In seiner Weihnachtsbotschaft hat der Essener Bischof Dr. Franz Müller für eine maßvolle Anhebung des Renteneintrittsalters plädiert. «Demografischer Wandel und Fachkräftemangel stellen uns vor Herausforderungen, die wir nur gemeinsam bewältigen können», erklärte Müller gestern im Essener Dom vor rund 800 Gläubigen.
Der Bischof betonte, die Solidarität zwischen den Generationen müsse gestärkt werden. «Ein moderater Anstieg des Rentenalters erscheint mir unumgänglich, wenn wir ein gerechtes System für alle Altersgruppen erhalten wollen», so Müller. Gleichzeitig forderte er mehr Flexibilität bei Renteneintrittsregelungen und bessere Arbeitsbedingungen für ältere Beschäftigte.
Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarktforschung fehlen in Deutschland bereits jetzt etwa 400.000 Fachkräfte. Diese Zahl könnte bis 2035 auf über eine Million ansteigen. «Diese Zahlen verdeutlichen, dass wir handeln müssen», betonte der 62-jährige Geistliche.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Müller den körperlich belastenden Berufen. «Maurer, Pflegerinnen oder Handwerker können nicht im gleichen Maße bis ins hohe Alter arbeiten wie Büroangestellte», sagte er. Hier seien differenzierte Lösungen und Übergangsmodelle notwendig.
Seine Äußerungen stießen auf gemischte Reaktionen. Während Renate Schmidt, Vorsitzende des Seniorenbeirats Essen, die «realistische Einschätzung» des Bischofs lobte, kritisierte Gewerkschaftsvertreter Michael Weber den «unpassenden Zeitpunkt» für solche Forderungen.
Der Sozialethiker Prof. Thomas Keller von der Universität Bochum ordnete die Aussagen ein: «Die katholische Soziallehre betont stets das Gemeinwohl. Insofern ist es konsequent, wenn ein Bischof auch unbequeme Themen anspricht.»
In seiner Predigt verknüpfte Müller das Thema mit der Weihnachtsbotschaft: «Die Geburt Jesu erinnert uns daran, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Dies gilt auch für den Generationenvertrag.»
Die Rentenreform gehört zu den umstrittensten politischen Themen in Deutschland. Aktuell liegt das gesetzliche Renteneintrittsalter bei 67 Jahren für Personen, die nach 1964 geboren wurden. Experten diskutieren seit Jahren eine weitere Anhebung angesichts der steigenden Lebenserwartung.
Der Essener Bischof ist nicht der erste Kirchenvertreter, der sich zur Rentendebatte äußert. Bereits 2023 hatte die Deutsche Bischofskonferenz ein Grundsatzpapier veröffentlicht, das eine «generationengerechte Sozialpolitik» forderte.
Neben dem Rententhema sprach Müller in seiner Weihnachtsbotschaft auch über die Situation von Flüchtlingen und den Klimawandel. «In dieser Weihnachtszeit sollten wir nicht nur an uns selbst denken, sondern auch an jene, die unter Krieg, Armut und den Folgen des Klimawandels leiden», sagte er abschließend.