Bei der Berliner Polizei zeichnet sich ein besorgniserregender Trend ab. Immer mehr Bewerberinnen und Bewerber fallen bereits in der ersten Phase des Auswahlverfahrens durch – sie scheitern am Deutschtest. Dies betrifft sowohl Bewerber mit als auch ohne Migrationshintergrund.
Nach Informationen des Polizeipräsidiums bestehen derzeit nur etwa 30 Prozent aller Bewerber den schriftlichen Deutschtest. Die Anforderungen sind dabei keineswegs übermäßig anspruchsvoll. Es geht um grundlegende Fähigkeiten wie korrektes Schreiben und Verstehen von Texten auf Niveau der mittleren Reife.
«Ein Polizist muss in der Lage sein, einen verständlichen Bericht zu verfassen», erklärt Polizeisprecherin Michaela Werners. «Wenn bei einem Unfall oder einer Straftat wichtige Details aufgrund von sprachlichen Mängeln falsch dokumentiert werden, kann das ernsthafte Folgen haben.»
Das Problem zeigt sich besonders deutlich in der Bewerbungsphase. Von 100 Interessenten bestehen nur etwa 30 den Deutschtest. Bei den nachfolgenden Sportprüfungen und psychologischen Tests fallen weitere Kandidaten durch. Am Ende bleibt nur ein kleiner Teil übrig, der tatsächlich für die Ausbildung zugelassen wird.
Die Polizeigewerkschaft GdP sieht die Entwicklung mit Sorge. «Wir können bei der Sprachkompetenz keine Kompromisse eingehen», betont Benjamin Jendro, Sprecher der GdP Berlin. «Die korrekte Dokumentation ist entscheidend für unsere Arbeit. Ein falsch geschriebener Bericht kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass Straftäter nicht verurteilt werden können.»
Die Gründe für die zunehmenden Sprachprobleme sind vielfältig. Lehrkräfte berichten von einem generellen Absinken der Sprachkompetenz bei Schülern. Smartphones und soziale Medien fördern eine verkürzte Kommunikation mit wenig Wert auf Rechtschreibung und Grammatik. Zudem beklagen Bildungsexperten seit Jahren Mängel im Deutschunterricht.
Die Berliner Polizei hat auf diese Entwicklung reagiert und bietet nun Vorbereitungskurse für interessierte Bewerber an. In diesen Kursen werden typische Aufgaben des Deutschtests geübt und Hinweise zur Verbesserung der Sprachkompetenz gegeben. «Wir wollen gute Kandidaten nicht verlieren, nur weil sie sprachliche Defizite haben, die sich beheben lassen», erklärt Ausbildungsleiter Thomas Krüger.
Zusätzlich hat die Polizeibehörde ihre Öffentlichkeitsarbeit verstärkt. In Schulen und auf Berufsmessen informieren Beamte über die Anforderungen des Polizeiberufs und die Bedeutung guter Deutschkenntnisse. Auch in sozialen Medien wie Instagram und TikTok versucht die Polizei, junge Menschen zu erreichen und auf die Testanforderungen hinzuweisen.
Einige Bildungsexperten schlagen Alarm und sehen die Probleme als Symptom einer größeren Bildungskrise. «Was wir hier beobachten, ist nur die Spitze des Eisbergs», warnt Professorin Helga Müller von der Humboldt-Universität zu Berlin. «Wenn junge Menschen mit mittlerem Schulabschluss nicht mehr in der Lage sind, fehlerfrei zu schreiben und Texte zu verstehen, haben wir ein grundsätzliches Problem im Bildungssystem.»
Die Polizei selbst betont, dass sie trotz des Nachwuchsmangels keine Abstriche bei den Anforderungen machen wird. «Die Sicherheit der Bürger und eine funktionierende Strafverfolgung haben oberste Priorität», stellt Polizeipräsidentin Barbara Schmidt klar. «Wir können und werden die Standards nicht senken.»
Für Schulabgänger, die sich für den Polizeiberuf interessieren, lautet der Rat der Experten: Früh mit der Vorbereitung beginnen und besonders auf die Verbesserung der Deutschkenntnisse achten. Die Polizei Berlin bietet auf ihrer Website Übungsmaterialien an und empfiehlt regelmäßiges Lesen sowie das bewusste Verfassen von Texten als beste Vorbereitung für den Einstellungstest.
Die Situation in Berlin ist kein Einzelfall. Auch in anderen Bundesländern berichten Polizeibehörden von ähnlichen Problemen. Es scheint sich um ein bundesweites Phänomen zu handeln, das grundsätzliche Fragen zur Sprachförderung in unserem Bildungssystem aufwirft.