Das Leben in der Savanne der Dresdner Elbauen hat eine langbeinige Bewohnerin weniger: Giraffenkuh Gaia ist weg. Am Montagmorgen begann für das 13-jährige Tier eine lange Reise in einem Spezialtransporter. Ihr Ziel war der Zoo Planckendael im belgischen Mechelen. Nach zwölf Stunden Fahrt kam sie wohlbehalten an. Für die Zoo-Gemeinschaft in Dresden, von den Pflegern bis zu den regelmäßigen Besuchern, ist der Abschied von einem vertrauten Gesicht ein emotionaler Moment. Doch der Umzug folgt einer strengen, übergeordneten Logik. Es geht um nicht weniger als den Erhalt einer vom Aussterben bedrohten Tierart.
Gaia gehört zur seltenen Unterart der Kordofan-Giraffe. In den Savannen Zentralafrikas, ihrer ursprünglichen Heimat, leben schätzungsweise nur noch weniger als 2.000 Individuen in freier Wildbahn. Die Gründe sind der Verlust von Lebensraum durch Landwirtschaft und die Wilderei. In dieser kritischen Situation sind Zoologische Gärten zu einer Art Arche Noah geworden. Sie koordinieren ihre Zuchtbemühungen über das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP). Jedes Tier wird hier nicht nur als Individuum, sondern als wertvoller genetischer Baustein für den Erhalt der gesamten Population gesehen. In Dresden lebte Gaia seit 2015 mit dem Bullen Diko und der Kuh Tessa zusammen. Trotz mehrfacher Versuche blieb der erhoffte Nachwuchs aus. Ein Zoo-Direktor muss dann, auch gegen das eigene Gefühl, eine schwierige Entscheidung treffen.
„Auch wenn es uns sehr schwerfällt, Gaia abzugeben, haben wir dem Umzug aus fachlichen und züchterischen Gründen zugestimmt“, erklärt Karl-Heinz Ukena, Direktor des Zoologischen Gartens Dresden. „Hier stehen die langfristigen Ziele des Erhaltungszuchtprogramms und damit die Zukunft der Kordofan-Giraffe im Vordergrund.” In Planckendael wartet ein erfahrener Zuchtbulle auf Gaia. Die Hoffnung der Artenschützer ist, dass die Bedingungen dort besser für eine erfolgreiche Trächtigkeit sind. Mit 13 Jahren sei Gaia für dieses Vorhaben noch im besten Alter. Dieser übergeordnete Artenschutzgedanke bestimmt heute das Management vieler Zootiere. Es ist ein internationales Schachspiel, bei dem Tiere zwischen Institutionen in ganz Europa verschoben werden, um genetische Vielfalt zu sichern und Inzucht zu vermeiden.
Die Entscheidung wirft für die Dresdner Zoobesucher unmittelbare Fragen auf. In der großzügigen Außenanlage an der Neustädter Elbseite sind nun nur noch zwei statt drei Giraffen zu sehen: der Bulle Diko und die Kuh Tessa. Auf den ersten Blick scheint mehr Platz da zu sein. Der Zoo gibt jedoch Entwarnung für alle, die schon neue Mitbewohner vermuten: Ein Neuzugang sei derzeit nicht geplant. Die verbleibende Gruppe soll ihre Ruhe haben. Die Leere in der Anlage ist aber auch ein sichtbares Zeichen für die extrem prekäre Situation dieser Giraffenart. Mit Tessa und Diko in Dresden und zwei weiteren Weibchen im Kölner Zoo leben nur noch vier Kordofan-Giraffen in ganz Deutschland. Jedes einzelne Tier ist von unschätzbarem Wert.
Die Umsiedlung einer Giraffe ist ein logistischer Kraftakt. Die Tiere sind nicht nur groß und schwer, sondern auch stressanfällig. Der Transport muss schonend und sicher ablaufen. Der Spezialtransporter für Gaia war mit weichem Einstreu ausgelegt und ermöglichte eine kontrollierte Belüftung. Die zwölfstündige Fahrt wurde von erfahrenen Tierpflegern begleitet, die Gaias Wohlbefinden im Blick behielten. Solche Transporte sind Routine für die Zoogemeinschaft, aber jedes Mal eine Herausforderung. Die erfolgreiche Ankunft in Belgien ist daher auch ein kleiner professioneller Triumph.
Was bleibt, ist ein gemischtes Gefühl in der Dresdner Nachbarschaft des Zoos. Für viele Familien war Gaia über ein Jahrzehnt hinweg ein vertrauter Anblick. Kinder sind mit ihr groß geworden. Der Zoo ist für Städter nicht nur eine Freizeiteinrichtung, sondern oft der einzige Ort, an dem sie einen lebendigen Bezug zu solch majestätischen Wildtieren aufbauen können. Der Verlust eines Individuums wird persönlich empfunden. Doch genau hier liegt die Bildungsaufgabe moderner Zoos. Sie müssen vermitteln, warum dieser Abschied notwendig war. Es ist eine konkrete Lektion in Artenschutz: Manchmal muss das Wohl des Einzelnen dem Überleben der Art untergeordnet werden. Der Dresdner Zoo verliert eine beliebte Giraffe, aber das europäische Zuchtprogramm gewinnt vielleicht eine neue, lebenswichtige Chance für die Kordofan-Giraffe.
- Gaia ist die letzte Giraffe in Dresden
- Ursprüngliche Heimat: Savannen Zentralafrikas
- Schätzungsweise weniger als 2.000 in freier Wildbahn
- Komplexe Zuchtprogramme für Erhaltungszucht
- Logistischer Aufwand für den Transport
- Wichtiger Beitrag zum Artenschutz
| Tier | Alter | Standort | Status |
|---|---|---|---|
| Gaia | 13 Jahre | Zoo Planckendael | Umgesiedelt |
| Diko | Unbekannt | Dresdner Zoo | Verbleibend |
| Tessa | Unbekannt | Dresdner Zoo | Verbleibend |
| Kölner Zoo | Unbekannt | Kölner Zoo | Verbleibend |
Der Blick richtet sich nun nach Belgien. Die Pfleger in Planckendael werden Gaia behutsam an ihre neue Gruppe und den erfahrenen Bullen gewöhnen. Für die Zoowelt in Dresden beginnt eine Phase der Beobachtung. Man wird die Entwicklung der verbliebenen Gruppe im Auge behalten und weiterhin die Botschaft des Artenschutzes in die Stadt tragen. Die Geschichte der Giraffe Gaia endet nicht an der Elbe, sondern wird in Belgien vielleicht ein neues, hoffnungsvolles Kapitel aufschlagen – ein Kapitel, das dazu beitragen könnte, dass die Kordofan-Giraffe auch für künftige Generationen nicht nur aus Bilderbüchern bekannt ist.