Am Heidefriedhof in Dresden sorgt eine bunte Stele für hitzige Diskussionen. Das Mahnmal, das an die Opfer der Luftangriffe auf Dresden vom 13. Februar 1945 erinnert, wurde im vergangenen Jahr mit farbigen Fragmenten neu gestaltet. Historiker und Gedenkstätten-Experten kritisieren diese Umgestaltung nun scharf.
Die Stadt Dresden hatte die Stele, die Teil des Ehrenhains auf dem Heidefriedhof ist, im Jahr 2022 mit bunten Splitterelementen versehen lassen. Diese künstlerische Neuinterpretation sollte das Gedenken an die Bombenopfer in die heutige Zeit übertragen. Doch die Ausführung stößt auf Widerstand von Fachleuten.
Prof. Dr. Michael Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung bezeichnet die Gestaltung als «völlig unpassend». Der renommierte Historiker erklärt: «Die bunten Fragmente wirken wie eine fröhliche Spielerei, die dem Ernst des Ortes und der Tragik der Ereignisse nicht gerecht wird. Ein Friedhof und besonders eine Gedenkstätte brauchen eine würdevolle Gestaltung.»
Auch weitere Experten sehen die künstlerische Umgestaltung kritisch. Sie bemängeln, dass die farbigen Elemente den Charakter eines stillen Gedenkens stören und die historische Bedeutung des Ortes nicht angemessen vermitteln. Gedenkstätten sollten nach ihrer Ansicht einen klaren Bezug zur Geschichte wahren und Besucher zum Nachdenken anregen, statt durch auffällige Gestaltung abzulenken.
Die Stadt Dresden verteidigt hingegen ihre Entscheidung. Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch betont: «Die moderne Interpretation soll gerade jüngere Generationen ansprechen und zum Gedenken einladen. Wir wollten bewusst einen neuen Zugang schaffen, der auch Menschen erreicht, die keinen persönlichen Bezug mehr zu den Ereignissen von 1945 haben.»
Anwohner und Besucher des Friedhofs zeigen sich gespalten. Während einige die neue Gestaltung als frischen Wind begrüßen, empfinden andere sie als respektlos gegenüber den Toten. «Meine Großmutter hat die Bombennacht überlebt und immer davon erzählt. Ich glaube nicht, dass sie diese bunte Darstellung gut gefunden hätte», sagt die 65-jährige Dresdnerin Helga Meier.
Der Heidefriedhof ist einer der wichtigsten Gedenkorte für die Opfer der Luftangriffe auf Dresden. Etwa 25.000 Menschen kamen bei den Bombardierungen im Februar 1945 ums Leben. Jedes Jahr im Februar versammeln sich hier zahlreiche Menschen zum stillen Gedenken.
Die Debatte über die Stele wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie kann Erinnerungskultur zeitgemäß gestaltet werden, ohne die Würde des Gedenkens zu verletzen? Welche künstlerischen Ausdrucksformen sind an Orten der Trauer angemessen?
Der Stadtrat will sich nun erneut mit dem Thema befassen. Für den Herbst ist eine öffentliche Diskussionsveranstaltung geplant, bei der Historiker, Künstler und Bürger über die Gestaltung von Gedenkorten ins Gespräch kommen sollen.
Die Kontroverse um die Stele zeigt, wie sensibel das Thema Erinnerungskultur in Dresden nach wie vor ist. Die Luftangriffe und ihre Opfer sind im kollektiven Gedächtnis der Stadt tief verankert. Jede Veränderung an den Gedenkstätten wird daher genau beobachtet und diskutiert.
Kulturwissenschaftlerin Dr. Jana Werner vom Dresdner Zentrum für Erinnerungskultur sieht in der Debatte auch eine Chance: «Dass so intensiv über die Gestaltung diskutiert wird, zeigt, wie wichtig das Gedenken für die Stadtgesellschaft ist. Eine lebendige Erinnerungskultur braucht diesen Austausch. Entscheidend ist, dass wir respektvoll miteinander umgehen.»
Die Stadt Dresden hat angekündigt, die verschiedenen Standpunkte ernst zu nehmen und in künftige Entscheidungen über Gedenkstätten einzubeziehen. Bis dahin bleibt die bunte Stele am Heidefriedhof – und mit ihr die Diskussion über angemessenes Gedenken.