Die Münchner Opernwelt glänzt wieder in traditionellem Gewand. Bei der gestrigen Premiere von Gounods «Faust» an der Bayerischen Staatsoper erlebten wir eine wohltuend klassische Inszenierung. Inmitten einer Zeit experimenteller Neuinterpretationen wirkte der Abend wie ein Spaziergang durch ein Museum der Operngeschichte – perfekt kuratiert und zeitlos elegant.
Die Bühne verwandelte sich in ein atmosphärisches 19. Jahrhundert mit detailverliebten Kostümen und handgearbeitetem Bühnenbild. Dabei gelang dem Regieteam das Kunststück, nicht verstaubt zu wirken. Die Geschichte um Faust und seinen Pakt mit dem Teufel entfaltete ihre zeitlose Faszination. Dirigent Andreas Müller führte das Orchester mit Feingefühl durch Gounods romantische Partitur.
«Wir wollten bewusst zur Essenz des Werkes zurückkehren», erklärte Intendant Marcus Weber im Gespräch. «Manchmal braucht es den Mut zum Klassischen.» Diese Haltung teilten offenbar viele Zuschauer. Nach Jahren konzeptioneller Überfrachtung empfand ich die klare Erzählweise als befreiend. Bei der Kirchenszene im dritten Akt hatte ich tatsächlich Gänsehaut – ein seltenes Gefühl bei zeitgenössischen Inszenierungen.
In Zeiten, wo Provokation oft als einziger Weg zur Relevanz gilt, beweist diese Produktion das Gegenteil. Sie erinnert uns daran, dass große Kunst keine ständige Neuerfindung braucht. Manchmal liegt ihre Kraft gerade in der behutsamen Bewahrung dessen, was Generationen von Menschen berührt hat.