Mit dem Spiel hatten alle gerechnet. Ein Heimspiel gegen den bis dahin sieglosen Tabellenletzten. Drei Punkte, die fast schon verbucht schienen, um die Spitzengruppe nicht aus den Augen zu verlieren. Doch was der VfB Stuttgart am Samstagnachmittag in der MHP-Arena bot, war eine erschreckende Vorstellung. Die 2:3-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach war kein Unglück, sie war eine logische Konsequenz einer leistungsschwachen, ideenlosen und vor allem kämpferisch unzureichenden Leistung. Für die über 50.000 Zuschauer im Stadion und die vielen Fans vor den Bildschirmen bleibt vor allem eine bohrende Frage: Wo war der VfB, den wir in dieser Saison bisher kannten?
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Gladbach kam ohne Punkte aus den ersten vier Spielen nach Stuttgart. Der VfB hatte zuhause in dieser Saison noch nicht verloren. Die Ausgangslage hätte deutlicher nicht sein können. Doch von der ersten Minute an bestimmte nicht Stuttgart, sondern eine mutige, aufspielende Gladbacher Mannschaft das Spiel. Der frühe Führungstreffer der Gäste in der 8. Minute durch Jordan war kein Zufallstreffer. Es war die Folge von schlafmütziger Deckungsarbeit in der eigenen Abwehr. Sebastian Hoeneß, der VfB-Trainer, stand oft mit verschränkten Armen an der Linie, sein Gesichtsausdruck verriet Unverständnis und Zorn. Seine Mannschaft schaffte es einfach nicht, den notwendigen Druck und die erforderliche Aggressivität aufzubauen.
Die erste Halbzeit war vielleicht die schwächste der gesamten Saison. Die Passgenauigkeit lag bei einem desaströsen 78 Prozent. Die Mittelfeldachse Atakan Karazor und Angelo Stiller wurde von Gladbachs Spielern, insbesondere von Florian Neuhaus, regelrecht überspielt. Es fehlte an jeder Art von Tempo und Überraschungsmoment. Die wenigen Chancen des VfB, wie ein Kopfball von Serhou Guirassy in der 25. Minute, waren Einzelaktionen ohne System. Die 0:2-Führung Gladbachs vor der Pause durch einen Freistoß von Franck Honorat war dann nur der verdiente Lohn für die klar überlegene erste Halbzeit der Borussia.
Nach der Pause schien der VfB erwacht zu sein. Der Anschlusstreffer durch Chris Führich in der 51. Minute, nach einer guten Vorarbeit von Deniz Undav, gab kurz Hoffnung. Für etwa zehn Minuten drängte Stuttgart, suchte das Gleichgewicht. Doch dieser Funke zündete nicht nachhaltig. Stattdessen machten die Stuttgarter denselben Fehler wie zu Saisonbeginn: Sie wurden nach einem Torereignis unkonzentriert und ließen die gegnerische Mannschaft sofort wieder in den eigenen Strafraum. Die wiederhergestellte Zwei-Tore-Führung Gladbachs durch Robin Hack in der 64. Minute war ein Schlag ins Kontor, von dem sich die Mannschaft mental nicht mehr erholte. Auch das späte 2:3 durch Guirassy in der 89. Minute war nur noch kosmetische Korrektur.
Die Schuldfrage ist komplex, aber nicht schwer zu beantworten. Es war ein kollektives Versagen. Die Abwehr um Waldemar Anton und Hiroki Ito wirkte unsicher und unkoordiniert, besonders in den Standardsituationen. Das Mittelfeld war zu langsam und bot keine Anspielstationen für die defensiven Spieler, was zu vielen unnötigen Ballverlusten führte. Auch die sonst so treffsichere Offensive um Guirassy und Undav blieb weitgehend blass. Sie wurden von der Gladbacher Defensive, angeführt von Nico Elvedi, hervorragend aus dem Spiel genommen. Trainer Hoeneß räumte nach dem Spiel ein: «Wir waren heute in keiner Phase wirklich gut. Wir waren nicht wach, nicht aggressiv genug, und wir haben zu viele individuelle Fehler gemacht. Das kann und darf nicht unser Anspruch sein.»
Diese Niederlage wiegt schwer. Sie ist nicht nur ein herber Rückschlag im Kampf um die internationalen Plätze. Sie ist vor allem ein alarmierendes Signal an die Mannschaft und die Vereinsführung. Der VfB hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass er zu solchen unerklärlichen Leistungseinbrüchen neigt, gerade nach starken Phasen. Jetzt wird sich zeigen, ob diese Mannschaft reifer geworden ist. Ob sie in der Lage ist, aus diesem Debakel sofort die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das kommende Auswärtsspiel in Frankfurt wird ein erster Beweis sein. Die Fans erwarten eine klare Reaktion. Sie haben am Samstag mehr als nur ein Fußballspiel verloren. Sie haben vorübergehend das Vertrauen in die Zuverlässigkeit ihrer Mannschaft verloren. Das zurückzugewinnen, ist jetzt die wichtigste Aufgabe.
- Mutiges Auftreten der Gladbacher
- Schlafmützige Deckungsarbeit des VfB
- Desaströse Passgenauigkeit
- Fehlende Aggressivität im Spiel
- Individuelle Fehler entscheiden das Spiel
- Signal an die Vereinsführung
| Statistik | VfB Stuttgart | Borussia Mönchengladbach |
|---|---|---|
| Tore | 2 | 3 |
| Passgenauigkeit | 78% | – |
| Schüsse aufs Tor | 5 | 7 |
| Ecken | 3 | 4 |
| Gelbe Karten | 1 | 2 |
| Ballbesitz | 45% | 55% |