Dresden. Ein glücklicher Tag im Juli 2022. Christin sitzt an ihrem neuen Schreibtisch im Arbeitszimmer. Der Umzug ist geschafft. Cornell und sie sind jetzt offiziell Wohnungseigentümer. „Unser neues Zuhause ist noch schöner als in unseren Vorstellungen», schreibt Christin in ihr Tagebuch. Gerade habe sie mit ihrer Tochter Clara die neue Umgebung in Radeberg erkundet und sich in der Bibliothek angemeldet. „Danke Leben, danke Universum.»
Nur manchmal, da schlichen sich Zweifel in ihre Gedanken, schreibt sie weiter. „Das ist zu schön, um wahr zu sein. Was, wenn etwas Schlimmes passiert?»
Im August steht der Sommerurlaub auf einem Familienbauernhof in Bayern an. Zur Entspannung gönnt sich Cornell eine Massage, doch er kann sie nicht genießen. Plötzlich quälen ihn Bauchschmerzen. Nach der Rückkehr geht er zum Arzt, doch zunächst lässt sich nichts finden. Cornell hat kaum noch Appetit und schwitzt nachts.
Am 10. Oktober 2022 ruft er seine Frau an und berichtet ihr von den Ergebnissen seines CTs. „Christin, ich habe einen Lebertumor», sagt er. Neun Tage später folgt die genaue Diagnose: metastasierender Gallengangskrebs. Die Ärzte sagen, dass es nun nicht mehr um Heilung gehe, sondern darum, Zeit zu gewinnen. Es ist der Moment, der das Leben der Familie in ein Davor und ein Danach teilt.
Das Davor ist eine fast schnulzige Liebesgeschichte. Christin Jordan stammt aus Colmnitz am Südrand des Tharandter Waldes. Sie studiert Soziale Arbeit in Jena. Eine längere Beziehung führt sie zunächst nach Thüringen. Nach ihrer Trennung kommt sie 2015 zum Heimatbesuch nach Dresden und macht mit ihrer Schwester Party im Club Downtown. Und da steht er auf einmal vor ihr: Cornell, der Mann ihres Lebens.
Er gibt ihr seine Telefonnummer, vergisst aber in der Aufregung eine Ziffer. Über Facebook findet sie ihn trotzdem. Sie treffen und verlieben sich. Bald zieht Christin nach Dresden und nimmt eine Stelle im Jugendamt an. Cornell arbeitet als Erzieher in einer Dresdner Kita. Die beiden heiraten, ziehen in eine Wohnung in der Neustadt. 2018 kommt Tochter Clara zur Welt.
„Cornell war ein aufmerksamer, liebevoller Vater», erinnert sich Christin. Er habe Clara jeden Morgen in die Kita gebracht. Am Wochenende seien die drei oft im Alaunpark gewesen oder hätten die Elbwiesen erkundet. „Wir waren eine richtig glückliche kleine Familie.»
Die Nachricht vom Krebs wirft alles über den Haufen. Cornell ist zu diesem Zeitpunkt gerade 37 Jahre alt. Die Ärzte im Universitätsklinikum Dresden versuchen mit einer Chemotherapie, das Tumorwachstum zu bremsen. Cornell erträgt die Nebenwirkungen tapfer. Er verliert seine Haare, ist oft müde, aber gibt die Hoffnung nicht auf.
„Wir haben noch über unsere Zukunft gesprochen», erzählt Christin. Cornell habe davon geträumt, Clara später zur Schule zu bringen. Er wollte mit ihr Fahrrad fahren lernen. „Diese Vorstellungen haben ihm Kraft gegeben.»
Doch im Frühjahr 2023 verschlechtert sich sein Zustand rapide. Die Chemotherapie schlägt nicht mehr an. Die Schmerzen werden stärker. Cornell kommt ins Hospiz. Christin ist jeden Tag bei ihm, Clara darf ihn besuchen. „Wir haben ihr alles kindgerecht erklärt», sagt Christin. „Sie wusste, dass Papa sehr krank ist.»
Am 15. Mai 2023 stirbt Cornell im Alter von 38 Jahren. Christin hält seine Hand. Clara ist bei der Oma. „Es war friedlich», sagt Christin leise. „Er hat nicht mehr gelitten.»
Die Wochen danach beschreibt Christin als „Nebel». Sie funktioniert, organisiert die Beerdigung, kümmert sich um Clara. Aber innerlich fühlt sie sich wie betäubt. „Ich konnte nicht glauben, dass er wirklich weg ist», sagt sie. Nachts liegt sie wach, tagsüber fehlt ihr die Energie für den Alltag.
Clara reagiert unterschiedlich. Manchmal spielt sie fröhlich, als wäre nichts gewesen. Dann weint sie plötzlich und fragt: „Wann kommt Papa zurück?» Christin erklärt ihr geduldig, dass Papa im Himmel ist. „Kinder trauern anders als Erwachsene», hat sie gelernt. „Sie brauchen Normalität und Routine.»
Hilfe findet Christin bei der Dresdner Trauerbegleitung. Die Organisation bietet kostenlose Gesprächsgruppen für Witwen und Witwer an. Dort trifft sie andere Menschen, die ähnliches durchmachen. „Das war unglaublich wichtig für mich», sagt Christin. „Ich habe gemerkt, dass ich nicht allein bin.»
Auch ihre Familie und Freunde stehen ihr bei. Ihre Schwester kommt regelmäßig vorbei, passt auf Clara auf. Eine Nachbarin bringt manchmal gekochtes Essen vorbei. „Diese kleinen Gesten haben mir so geholfen», sagt Christin. „Man merkt, wer wirklich für einen da ist.»
