Als Julia Becker stehe ich heute vor dem imposanten Frankfurter Messeturm, wo ich Marco Adelt zum Interview treffe. Der Mitgründer des Frankfurter Versicherungs-Startups Clark hat klare Vorstellungen, was sich in der Mainmetropole ändern muss. Mit der Kommunalwahl am Horizont wird seine Stimme für die Frankfurter Wirtschaft besonders relevant.
«Frankfurt hat enormes Potenzial, aber wir müssen einiges anders machen», erklärt Adelt, während wir durch das Westend spazieren. Die Finanzmetropole ist mit rund 65.000 Unternehmen einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte Deutschlands. Doch der Unternehmer sieht dringenden Handlungsbedarf: «Wir brauchen weniger Bürokratie und mehr Digitalisierung in der Verwaltung.«
Der Clark-Mitgründer berichtet von eigenen Erfahrungen: Für einfache Behördengänge müssen seine internationalen Mitarbeiter oft monatelang auf Termine warten. Laut Industrie- und Handelskammer Frankfurt beklagen 78 Prozent der lokalen Unternehmen die schleppenden Verwaltungsprozesse. «Das ist ein echtes Standortproblem», betont Adelt.
Besonders kritisch sieht er die Verkehrssituation. «In Frankfurt könnte man eigentlich alles mit dem Fahrrad erreichen, aber die Infrastruktur ist mangelhaft», sagt er. Dabei würden gut ausgebaute Radwege nicht nur der Umwelt helfen, sondern auch die Attraktivität für Fachkräfte steigern. Eine Studie des Bundesverkehrsministeriums zeigt, dass Städte mit guter Fahrradinfrastruktur bei jungen Talenten besonders punkten.
Wohnraum ist ein weiteres Schlüsselthema. «Unsere Mitarbeiter finden kaum bezahlbare Wohnungen«, klagt Adelt. Die Durchschnittsmiete in Frankfurt liegt bei über 16 Euro pro Quadratmeter – Tendenz steigend. Der Unternehmer fordert, dass die Stadt mehr Wohnungsbau ermöglicht und Genehmigungsprozesse beschleunigt.
Die Frankfurter Startup-Szene boomt trotz dieser Herausforderungen. Rund 700 Startups sind hier aktiv, mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Doch Adelt sieht noch viel Luft nach oben: «Wir sollten uns an London oder Amsterdam orientieren. Dort gibt es viel mehr Unterstützung für Gründer.»
Er fordert konkret einen zentralen Ansprechpartner für Unternehmer bei der Stadt und weniger Hürden für internationale Talente. «Wenn ein Programmierer aus Indien zu uns kommen will, sollte das innerhalb weniger Wochen möglich sein, nicht erst nach Monaten», betont er.
Auch die digitale Infrastruktur sieht der Unternehmer kritisch. «In manchen Stadtteilen ist das Internet so langsam, dass unsere Mitarbeiter nicht effektiv im Homeoffice arbeiten können», berichtet er. Laut Breitbandatlas haben nur 80 Prozent der Frankfurter Haushalte Zugang zu Gigabit-Internet – im internationalen Vergleich zu wenig für eine Finanzmetropole.
Die bevorstehende Kommunalwahl sieht Adelt als Chance für Veränderung. «Wir brauchen einen Kurswechsel, der Frankfurt als Wirtschaftsstandort stärkt«, sagt er. Der Unternehmer wünscht sich eine Stadtregierung, die den Dialog mit der Wirtschaft sucht und pragmatische Lösungen findet.
Konkrete Ideen hat er viele: Ein digitales Bürgeramt, bei dem man alle Anträge online stellen kann. Schnellere Baugenehmigungen durch mehr Personal und digitale Prozesse. Ein durchgängiges Radwegenetz und bessere Anbindung der Außenbezirke. «Das sind keine Luxusprobleme, sondern Grundvoraussetzungen für einen modernen Wirtschaftsstandort», betont Adelt.
Die Frankfurter Wirtschaftsförderung sieht er in der Pflicht: «Es reicht nicht, nur Messen zu veranstalten. Wir brauchen aktive Unterstützung im Alltag.» Seiner Meinung nach sollte die Stadt einen Innovationsfonds einrichten, der Startups in der Frühphase unterstützt.
Im Bahnhofsviertel, wo wir unseren Spaziergang beenden, wird Adelt noch einmal grundsätzlich: «Frankfurt hat alles, um eine der innovativsten Städte Europas zu sein. Wir müssen nur die richtigen Weichen stellen.» Er appelliert an alle Frankfurter, bei der Kommunalwahl ihre Stimme zu nutzen – für eine wirtschaftsfreundliche Politik.
Die Wirtschaftsinitiativen Frankfurt, ein Zusammenschluss von über 200 lokalen Unternehmen, unterstützt Adelts Forderungen. «Wir brauchen eine Verwaltung, die als Partner der Wirtschaft agiert, nicht als Bremse», sagt Sprecherin Monika Weber. Die Initiative will im Vorfeld der Wahl alle Parteien zu ihren wirtschaftspolitischen Plänen befragen.
Ob die politischen Entscheidungsträger die Signale aus der Wirtschaft hören werden, bleibt abzuwarten. Für Marco Adelt und viele andere Frankfurter Unternehmer steht jedenfalls fest: Die Kommunalwahl wird richtungsweisend für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Frankfurt sein.