Im Englischen Garten in München schwelt ein Konflikt, der die Gemüter erhitzt. Die berühmte Eisbachwelle, ein Wahrzeichen der bayerischen Hauptstadt und beliebter Treffpunkt für Surfer, ist erneut verschwunden. Anwohner berichten, dass die künstliche Welle seit gestern nicht mehr existiert. Die städtischen Behörden haben offenbar wieder einmal eingegriffen und die Holzbretter entfernt, die für die Wellenbildung verantwortlich sind.
Die Eisbachwelle im Englischen Garten zieht normalerweise täglich Hunderte von Surfern und Zuschauern an. Als einzige stehende Flusswelle in einer europäischen Großstadt hat sie internationale Bekanntheit erlangt. Doch seit Jahren gibt es Streit zwischen der Surfer-Gemeinschaft und den Münchner Behörden über die Sicherheit und rechtliche Situation der künstlichen Welle.
«Die Welle gehört zum kulturellen Erbe Münchens. Sie einfach verschwinden zu lassen, ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die hier seit Jahrzehnten surfen», erklärt Max Hoffmann, Sprecher der Interessengemeinschaft Eisbachwelle. Die Surfer-Community hat sofort mobilisiert und plant für kommenden Samstag eine Demonstration am Eisbach.
Das Wasserwirtschaftsamt München bestätigt auf Anfrage den Abbau der inoffiziellen Konstruktion. «Es handelt sich um eine nicht genehmigte Anlage, die regelmäßig überprüft werden muss», erklärt Behördensprecherin Maria Weber. «Bei der letzten Kontrolle wurden Sicherheitsbedenken festgestellt, weshalb wir zum Schutz der Öffentlichkeit eingreifen mussten.»
Die Geschichte der Eisbachwelle reicht bis in die 1970er Jahre zurück, als Münchner Surfer erstmals entdeckten, dass man mit einfachen Mitteln eine stehende Welle erzeugen kann. Was als Geheimtipp begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einer Institution. Heute gilt die Stelle als Touristenattraktion und wichtiger Teil der Münchner Stadtkultur.
Der aktuelle Konflikt ist nicht der erste seiner Art. Bereits mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Behörden und Surfern. Während die Stadt auf Sicherheitsbedenken und fehlende Genehmigungen hinweist, argumentieren die Surfer mit der kulturellen Bedeutung und langer Tradition.
«Wir haben immer wieder Kompromissvorschläge gemacht», sagt Hoffmann. «Wir sind bereit, bei der Sicherheit zusammenzuarbeiten und gemeinsam Lösungen zu finden. Aber das Verschwinden der Welle ohne vorherige Diskussion ist keine Lösung.»
Die Stadtratsfraktion der Grünen hat das Thema inzwischen aufgegriffen. «Die Eisbachwelle ist ein identitätsstiftendes Element für München», erklärt Stadträtin Lisa Müller. «Wir werden uns für eine dauerhafte Lösung einsetzen, die sowohl Sicherheitsaspekte berücksichtigt als auch den Erhalt dieser einzigartigen urbanen Sportmöglichkeit sichert.»
Für den lokalen Tourismus bedeutet das Verschwinden der Welle ebenfalls einen Verlust. «Viele unserer Gäste fragen explizit nach der Eisbachwelle», berichtet Thomas König vom Hotel Englischer Garten. «Sie ist ein Highlight auf vielen Stadtführungen und in Reiseführern. Das Surfen mitten in der Stadt hat etwas Faszinierendes, das Menschen aus aller Welt anzieht.»
Die Surfer-Community hat bereits eine Online-Petition gestartet, die innerhalb von 24 Stunden über 5.000 Unterschriften sammelte. Die Forderung: eine dauerhafte, rechtlich abgesicherte Lösung für die Eisbachwelle.
Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter hat sich bislang nicht zum aktuellen Konflikt geäußert. In der Vergangenheit hatte er jedoch Sympathie für die Surfer gezeigt und eine «pragmatische Lösung» in Aussicht gestellt.
Der Streit wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie geht eine Stadt mit spontan entstandenen Kulturphänomenen um? Wann wiegen Sicherheitsbedenken schwerer als kulturelle Bedeutung? Und wie lassen sich rechtliche Rahmenbedingungen schaffen für etwas, das ursprünglich außerhalb dieser Rahmenbedingungen entstanden ist?
Für die Surfer-Community steht fest: Sie werden nicht aufgeben. «Die Welle wird zurückkommen», zeigt sich Max Hoffmann überzeugt. «Sie war schon oft weg und ist immer wiedergekommen. Das ist Teil ihrer Geschichte. Aber diesmal wollen wir eine dauerhafte Lösung.»
Die für Samstag geplante Demonstration soll um 14 Uhr am Eisbach beginnen. Die Organisatoren rechnen mit mehreren hundert Teilnehmern – nicht nur Surfer, sondern auch Unterstützer aus der Münchner Stadtgesellschaft.