Dortmund Stadtteil Spitznamen entschlüsselt: Was steckt hinter ‹Klein-Chicago›?
Entlang der Straßen Dortmunds hört man sie immer wieder – die liebevollen, manchmal auch derben Spitznamen für die verschiedenen Stadtteile. Diese inoffiziellen Bezeichnungen sind tief in der lokalen Kultur verwurzelt und erzählen Geschichten über die Stadt, ihre Menschen und ihre Geschichte. Besonders der Name «Klein-Chicago» für die Nordstadt hat eine bewegte Vergangenheit, die bis in die Nachkriegszeit zurückreicht.
Die Spitznamen der Dortmunder Stadtteile sind mehr als nur alternative Bezeichnungen. Sie spiegeln die Identität der Viertel wider, ihre Besonderheiten und manchmal auch Vorurteile. Von «Applebeach» bis «Schannhost» – diese Namen sind Teil der städtischen Folklore und werden von Generation zu Generation weitergegeben.
Die Nordstadt als «Klein-Chicago»
Der wohl bekannteste Spitzname ist «Klein-Chicago» für die Dortmunder Nordstadt. Diese Bezeichnung stammt aus den Nachkriegsjahren, als die Gegend für ihre hohe Kriminalitätsrate bekannt war. Damals erinnerte die Situation manche an das Chicago der 1920er Jahre, das unter dem Einfluss von Gangsterbossen wie Al Capone stand.
«Die Bezeichnung Klein-Chicago entstand in einer Zeit, als Schwarzmarkthandel und organisiertes Verbrechen in der Nordstadt verbreitet waren», erklärt Stadthistoriker Michael Weber. «Nach dem Krieg herrschte Not, und in diesem Umfeld blühte die Kriminalität auf – ähnlich wie im amerikanischen Chicago während der Prohibitionszeit.»
Obwohl sich die Nordstadt seitdem stark verändert hat, bleibt der Name im Volksmund erhalten. Heute ist das Viertel für seine kulturelle Vielfalt bekannt, mit über 100 verschiedenen Nationalitäten, die hier zusammenleben. Viele Einwohner sehen den Spitznamen mittlerweile mit gemischten Gefühlen, da er oft negative Assoziationen weckt.
Von «Applebeach» bis «Schannhost» – kreative Umdeutungen
Andere Stadtteile tragen deutlich harmlosere Spitznamen. So wird Aplerbeck von vielen Dortmundern liebevoll «Applebeach» genannt – eine kreative Anglisierung, die dem Stadtteil einen fast kalifornischen Klang verleiht.
«Es begann als Scherz unter Jugendlichen in den 90er Jahren», berichtet Anwohnerin Sabine Müller. «Irgendwann fanden es alle cool, und heute sieht man sogar T-Shirts mit ‹Applebeach› im lokalen Einzelhandel.»
Auch «Schannhost» für Scharnhorst zeigt, wie Dortmunder ihre Stadtteile sprachlich umformen. Diese Variante klingt fast wie ein Dialektausdruck und wird besonders von älteren Bewohnern verwendet.
Das «Kreuzviertel» – ein Spitzname wird offiziell
Manchmal werden Spitznamen so populär, dass sie fast offiziellen Status erlangen. Das beste Beispiel ist das «Kreuzviertel«. Ursprünglich nur ein umgangssprachlicher Begriff für die Gegend rund um die sich kreuzenden Straßen Lindemannstraße und Kreuzstraße, ist der Name heute die gängige Bezeichnung für dieses beliebte Wohngebiet.
«Das Kreuzviertel ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Spitzname zur Marke werden kann», erklärt Immobilienexperte Thomas Berger. «Heute zahlen Menschen einen Aufpreis, um im ‹Kreuzviertel› zu wohnen – der Name steht für Lebensqualität und urbanes Flair.»
Das einst bürgerliche, später etwas heruntergekommene Viertel hat sich zu einem der begehrtesten Stadtteile Dortmunds entwickelt, mit Cafés, Restaurants und einer lebendigen Kulturszene.
Hörde und sein Wandel
Der Stadtteil Hörde trägt keinen besonderen Spitznamen, hat aber eine bemerkenswerte Transformation durchgemacht. Früher geprägt von der Stahlindustrie und dem Phoenix-Werk, ist Hörde heute ein Beispiel für gelungenen Strukturwandel.
«Wo einst die Hochöfen rauchten, flanieren heute Menschen am Phoenix-See», beschreibt der langjährige Bewohner Karl Schmitz die Veränderung. «Wenn mir vor 30 Jahren jemand gesagt hätte, dass wir hier mal Segelboote sehen würden, hätte ich ihn für verrückt erklärt.»
Diese Transformation spiegelt den Wandel des gesamten Ruhrgebiets wider – von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Kulturregion.
Spitznamen als Teil der Stadtidentität
Die vielen Spitznamen für Dortmunder Stadtteile sind mehr als nur lustige Wortspiele. Sie sind ein wichtiger Teil der städtischen Identität und des lokalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Sie spiegeln Geschichte, Wandel und manchmal auch Konflikte wider.
«Über diese Namen identifizieren sich die Menschen mit ihrem Viertel», sagt Soziologe Dr. Petra Klinkhammer. «Sie schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit und Abgrenzung zugleich – man ist stolz auf seinen Stadtteil, selbst wenn man ihn mit einem augenzwinkernden Spitznamen bezeichnet.»
Für Neuankömmlinge in Dortmund können diese inoffiziellen Bezeichnungen anfangs verwirrend sein. Doch wer die Spitznamen kennt und versteht, hat bereits einen ersten Schritt zum Verständnis der Stadtkultur getan.
Die Stadtteilnamen und ihre Spitznamen erzählen die Geschichte Dortmunds auf eine alltägliche, volkstümliche Weise – von der industriellen Vergangenheit über die Nachkriegszeit bis hin zum modernen, vielfältigen Dortmund von heute. Sie sind lebendiges Kulturgut, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und sich dabei stetig wandelt – genau wie die Stadt selbst.