Article – Die Debatte über das Niveau im Deutschunterricht spitzt sich zu. Bei meinem Besuch in einer Gesamtschule vergangene Woche beobachtete ich, wie Zehntklässler mit einfachen Texten kämpften. «Meine Schüler verstehen kaum noch komplexe Satzstrukturen», gestand mir eine Lehrerin mit gesenkter Stimme.
Die Realität in deutschen Klassenzimmern hat sich gewandelt. Während früher Goethe und Schiller zum Standard gehörten, weichen viele Lehrkräfte heute auf kürzere, vereinfachte Texte aus. Bildungsforscher Professor Michael Winkler sieht darin ein systemisches Problem: «Wir senken kontinuierlich die Ansprüche, weil wir fürchten, die Schüler zu überfordern.» Eine bedenkliche Entwicklung, die auch in Lehrplänen sichtbar wird. Mein Neffe in der achten Klasse liest statt «Wilhelm Tell» nur noch Auszüge mit erklärenden Randbemerkungen. Sein Deutschlehrer rechtfertigt dies mit mangelnder Lesekompetenz vieler Schüler. Tatsächlich zeigen Studien, dass fast 20 Prozent der Jugendlichen nicht angemessen lesen können.
Die Herausforderung ist vielschichtig. Smartphones und digitale Medien haben das Leseverhalten verändert. Gleichzeitig fehlt oft die Unterstützung aus dem Elternhaus. Dennoch müssen wir uns fragen: Helfen wir Schülern wirklich, wenn wir die Latte immer tiefer legen? Kulturelle Teilhabe beginnt mit Sprachkompetenz – ein Gut, das wir nicht leichtfertig opfern sollten.