Essen. Wer in diesen Tagen durch die Nordcity zwischen Schützenbahn, Schweden- und Humboldtstraße spaziert, spürt es sofort: Die Luft vibriert anders. Wo sonst der Alltag von Läden, Ateliers und Nachbarschaftsleben bestimmt wird, entsteht ein lebendiges, pulsierendes Freiluft-Theater. Das Kreativquartier verwandelt sich bis Ende der Woche in einen großen Parcours für Tanz, Musik und ungezwungene Begegnungen. Im Mittelpunkt stehen nicht internationale Stars, sondern die Menschen, die hier leben, arbeiten und kreativ sind – die Communitys des Viertels selbst.
Das Projekt mit dem schlichten Titel „Open-Air“ ist eine Einladung an alle Essenerinnen und Essener, ihre Nordcity neu zu entdecken. An verschiedenen Orten im Quartier finden überraschende Performances statt. Tänzerinnen und Tänzer nutzen Hauswände als Bühne, Musiker füllen Hinterhöfe mit Klängen, und interaktive Installationen laden zum Mitmachen ein. Die Idee dahinter ist einfach und kraftvoll zugleich: Kunst soll nicht nur angeschaut, sondern erlebt werden. Sie soll den öffentlichen Raum erobern und Menschen zusammenbringen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden.
„Uns war wichtig, dass es nicht nur ein Festival für das Viertel wird, sondern eines aus dem Viertel heraus“, erklärt Mirka Schmitz, eine der lokalen Organisatorinnen. Sie lebt seit über zehn Jahren in der Nordcity und kennt die vielen kleinen Initiativen, Ateliers und Treffpunkte. „Die Nordcity ist voller versteckter Talente und Ideen. Mit diesem Projekt öffnen wir Türen und Höfe, die sonst vielleicht verschlossen bleiben. Wir zeigen, was hier alles schlummert.“
Tatsächlich steckt hinter den Aktionen monatelange Vorbereitung in enger Zusammenarbeit mit Stadtteilkulturzentren, ansässigen Künstlergruppen und Initiativen wie dem „HumboldtLab“. Finanziert wird das Projekt durch eine Mischung aus Fördermitteln der Stadt Essen für Stadtteilkultur und privaten Sponsoren aus der lokalen Wirtschaft. Für die Stadtverwaltung ist es auch ein Testlauf: Kann Kunst im öffentlichen Raum nachhaltig dazu beitragen, die Identität eines Viertels zu stärken und die Lebensqualität zu erhöhen? Die ersten Reaktionen aus der Bevölkerung scheinen dies zu bestätigen.
Am Nachmittag etwa versammelt sich eine kleine Gruppe vor einer Garage in der Schwedenstraße. Die Rollläden sind zur Bühne geworden, darauf projiziert ein lokaler Videokünstler historische Bilder der Nordcity. Dazu improvisiert ein junger Saxophonist, der im nahegelegenen Folkwang-Musikcampus studiert. Ein älteres Ehepaar bleibt staunend stehen, ein Vater mit seinem Kind auf den Schultern nickt im Rhythmus. Es sind diese ungeplanten Momente der Begegnung zwischen Kunst, Alltag und Menschen verschiedener Generationen, die den Charme des Projekts ausmachen.
Ein Stück weiter, auf dem begrünten Innenhof des „Quartier Nord“, findet ein offener Tanzworkshop statt. Eine erfahrene Tanzpädagogin aus dem Stadtteil leitet eine bunte Gruppe an – Jugendliche, Studierende, eine ältere Frau mit Gehstock. Sie alle bewegen sich zur selben Musik und lachen, wenn eine Bewegung nicht ganz gelingt. „Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um den gemeinsamen Ausdruck und die Freude an der Bewegung“, sagt die Pädagogin. „Das schafft sofort eine Verbindung.“
Das Projekt trifft den Nerv einer Stadtgesellschaft, die nach der Pandemie und inmitten alltäglicher Herausforderungen das unmittelbare, gemeinsame Erleben neu schätzt. Es geht nicht um teure Eintrittskarten oder große Bühnen, sondern um niedrigschwellige Zugänge. Die Aktionen sind kostenfrei, die Zeiten sind familienfreundlich über den Nachmittag und frühen Abend verteilt. Man muss kein Programm studieren, man kann einfach vorbeikommen, stehen bleiben und sich überraschen lassen.
Für die Nordcity, ein Viertel mit einer vielfältigen Sozialstruktur und stetigem Zuzug, ist dieser Ansatz besonders wertvoll. Die Kunst dient als sozialer Kitt. Sie kann Brücken schlagen zwischen Alteingesessenen und Neuzugezogenen, zwischen verschiedenen Kulturen und sozialen Milieus. Ein Bewohner, der seit über 40 Jahren in der Humboldtstraße lebt, bringt es auf den Punkt: „Ich sehe heute Gesichter, die ich noch nie gesehen habe. Und alle schauen in die gleiche Richtung, sind für einen Moment gemeinsam fasziniert. Das ist schön.“
Am Ende der Woche werden die Bühnen abgebaut und die Projektionen verschwinden. Was bleibt, ist die Hoffnung der Macher, dass mehr als nur schöne Erinnerungen zurückbleiben. Vielleicht bleibt das Gefühl einer enger verbundenen Nachbarschaft. Vielleicht bleiben neue Kontakte zwischen Künstlern und Anwohnern. Vielleicht bleibt der Mut, auch im Alltag mehr öffentlichen Raum für Begegnung und kreativen Ausdruck zu nutzen.
Die Essener Nordcity hat für ein paar Tage gezeigt, dass sie mehr ist als eine Ansammlung von Straßenzügen. Sie ist ein lebendiger Organismus, der durch die Energie seiner Bewohnerinnen und Bewohner pulsiert. Das Open-Air-Projekt war eine gelungene Momentaufnahme dieses Pulses – eine große, bewegte und bewegende Aktionsfläche mitten im Herzen der Stadt.
- Überraschende Performances
- Tänzer als Hauswände-Bühnenkünstler
- Musiker in Hinterhöfen
- Interaktive Installationen
- Kostenfreie Veranstaltungen
- Familienfreundliche Zeiten
| Aktion | Ort | Zeit |
|---|---|---|
| Offener Tanzworkshop | Quartier Nord | Nachmittag |
| Videokunst-Projektion | Schwedenstraße | Nachmittag |