Die schleswig-holsteinische Landesregierung hat scharfe Kritik an der Deutschen Bahn geäußert. Grund dafür ist die Entscheidung des Konzerns, bei der geplanten Generalsanierung der Strecke Hamburg-Berlin auf den Einbau des modernen europäischen Zugleitsystems ETCS zu verzichten. Diese Nachricht sorgt für Unmut in Kiel, da die Modernisierung der Bahninfrastruktur für die Region von großer Bedeutung ist.
«Die Entscheidung der Bahn ist für uns völlig unverständlich und nicht akzeptabel», erklärte Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen gestern im Gespräch mit unserer Redaktion. «Wir hatten fest mit dieser technischen Aufrüstung gerechnet. Ohne ETCS bleiben wir im Bahnverkehr auf einem veralteten Stand.»
Das European Train Control System (ETCS) gilt als Schlüsseltechnologie für einen moderneren und leistungsfähigeren Bahnverkehr. Es ermöglicht eine digitale Steuerung der Züge und kann die Kapazität auf bestehenden Strecken deutlich erhöhen. Auf der stark frequentierten Verbindung zwischen Hamburg und Berlin wäre dies besonders wichtig gewesen.
Die Deutsche Bahn begründet ihre Entscheidung mit Kosten- und Zeitdruck. «Die Generalsanierung muss im vorgegebenen Zeitrahmen bleiben. Der zusätzliche Einbau von ETCS würde den Zeitplan gefährden», teilte ein Bahnsprecher mit. Die Sanierung soll im kommenden Jahr beginnen und für mehrere Monate eine Vollsperrung der Strecke mit sich bringen.
Für Pendler und Reisende aus Schleswig-Holstein bedeutet dies konkrete Nachteile. «Ohne ETCS können wir die Zugfrequenz nicht wie geplant erhöhen. Das hätte mehr Verbindungen und kürzere Reisezeiten bedeutet», erklärt Verkehrsexperte Thomas Müller von der Universität Kiel. «Viele Menschen, die täglich zwischen den Bundesländern pendeln, hätten davon profitiert.»
Die Handelskammer Hamburg sieht in der Entscheidung auch wirtschaftliche Risiken: «Der Hamburger Hafen ist auf leistungsfähige Bahnverbindungen angewiesen. Ohne moderne Signaltechnik werden wir im internationalen Wettbewerb abgehängt», warnt Kammerpräses Norbert Aust.
Besonders ärgerlich für die Landesregierung in Kiel ist der fehlende Dialog. «Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt», kritisiert Minister Madsen. «Von einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit kann so nicht die Rede sein.» Die Landesregierung will nun das Gespräch mit dem Bundesverkehrsministerium suchen, um doch noch eine Änderung zu erreichen.
Bahnexperten weisen darauf hin, dass ein nachträglicher Einbau des ETCS deutlich teurer und komplizierter wäre. «Es ist wirtschaftlich unsinnig, erst die Strecke zu sanieren und dann in wenigen Jahren alles wieder aufzureißen, um die Digitaltechnik nachzurüsten», erläutert Verkehrswissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Weber von der Technischen Universität Hamburg.
Die Debatte fällt in eine Zeit, in der die Bahn ohnehin unter Druck steht. Verspätungen, Zugausfälle und marode Infrastruktur prägen den Alltag vieler Bahnreisender. Die Generalsanierungen sollen eigentlich Abhilfe schaffen. «Aber wenn wir jetzt nicht gleich auf moderne Technik setzen, verpassen wir eine historische Chance», mahnt der schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete Lukas Schmidt.
Fahrgastverbände unterstützen die Kritik aus Kiel. «Wir brauchen einen Bahnverkehr, der mehr Menschen und Güter transportieren kann. ETCS ist dafür unverzichtbar», betont Karin Meyer vom Fahrgastverband Pro Bahn Schleswig-Holstein. «Die Entscheidung der Bahn ist kurzsichtig und geht zu Lasten der Fahrgäste.»
Die Diskussion um den Verzicht auf ETCS zeigt ein grundsätzliches Problem: Während andere europäische Länder wie die Schweiz oder Dänemark konsequent auf Digitalisierung im Bahnverkehr setzen, hinkt Deutschland hinterher. «Wir reparieren die alten Systeme, statt mutig in die Zukunft zu investieren», kritisiert Verkehrsexperte Müller.
Für die Reisenden bedeutet die aktuelle Entwicklung, dass sie sich auch nach der aufwändigen Sanierung auf keine wesentlichen Verbesserungen im Bahnverkehr zwischen Hamburg und Berlin einstellen können. Die Hoffnung auf einen moderneren, zuverlässigeren und leistungsfähigeren Zugverkehr wird vorerst enttäuscht.