Ein kalter Januarmorgen liegt über Berlin, als in mehreren Bezirken plötzlich das Licht ausgeht. Was zunächst wie eine technische Störung wirkt, entpuppt sich schnell als koordinierter Anschlag auf die Berliner Strominfrastruktur. Seit gestern Abend sind Teile von Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain ohne Strom – betroffen sind etwa 65.000 Haushalte und zahlreiche Gewerbebetriebe.
Die Gruppe «Grüne Xperimentelle Einheit» (GXE), die dem linksextremen Spektrum zugeordnet wird, hat sich zu den Anschlägen auf drei Umspannwerke bekannt. In einem im Internet veröffentlichten Schreiben bezeichnet die Gruppe ihre Aktion als «Widerstand gegen den kapitalistischen Energiemarkt» und kritisiert die steigenden Strompreise, die «einfache Menschen in die Armut treiben».
Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg hat nun ein umfassendes Maßnahmenpaket angekündigt. «Diese Anschläge sind ein direkter Angriff auf unsere kritische Infrastruktur und damit auf die Sicherheit aller Berlinerinnen und Berliner», erklärte Badenberg bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Roten Rathaus.
Die Senatorin fordert mehr Videoüberwachung an kritischen Infrastrukturpunkten, erweiterte Befugnisse für Sicherheitsbehörden und eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Polizei und Verfassungsschutz. «Wir müssen die Bedrohung durch extremistische Gruppen ernster nehmen», so Badenberg. Konkret plant sie die Einrichtung einer Sonderkommission, die sich ausschließlich mit dem Schutz kritischer Infrastruktur befassen soll.
Die Stromausfälle haben weitreichende Folgen für die betroffenen Stadtteile. Mehrere Schulen und Kitas mussten geschlossen bleiben, in einigen Altenheimen läuft die Notstromversorgung. Die Berliner Verkehrsbetriebe melden Einschränkungen im U-Bahn-Verkehr. Die Stadtwerke rechnen damit, dass die Reparaturarbeiten mindestens zwei weitere Tage in Anspruch nehmen werden.
«Ich musste meine Kinder heute zu Hause lassen, weil ihre Schule geschlossen hat. Gleichzeitig kann ich nicht ins Homeoffice, weil wir keinen Strom haben», berichtet Melanie Schmidt aus Neukölln. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder steht exemplarisch für viele Betroffene, deren Alltag durch den Anschlag massiv beeinträchtigt wird.
Besonders problematisch ist die Situation für Menschen, die auf medizinische Geräte angewiesen sind. «Wir haben seit gestern Abend über 200 Notrufe von Menschen erhalten, die Unterstützung mit ihren elektrischen Beatmungsgeräten oder anderen medizinischen Hilfsmitteln benötigen», erklärt ein Sprecher der Berliner Feuerwehr.
Die politischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Während Vertreter der Regierungskoalition die Pläne der Justizsenatorin begrüßen, gibt es auch kritische Stimmen. «Mehr Überwachung löst nicht die sozialen Probleme, die hinter solchen Protestaktionen stehen», argumentiert Carla Weber von der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Sie fordert stattdessen eine Deckelung der Strompreise und Sofortmaßnahmen gegen Energiearmut.
Der Berliner Verfassungsschutz hatte bereits im vergangenen Jahr vor einer Zunahme linksextremer Anschläge auf kritische Infrastruktur gewarnt. In einem Bericht vom Oktober 2025 hieß es, dass sich radikale Gruppen zunehmend auf Sabotageakte konzentrieren würden, um «das System an empfindlichen Stellen zu treffen».
Expert:innen für Extremismusprävention sehen die Wurzeln solcher Anschläge in wachsenden sozialen Spannungen. «Die drastisch gestiegenen Energiepreise haben zu erheblichen gesellschaftlichen Verwerfungen geführt», erklärt Professor Martin Krause von der Humboldt-Universität. «Das rechtfertigt keine Gewalt, erklärt aber teilweise die Radikalisierung bestimmter Gruppen.»
Die Berliner Stadtwerke haben unterdessen eine Hotline für Betroffene eingerichtet und verteilen in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz Powerbanks und warme Mahlzeiten in den betroffenen Gebieten. Zusätzlich wurden beheizte Notunterkünfte in Turnhallen eingerichtet.
Während die Reparaturarbeiten laufen, bleibt die Frage, wie künftig solche Anschläge verhindert werden können. Die Diskussion über das richtige Maß zwischen Sicherheit und Freiheit dürfte Berlin noch lange beschäftigen. Für die Menschen in den betroffenen Bezirken steht zunächst die Hoffnung im Vordergrund, bald wieder Licht und Wärme in ihren Wohnungen zu haben.