Finanziell ist die Situation schwierig. Christin arbeitet in Teilzeit beim Jugendamt. Die Witwenrente reicht nicht aus. Die Eigentumswohnung in Radeberg, auf die sie sich so gefreut hatten, belastet sie nun. „Ich überlege, ob ich verkaufen soll», sagt sie. „Aber es sind so viele Erinnerungen darin.»
Das Jugendamt Dresden hat ihr flexible Arbeitszeiten ermöglicht. „Meine Vorgesetzten waren sehr verständnisvoll», sagt Christin. „Ohne diese Unterstützung hätte ich es nicht geschafft.» In Dresden gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung etwa 12.000 Witwen und Witwer. Viele sind älter, aber auch jüngere Menschen trifft der Verlust des Partners hart.
„Die Gesellschaft ist auf junge Witwen nicht vorbereitet», sagt Martina Weber von der Dresdner Trauerbegleitung. „Viele Angebote richten sich an ältere Menschen. Junge Witwen mit Kindern haben aber ganz andere Bedürfnisse.» Sie fordert mehr spezialisierte Beratungsangebote und bessere finanzielle Absicherung für Hinterbliebene.
Christin hat mittlerweile einen Weg gefunden, mit ihrer Trauer umzugehen. Sie schreibt Tagebuch, wie schon immer. Darin hält sie fest, wie es ihr geht. „Das hilft mir, meine Gefühle zu sortieren», sagt sie. Sie hat auch angefangen zu malen. Abstrakte Bilder in kräftigen Farben. „Das ist meine Art, den Schmerz rauszulassen.»
Für Clara hat sie ein Erinnerungsbuch angelegt. Darin sind Fotos von Cornell, kleine Geschichten, Sprüche. „Ich möchte, dass sie ihren Papa nicht vergisst», sagt Christin. „Sie soll wissen, wie sehr er sie geliebt hat.»
Inzwischen, fast ein Jahr nach Cornells Tod, findet Christin langsam zurück ins Leben. Sie trifft sich wieder mit Freunden. Geht mit Clara auf den Spielplatz. Plant kleine Ausflüge. „Es gibt auch wieder gute Momente», sagt sie. „Das hätte ich nicht gedacht.»
Die Trauer kommt in Wellen. Manchmal überfällt sie Christin aus heiterem Himmel. Ein Lied im Radio. Ein Geruch. Eine Erinnerung. „Dann muss ich weinen», sagt sie. „Aber das ist okay. Cornell fehlt mir jeden Tag.»
Trotzdem blickt sie nach vorn. Sie plant, ihre Stunden beim Jugendamt aufzustocken. Möchte Clara ein stabiles Leben bieten. „Ich bin jetzt Mama und Papa in einer Person», sagt sie. „Das ist eine große Verantwortung.»
Andere junge Witwen ermutigt sie, sich Hilfe zu holen. „Man muss nicht alles alleine schaffen», sagt Christin. „Es gibt Menschen, die einen auffangen.» Sie empfiehlt die Trauergruppen in Dresden. Auch Online-Foren hätten ihr geholfen. „Es tut gut, sich auszutauschen.»
Die Wohnung in Radeberg hat sie vorerst behalten. „Ich habe gemerkt, dass es nicht nur schmerzhafte Erinnerungen sind», sagt sie. „Es sind auch schöne Momente, die hier passiert sind.» Im Arbeitszimmer, wo sie damals so glücklich ihr Tagebuch schrieb, sitzt sie heute wieder. Diesmal mit mehr Traurigkeit, aber auch mit neuer Stärke.
„Cornell würde wollen, dass ich weitermache», sagt Christin. „Dass ich für Clara da bin. Dass ich glücklich werde.» Diese Überzeugung trägt sie durch schwere Tage. Sie hat gelernt, dass Trauer und Hoffnung nebeneinander existieren können.
Clara entwickelt sich gut. Sie geht gern in den Kindergarten, hat Freunde gefunden. Manchmal spricht sie über ihren Papa. „Sie erinnert sich noch an ihn», sagt Christin. „Das ist wichtig für mich.» Die Erzieher im Kindergarten sind informiert und unterstützen Clara einfühlsam.
Für die Zukunft wünscht sich Christin vor allem Stabilität. „Ich möchte, dass Clara behütet aufwächst», sagt sie. „Trotz allem, was passiert ist.» Sie hofft, dass ihre Geschichte anderen Mut macht. „Man kann auch nach einem schweren Verlust wieder Kraft finden», sagt sie. „Es dauert. Es tut weh. Aber es ist möglich.»
In Dresden gibt es verschiedene Anlaufstellen für Trauernde. Die Trauerbegleitung Dresden bietet regelmäßige Gruppen an. Auch die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar. Die Caritas und die Diakonie haben spezialisierte Berater. „Diese Angebote sind wichtig», betont Martina Weber. „Trauer braucht Raum und Zeit.»
Christin plant, sich langfristig selbst in der Trauerbegleitung zu engagieren. „Wenn ich anderen helfen kann, gibt das meiner Erfahrung einen Sinn», sagt sie. Erst möchte sie aber für sich selbst sorgen. Und für Clara. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns», sagt sie. „Aber wir gehen ihn gemeinsam.»
An manchen Abenden, wenn Clara schläft, setzt sich Christin auf den Balkon und schaut in den Himmel. „Dann spreche ich mit Cornell», sagt sie. „Erzähle ihm, wie es uns geht.» Es tröstet sie, zu glauben, dass er irgendwie noch da ist. „Er lebt in unseren Herzen weiter.»