Nach Jahren des stetigen Wachstums verzeichnet Dresden erstmals wieder einen Bevölkerungsrückgang. Ende 2023 lebten in der sächsischen Landeshauptstadt 566.859 Menschen – das sind 4.322 Personen weniger als noch im Vorjahr. Dies entspricht einem Rückgang von knapp 0,8 Prozent.
Der Bevölkerungsrückgang kommt überraschend. Seit 1999 hatte Dresden durchgehend Bevölkerungszuwächse verzeichnet, mit Ausnahme eines minimalen Rückgangs im Pandemiejahr 2020. Die jetzige Entwicklung markiert eine deutliche Trendwende und wirft Fragen zur zukünftigen Stadtentwicklung auf.
«Wir beobachten diese Entwicklung mit Sorge», erklärt Oberbürgermeister Dirk Hilbert bei der Vorstellung der aktuellen Zahlen. «Nach mehr als zwei Jahrzehnten des Wachstums müssen wir unsere Planungen möglicherweise anpassen.»
Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. Das Statistische Landesamt nennt vor allem die gesunkene Zuwanderung aus dem Ausland sowie die verstärkte Abwanderung ins Umland als Hauptfaktoren. Besonders junge Familien ziehen vermehrt ins Dresdner Umland, wo Wohnraum oft günstiger ist.
«Die Wohnungspreise in der Innenstadt sind für viele Familien kaum noch bezahlbar», berichtet Sophia Lehmann vom Mieterverein Dresden. «Wir sehen seit Jahren, dass besonders Familien mit mittlerem Einkommen ins Umland ausweichen.»
Auch die demografische Entwicklung spielt eine Rolle. Im Jahr 2023 wurden in Dresden 5.248 Kinder geboren – fast 300 weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Sterbefälle leicht an. Dies führt zu einem negativen natürlichen Bevölkerungssaldo.
Der Stadtrat diskutiert bereits Maßnahmen, um den Trend umzukehren. «Wir müssen bezahlbaren Wohnraum schaffen und die Lebensqualität in allen Stadtteilen verbessern», fordert Stadträtin Martina Weber von der SPD-Fraktion. Die Stadt plant, mehr Bauland auszuweisen und den sozialen Wohnungsbau zu fördern.
Besonders stark betroffen vom Bevölkerungsrückgang sind die Stadtteile Gorbitz und Prohlis, während die Neustadt und der Stadtteil Striesen weiterhin leicht wachsen. Diese ungleiche Entwicklung verstärkt soziale Ungleichgewichte in der Stadt.
Für die Stadtplanung bedeutet der Bevölkerungsrückgang eine Herausforderung. «Wir haben viele Projekte auf Wachstum ausgerichtet», erklärt Stadtplaner Thomas Müller. «Jetzt müssen wir überprüfen, ob alle geplanten Schulneubauten und Infrastrukturmaßnahmen noch dem tatsächlichen Bedarf entsprechen.»
Auch wirtschaftlich könnte der Bevölkerungsrückgang Folgen haben. «Für Unternehmen ist eine dynamische, wachsende Stadt attraktiv», sagt Frank Hirschfeld von der Industrie- und Handelskammer Dresden. «Wir müssen jetzt gegensteuern, um Dresden als Wirtschaftsstandort nicht zu schwächen.»
Die Stadt will nun eine Arbeitsgruppe einrichten, die Strategien gegen den Bevölkerungsrückgang entwickeln soll. Mögliche Maßnahmen umfassen Wohnungsbauprogramme, verbesserte Kinderbetreuung und Initiativen zur Anwerbung von Fachkräften.
Trotz der aktuellen Entwicklung bleibt Dresden die bevölkerungsreichste Stadt Sachsens, vor Leipzig mit rund 562.000 Einwohnern. Im regionalen Vergleich steht Dresden noch gut da – viele kleinere Städte in Sachsen verzeichnen deutlich stärkere Bevölkerungsverluste.
Für die Stadtgesellschaft ist der Bevölkerungsrückgang dennoch ein Warnsignal. «Wir müssen uns fragen, warum Menschen Dresden verlassen und was wir tun können, um die Stadt attraktiver zu machen», betont Sozialforscher Dr. Klaus Reimann von der TU Dresden. «Eine lebendige Stadt braucht alle Generationen und soziale Schichten.»
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob es sich um eine vorübergehende Entwicklung handelt oder ob Dresden sich auf eine längerfristige Schrumpfung einstellen muss. Die Stadtverwaltung hat angekündigt, die Bevölkerungsentwicklung nun vierteljährlich zu analysieren, um schneller reagieren zu können.