Es ist ein fröhliches Symbol in einer vielbefahrenen Einkaufsstraße, das Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubern soll. Doch der knallbunte Riesengummibär aus Kunstharz vor dem Süßwarenladen „Bären-Treff“ an der Hamburger Mönckebergstraße ist zum traurigen Zeichen für eine Entwicklung geworden, die viele Anwohner und Geschäftsleute in der Innenstadt zunehmend beunruhigt. In der Nacht zum Montag wurde die über einen Meter hohe Skulptur zum bereits vierten Mal innerhalb weniger Jahre mutwillig zertrümmert. Die Scherben lagen verstreut auf dem Gehweg, eine deutliche Spur der Zerstörung mitten im Herzen der Stadt. Für Filialleiter René Plich ist es ein persönlicher und geschäftlicher Schlag. „Es tut einfach weh“, sagt er und blickt auf die Überreste der einstigen Figur. „Dieser Bär steht hier seit Jahren. Er ist ein Treffpunkt, ein Fotomotiv für Familien und ein Stück Heimat für viele Stammkunden. Zu sehen, wie er immer wieder kaputt gemacht wird, frustriert unendlich.”
Die Mönckebergstraße, Hamburgs zentrale Einkaufsmeile zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, verzeichnet täglich über 100.000 Passanten. In dieser pulsierenden Lage ist der Vandalismus kein Einzelfall. Nach Angaben der Hamburger Polizei stiegen die gemeldeten Fälle von Sachbeschädigung im Bezirk Mitte – zu dem die Innenstadt gehört – im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 8 Prozent an. Bundesweit beobachten Stadtsoziologen eine Zunahme solcher scheinbar sinnloser Zerstörungen im öffentlichen Raum, besonders in innenstädtischen Lagen mit hohem Passieraufkommen und sozialer Anonymität.
Ein Stück Alltagskultur wird attackiert
Der Bär ist mehr als nur eine Werbefigur. Für Generationen von Hamburgern ist der „Bären-Treff“ eine Institution. Seit 1974 gibt es das Geschäft, das sich auf Lakritz und Gummibärchen spezialisiert hat. Die große Skulptur vor der Tür wurde vor über 15 Jahren aufgestellt und war seither ein vertrauter Anblick. „Viele ältere Damen und Herren tätscheln ihm beim Vorbeigehen den Kopf”, erzählt Plich. „Touristen lassen sich davor fotografieren. Für unsere kleinen Kunden ist er das Highlight des Besuchs.” Die wiederholte Zerstörung trifft daher auch ein Stück gelebter Stadtkultur. Die Reaktionen der Kunden spiegeln diese Betroffenheit wider. „Was ist nur los in unserer Stadt?”, fragt eine langjährige Kundin, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Früher war so etwas undenkbar. Hier herrschte immer ein respektvolles Miteinander. Diese mutwillige Zerstörung zeigt mir, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.”
Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen und durchsucht Videoaufnahmen umliegender Geschäfte. Bislang gibt es jedoch keine konkreten Hinweise auf die Täter. Aus Sicht von Kriminalhauptkommissar Matthias Vogel, Pressesprecher der Polizei Hamburg, passt die Tat in ein Muster: „Sachbeschädigungen, besonders an auffälligen Objekten im öffentlichen Raum, geschehen oft spontan, nachts und in Gruppen. Die Täter suchen den Kick oder wollen Frust abladen. Die Aufklärungsquote ist leider vergleichsweise niedrig, weil oft keine Zeugen da sind und direkte Spuren fehlen.”
Die größere Frage: Wie gehen wir mit unserem öffentlichen Raum um?
Der Fall des zerstörten Gummibären wirft eine grundsätzlichere Frage auf, die in vielen deutschen Innenstädten diskutiert wird: Wie schützen wir das Gemeinschaftliche und Unverwechselbare unserer Stadtviertel vor Verwahrlosung und Vandalismus? Stadtsoziologin Dr. Lena Berg von der Universität Hamburg sieht darin ein Symptom: „Vandalismus ist selten nur sinnlose Zerstörung. Oft ist er ein Indikator für soziale Desintegration, für das Gefühl, keinen Anteil am öffentlichen Raum zu haben oder ihn sogar ablehnen zu müssen.” Besonders in anonymen, kommerziell geprägten Räumen wie der Mönckebergstraße fehle es oft an identitätsstiftenden Orten der Begegnung und Übernahme von Verantwortung. „Wenn sich niemand zuständig fühlt, steigt die Wahrscheinlichkeit von Beschädigungen.”
Die Hamburger Politik hat das Problem erkannt. Die Bürgerschaftsfraktion der Grünen brachte jüngst einen Antrag ein, um die „Sicherheit und Aufenthaltsqualität in der Innenstadt” durch mehr Präsenz von Stadtteilmanagerinnen und sozialer Streetwork zu stärken. Auch der CDU-Ortsausschuss in Hamburg-Mitte fordert eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Polizei, Ordnungsamt und privaten Sicherheitsdiensten. Ein Sprecher der Innenbehörde betont: „Die Wahrnehmung von Sicherheit und Sauberkeit ist entscheidend für die Lebensqualität in der City. Wir prüfen derzeit ein Pilotprojekt mit erweiterten Videoüberwachungszonen an neuralgischen Punkten, immer im Einklang mit dem Datenschutz.”
Für die Geschäftsleute vor Ort sind solche Diskussionen wichtig, doch sie brauchen auch akute Lösungen. René Plich wird den Bären wieder aufstellen lassen, auch wenn die Kosten von mehreren tausend Euro jedes Mal eine Belastung für das familiengeführte Unternehmen sind. „Wir geben nicht auf”, betont er. „Aber ich wünsche mir mehr Solidarität. Wenn jemand etwas Verdächtiges sieht, sollte er nicht wegschauen, sondern die Polizei rufen.” Er denkt auch über technische Lösungen nach, wie eine verankerte oder besonders gehärtete Version der Skulptur.
Was Bürger tun können
- Bürger können verdächtige Vorgänge im öffentlichen Raum der Polizei unter der 110 melden.
- Viele Bezirksämter bieten Programme wie „Stadtreinigungspatenschaften” an.
- Anwohner oder Geschäfte können die Verantwortung für die Sauberkeit eines kleinen Abschnitts übernehmen.
- Solche Formen der bürgerschaftlichen Mitverantwortung stärken das Gemeinschaftsgefühl.
- Experten empfehlen, das Thema Sicherheit und Stadtbild in Bürgervereinigungen anzusprechen.
- Konkrete Vorschläge für den eigenen Kiez machen.
Am Ende geht es um mehr als einen Gummibären. Es geht um die Frage, was für eine Stadtgesellschaft Hamburg sein möchte. „Eine funktionierende Stadt lebt vom Respekt vor dem Eigentum anderer und vom gemeinsamen Willen, den öffentlichen Raum als lebenswerten Ort für alle zu erhalten,” so Soziologin Berg. Der zertrümmerte Bär an der Mönckebergstraße ist ein trauriges Alarmsignal. Ob es gehört wird, wird sich daran zeigen, wie Stadtverwaltung, Politik und Bürger nun gemeinsam handeln. René Plich wird seinen Bären auf jeden Fall wieder aufstellen. Als Zeichen der Hoffnung, dass Freundlichkeit und bunter Alltag in Hamburgs Innenstadt am Ende doch stärker sind als blinde Zerstörungswut.