Reihen auf den Punkt. „Wenn wir diese Wohnungen kaufen, müssen wir sie auch professionell managen. Die Skandale bei den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, wo Geld verpufft ist und Wohnungen dennoch verfallen, sind eine schwere Hypothek.”

Doch der Wahlkampf der Linken in Berlin ist längst kein monolithischer Block mehr. Während Eralp in Steglitz für ihre Enteignungspläne argumentieren muss, setzen Bezirksverbände wie Neukölln oder Wedding ganz andere Akzente. „Gegen jeden Krieg und Genozid“ steht auf Plakaten in Neukölln, und die dortige Linke wirbt für einen „palästinasolidarischen Bezirk”. Diese Fokussierung auf den Nahost-Konflikt, die von außen oft als zu einseitig und in der Nähe zu islamistischen Gruppierungen kritisiert wird, spricht eine komplett andere Wählerschicht an als der Diskurs in Steglitz. Eralp selbst reagiert auf Nachfragen zu möglichen Kontakten von Parteimitgliedern zur Hamas ausweichend. Im Podcast der Funke-Hauptstadtredaktion sagte sie, von direkten Kontakten nichts zu wissen, und verwies auf ihr lebenslanges Engagement gegen Antisemitismus. Diese Gratwanderung zwischen einer aktivistischen Basis in migrantisch geprägten Bezirken und dem Bemühen um staatstragende Seriosität ist eine der größten Herausforderungen für die Linke und persönlich für Eralp.

Ihr Aufstieg in den Umfragen ist dennoch bemerkenswert. Die 45-jährige Juristin, die 2010 nach Berlin zog und 2021 erstmals ins Abgeordnetenhaus einzog, startete als vergleichsweise unbekannte Politikerin in den Wahlkampf. Die parteiintern favorisierte Ex-Senatorin Katja Kipping hatte abgesagt. Doch Eralp, Tochter politischer Geflüchteter, die in Dortmund aufwuchs, verkörpert ein neues Gesicht der Linken: jung, weiblich, migrantisch. Laut derselben Forsa-Umfrage würden 16 Prozent der Berlinerinnen und Berliner sie direkt zum Bürgermeister wählen, was sie vor CDU-Herausforderer Stefan Evers (15 Prozent) platziert. „Ich will so viele Berliner wie möglich persönlich treffen“, beschreibt Eralp ihre Taktik. Sie hetzt von Infoständen in Kreuzberg, wo sie wie ein Popstar mit Selfies umlagert wird, zu Mieterversammlungen in Marzahn und schließlich zum Haustürwahlkampf in den bürgerlichen Vierteln des Südwestens.

Dort, im Bismarckviertel, zeigt sich das ganze Dilemma. In dem ruhigen Altbaugebiet mit seinen hohen Decken und Stuckfassaden vollzieht sich ein stiller, demografischer Wandel. Ältere Bewohnerinnen und Bewohner ziehen fort oder sterben, junge Familien und Berufseinsteiger ziehen nach. Sie sind eigentlich die klassische Zielgruppe der Linken – oft mit prekären Jobs, auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum und guter Kinderbetreuung. Doch selbst hier bleibt die berühmte Berliner Mischung aus Skepsis und Offenheit. Die junge Frau im Pyjama, der Eralp an der ersten Tür gegenübertritt, wünscht sich „mehr Aufmerksamkeit für die Jugend“. Eralp, Mutter zweier Söhne, kann sofort ein detailliertes Programm herunterbeten: mehr Mitbestimmung, mehr Geld für Jugendclubs, günstige Wohnheime. Die Frau nickt zufrieden, ist aber unentschieden, wen sie wählen wird.

Eine Tür weiter wird es konfrontativer. Der ältere Herr, der sich als ehemaliger Linker outet, hält wenig von Umverteilung. „Das ist Quatsch, das bringt nichts“, sagt er. Es entspinnt sich eine lange Diskussion über wirtschaftliche Kompetenz, in der Eralp sachlich ihre Positionen zur Vermögenssteuer und zu Investitionen in öffentliche Infrastruktur erklärt. Einig werden sie sich nur in einer Sache: Beide würden mit der AfD nicht sprechen. Nach einer Viertelstunde muss Brychcy die Diskussion lösen, der Zeitplan drängt. Der kurze Austausch zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber „umverteilender“ Politik in Teilen der Bevölkerung sitzt, selbst bei denen, die sich früher mit linken Ideen identifiziert haben.

Die Frage, die über diesem gesamten Wahlkampf schwebt, ist: Kann eine Partei, deren Kernversprechen in weiten Teilen der Stadt auf Unverständnis oder Ablehnung stößt, wirklich regieren? Kann Elif Eralp eine Brücke schlagen zwischen der aktivistischen, häufig migrantisch geprägten Basis in Bezirken wie Neukölln und den skeptischen, oft älteren und einkommensstärkeren Wählerschichten in Charlottenburg, Zehlendorf oder eben Steglitz? Ihre Strategie scheint auf zwei Säulen zu ruhen: persönliche Präsenz und die Betonung anderer, weniger polarisierender Themen. In Steglitz spricht Brychcy lieber über die marode U-Bahn-Linie U9, über Wartezeiten von Monaten für Facharzttermine und über sanierungsbedürftige Schulen. Die Wohnungsfrage ist auch hier wichtig, aber der Fokus liegt auf dem Bau neuer, geförderter Wohnungen und einer strengeren Mietpreisbremse, nicht primär auf der Enteignung.

Thema Fokus in Steglitz Fokus in Neukölln
Wohnungsfrage Bau neuer geförderter Wohnungen Vergesellschaftung
U-Bahn Marode U-Bahn-Linie U9 Nicht vorrangig
Wartezeiten Arzttermine Monate warten Nicht vorrangig
Schulen Sanierungsbedürftige Schulen Nicht vorrangig
Jugendliche Aufmerksamkeit für die Jugend Palästinasolidarität
Wirtschaftskompetenz Vermögenssteuer Nicht vorrangig

Als Eralp nach einer Stunde Haustürkampagne weiterziehen muss zu einem Videodreh, bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Einige Türen haben sich geöffnet, wenige Gespräche waren möglich, viele Bewohner waren im Urlaub. „Das ist doch auch schön“, kommentiert Eralp diese Abwesenheit mit einem trockenen Lachen und einem Schuss Zweckoptimismus. In anderen Bezirken, fügt sie an, könne sich ein Urlaub kaum noch jemand leisten. Dieser eine Satz fasst die gespaltene Stadt perfekt zusammen: Auf der einen Seite das gutbürgerliche Steglitz mit seiner Urlaubsroutine, auf der anderen die Bezirke, in denen die soziale Frage existenziell ist. Die Umfragen mögen Eralp und die Linke derzeit vorne sehen. Doch der echte Test findet nicht in den Meinungsforschungsinstituten statt, sondern an den Haustüren im Bismarckviertel, auf den belebten Plätzen Neuköllns und in den zugigen Fluren der Plattenbauten in Marzahn. Es ist der Test, ob eine politische Kraft in Berlin noch eine gemeinsame Sprache für diese verschiedenen Welten findet oder ob die Gräben, die an diesem heißen Samstagvormittag in Steglitz so deutlich sichtbar wurden, am Ende tiefer sind als jedes Wahlversprechen. Die Antwort darauf gibt nicht nur die Zukunft der Linken vor, sondern die gesamte politische Kultur der Hauptstadt.

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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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