In den frühen Morgenstunden dröhnen bereits wieder die ersten Flugzeuge über die Frankfurter Stadtteile. Für viele Anwohner beginnt damit ein weiterer Tag voller Lärmbelastung. Seit Jahrzehnten kämpfen Bürgerinitiativen für besseren Lärmschutz am Frankfurter Flughafen – doch 2024 formiert sich neuer Widerstand mit konkreten Forderungen.
«Die Belastungsgrenze ist längst überschritten», erklärt Thomas Müller von der Bürgerinitiative «Fluglärm stoppen». Der 58-jährige Sachsenhäuser lebt seit über 30 Jahren unter einer der Einflugschneisen. «Was wir jetzt brauchen, sind keine weiteren Versprechungen, sondern verbindliche gesetzliche Regelungen, die die Gesundheit der Anwohner schützen.»
Die Allianz der Bürgerinitiativen gegen Fluglärm im Rhein-Main-Gebiet hat nun ein umfassendes Forderungspaket vorgestellt. Im Mittelpunkt steht die Ausweitung der Nachtruhe von derzeit 23 bis 5 Uhr auf 22 bis 6 Uhr. Nach aktuellen Messungen liegt die Lärmbelastung in betroffenen Wohngebieten wie Sachsenhausen oder Flörsheim regelmäßig über 65 Dezibel – vergleichbar mit einer stark befahrenen Straße.
Für Dr. Angelika Weber, Medizinerin aus Offenbach, ist die gesundheitliche Dimension des Problems entscheidend: «Wir sehen in unserer Praxis immer mehr Patienten mit stressbedingten Erkrankungen, Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Problemen. Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig: Dauerhafter Fluglärm macht krank.»
Die Forderungen der Initiativen gehen weit über die Nachtruhe hinaus. So verlangen sie strengere Grenzwerte für den Tageslärm, ein verbindliches Lärmkontingent für den Flughafen und finanzielle Sanktionen bei Verstößen. Auch ein verbesserter Schallschutz für Wohngebäude steht auf der Agenda. Die Kosten dafür sollen vollständig vom Flughafenbetreiber Fraport übernommen werden.
Der Flughafenbetreiber verweist hingegen auf bereits erreichte Verbesserungen. «Wir haben in den letzten Jahren erheblich in lärmärmere Verfahren und Technik investiert», betont Fraport-Sprecherin Sabine Lehmann. «Zudem halten wir uns strikt an die bestehenden gesetzlichen Vorgaben.» Die Nachtflugbeschränkungen am Frankfurter Flughafen gehörten bereits zu den strengsten in Europa.
Doch die Initiativen sehen darin nur Augenwischerei. «Die Anzahl der Flugbewegungen hat seit der Corona-Pandemie wieder deutlich zugenommen», kontert Michael Schmidt vom Bündnis der Bürgerinitiativen. «Mit über 1.500 Starts und Landungen an Spitzentagen ist der Lärm für viele Menschen unerträglich geworden.»
Die Forderungen fallen in eine Zeit, in der auch die Politik das Thema wieder entdeckt. Im hessischen Landtag haben mehrere Fraktionen Anträge zum verbesserten Lärmschutz eingebracht. Die Grünen fordern eine striktere Begrenzung der Flugbewegungen, während die SPD auf erweiterte Nachtflugverbote drängt.
Oberbürgermeister Mike Josef hat das Thema ebenfalls auf seiner Agenda: «Frankfurt braucht seinen Flughafen, aber die Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Schutz der Bevölkerung muss gewahrt bleiben.» Er hat einen runden Tisch mit Vertretern der Bürgerinitiativen, des Flughafens und der Politik angekündigt.
Für die betroffenen Anwohner geht es um mehr als nur Lärm. Karin Schmidt aus Niederrad schildert: «Wir können im Sommer kaum noch im Garten sitzen. Gespräche werden ständig unterbrochen, und nachts schrecke ich regelmäßig aus dem Schlaf hoch.» Besonders frustrierend sei, dass Beschwerden scheinbar wirkungslos blieben.
Die Initiativen haben für die kommenden Monate mehrere Demonstrationen und Informationsveranstaltungen angekündigt. «Wir werden nicht nachlassen, bis sich die Situation spürbar verbessert», kündigt Thomas Müller an. Eine Großdemonstration ist für September am Terminal 1 geplant, zu der tausende Teilnehmer erwartet werden.
Experten sehen durchaus Chancen für die Forderungen. «Das Bewusstsein für Umwelt- und Gesundheitsthemen ist in der Bevölkerung deutlich gestiegen», analysiert Professor Dr. Claudia Wagner von der Universität Frankfurt, die zu Umweltrecht forscht. «Zudem zeigen Beispiele aus anderen europäischen Ländern, dass strengere Lärmschutzmaßnahmen durchaus mit wirtschaftlichen Interessen vereinbar sind.»
Die Diskussion um den Fluglärm in Frankfurt ist auch Teil einer größeren Debatte um die Zukunft des Luftverkehrs. Während die Branche nach der Pandemie wieder wächst, stehen Themen wie Klimaschutz und Lebensqualität stärker im Fokus der Öffentlichkeit.
Ob die Forderungen der Bürgerinitiativen diesmal mehr Erfolg haben werden, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass der Konflikt zwischen Flughafen und Anwohnern in eine neue, möglicherweise entscheidende Phase geht. Für die Menschen unter den Einflugschneisen ist es ein Kampf für ihr Recht auf Gesundheit und Lebensqualität – ein Kampf, den sie nicht aufzugeben bereit sind.