In den frühen Morgenstunden des vergangenen Dienstags erschütterte ein gezielter Brandanschlag das Berliner Stromnetz. Unbekannte Täter setzten ein Kabelstromhäuschen im östlichen Stadtgebiet in Brand und verursachten einen mehrstündigen Stromausfall in Teilen von Köpenick und Treptow. Rund 5.000 Haushalte waren ohne Strom, viele Geschäfte mussten vorübergehend schließen. Die Reparaturarbeiten dauerten bis in den späten Nachmittag an.
Der Vorfall weckt bei vielen Berlinern Erinnerungen an den großflächigen Stromausfall in Köpenick im Jahr 2019, der durch einen Baufehler ausgelöst wurde und mehr als 30.000 Haushalte für fast 36 Stunden ohne Strom ließ. Der aktuelle Anschlag hat jedoch eine deutlich andere Dimension – er wurde offenbar bewusst geplant und ausgeführt.
Die Berliner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen und stuft den Fall als schwere Brandstiftung ein. Der Staatsschutz wurde eingeschaltet, da ein politisches Motiv nicht ausgeschlossen werden kann. «Wir gehen von einer gezielten Aktion aus», erklärte Polizeisprecherin Marlen Kopp. «Die Art der Ausführung deutet auf Vorkenntnisse über die Infrastruktur hin.»
Besonders beunruhigend: Im Internet kursieren widersprüchliche Bekennerschreiben. Eine bislang unbekannte Gruppe mit dem Namen «Revolutionäre Zellen für Klimagerechtigkeit» veröffentlichte auf einer linken Plattform ein Schreiben, in dem sie den Anschlag als «Protest gegen die kapitalistische Energiepolitik» bezeichnete. Experten äußern jedoch Zweifel an der Authentizität dieses Bekennerschreibens.
«Die Wortwahl und Argumentationslinie passen nicht zu bekannten linken Gruppierungen», sagt Extremismusforscher Dr. Thomas Weber von der Humboldt-Universität. «Zudem wäre es ungewöhnlich, dass eine solche Gruppe einen Stromausfall verursacht, der vor allem normale Bürger trifft und nicht etwa Konzernzentralen oder Regierungsgebäude.»
Fast zeitgleich tauchte ein zweites Bekennerschreiben auf, das einen rechtsextremistischen Hintergrund andeutet und von einer «Aktion gegen die Energiewende» spricht. Auch hier haben die Behörden Zweifel an der Echtheit.
Für die betroffenen Anwohner stand am Dienstag jedoch zunächst die Bewältigung des Alltags ohne Strom im Vordergrund. Supermärkte mussten Kühlwaren entsorgen, Ampeln fielen aus, und viele kleine Betriebe konnten nicht öffnen. «Wir haben heute ein komplettes Tagesgeschäft verloren», beklagt Bäckermeister Klaus Müller aus Köpenick. «Die Teige waren schon vorbereitet, aber ohne Strom konnten wir nichts backen.»
Auch in Arztpraxen und Apotheken kam es zu Problemen. «Wir mussten Termine absagen und konnten nur eingeschränkt arbeiten», berichtet Dr. Andrea Schmidt, die eine Hausarztpraxis in Treptow betreibt. «Zum Glück haben wir eine Notstromversorgung für die Kühlung unserer Impfstoffe.»
Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin GmbH reagierte schnell auf den Vorfall. «Unsere Notfallteams waren innerhalb von 30 Minuten vor Ort», erklärt Unternehmenssprecher Stefan Wienke. «Durch Umschaltungen im Netz konnten wir bereits nach zwei Stunden etwa die Hälfte der betroffenen Haushalte wieder versorgen. Die vollständige Reparatur nahm jedoch mehr Zeit in Anspruch.»
Der Vorfall wirft Fragen zur Sicherheit kritischer Infrastruktur auf. Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) kündigte eine Überprüfung der Sicherheitskonzepte an. «Wir müssen die Schutzmaßnahmen für unsere Energieversorgung auf den Prüfstand stellen», sagte sie in einer ersten Stellungnahme. «Dieser Anschlag zeigt, wie verletzlich unsere moderne Gesellschaft ist.»
Fachleute weisen seit Jahren auf die Verwundbarkeit des Stromnetzes hin. «Die dezentrale Struktur macht es schwer, alle Anlagen gleichermaßen zu schützen», erklärt Energieexperte Prof. Michael Becker von der TU Berlin. «Besonders die Umspannwerke und Verteilerstationen sind potenzielle Angriffsziele, da sie oft an zugänglichen Orten stehen.»
Für die Stadtteile Köpenick und Treptow ist es bereits der zweite größere Stromausfall innerhalb weniger Jahre. 2019 hatte ein Bauunternehmen bei Arbeiten an der Salvador-Allende-Brücke ein wichtiges Stromkabel durchtrennt und damit den längsten Stromausfall in der Geschichte der Stadt verursacht.
«Wir waren dieses Mal besser vorbereitet», berichtet Anwohnerin Petra Klein. «Nach dem letzten großen Ausfall haben viele von uns Notfalllampen und Powerbanks angeschafft. Trotzdem ist es beunruhigend zu wissen, dass jemand absichtlich unsere Versorgung sabotiert hat.»
Die Ermittler bitten die Bevölkerung um Mithilfe. «Wer in der Nacht zum Dienstag zwischen 2 und 3 Uhr verdächtige Personen oder Fahrzeuge im Bereich der Heinrich-Grüber-Straße beobachtet hat, sollte sich melden», so ein Polizeisprecher.
Während die Untersuchungen laufen, bleibt die Frage nach den Tätern und ihren Motiven offen. Die widersprüchlichen Bekennerschreiben könnten darauf hindeuten, dass die Verursacher gezielt Verwirrung stiften wollten. Oder sie dienen als Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Hintergründen.
«In der aktuellen aufgeheizten politischen Lage sind solche Anschläge besonders gefährlich», warnt Sicherheitsexperte Frank Werner. «Sie können genutzt werden, um die Gesellschaft weiter zu spalten und Misstrauen zu säen.»
Die Berliner Stromnetz GmbH hat inzwischen angekündigt, die Sicherheitsmaßnahmen an ihren Anlagen zu verstärken. Für die Anwohner bleibt die Hoffnung, dass die Täter schnell gefasst werden und ähnliche Vorfälle in Zukunft verhindert werden können.