Geheime Orte in München: Eine Stadtführerin verrät ihre verborgenen Perlen
In München gibt es sie noch: versteckte Winkel und unbekannte Orte, die selbst viele Einheimische nicht kennen. Zwischen den bekannten Touristenmagneten wie dem Marienplatz oder dem Englischen Garten verbergen sich kleine Schätze, die auf ihre Entdeckung warten. Die Münchnerin Barbara Schild, die seit 15 Jahren als Stadtführerin arbeitet, kennt diese geheimen Orte und teilt heute einige ihrer Lieblingsentdeckungen.
Die unbekannte Gasse hinter dem Rathaus
«Viele Münchner gehen täglich am Marienplatz vorbei, aber kaum jemand kennt die kleine Ganghoferstraße dahinter», erzählt Schild. Die schmale Gasse führt zwischen alten Häuserfassaden hindurch und bietet einen völlig anderen Blick auf das Herz der Altstadt. «Hier stehen noch Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, deren Fassaden die Bombennächte überstanden haben. Man taucht plötzlich in ein anderes München ein.»
Besonders schön ist der kleine Brunnen am Ende der Gasse, der an heißen Sommertagen erfrischende Kühle bietet. «Wenn die Touristenmassen am Marienplatz dem Glockenspiel lauschen, sitze ich manchmal hier und genieße die Stille, nur zehn Meter von der Hektik entfernt», schwärmt die Stadtführerin.
Der versteckte Stadtpalast
Ein wahres Juwel befindet sich in der Prannerstraße – ein Stadtpalast aus dem Barock, den viele Münchner nie von innen gesehen haben. «Der Innenhof ist eigentlich öffentlich zugänglich, aber ein dezentes Schild hält viele davon ab, einzutreten», erklärt Schild. Dabei lohnt sich der Blick durch das schmiedeeiserne Tor: Ein prächtiger Innenhof mit Brunnen und kunstvollen Verzierungen erwartet die Besucher.
«In den Sommermonaten finden hier manchmal kleine Konzerte statt, von denen fast nur Anwohner wissen. Die Akustik ist fantastisch, und man sitzt zwischen jahrhundertealten Mauern unter freiem Himmel.»
Münchens vergessene Kanäle
«München wurde auf Wasser gebaut, aber die meisten Besucher nehmen das gar nicht wahr», sagt Schild. Die Stadt durchzieht ein Netzwerk aus kleinen Kanälen, den sogenannten Stadtbächen, die früher Mühlen antrieben und Handwerksbetriebe mit Wasser versorgten.
An der Ecke Maximiliansplatz gibt es einen Zugang zu einem dieser Bäche. «Wenn man die schmale Treppe hinabsteigt, steht man plötzlich am Wasser, umgeben von altem Gemäuer und hört das Plätschern. Es fühlt sich an, als wäre man nicht mehr in der Großstadt, sondern in einer anderen Welt oder Zeit.»
Der geheime Garten
Im Stadtteil Haidhausen versteckt sich einer der schönsten kleinen Gärten Münchens. «Zwischen den Häusern der Kirchenstraße liegt ein öffentlicher Garten, den die Anwohner liebevoll pflegen», verrät die Stadtführerin. «Es gibt Bänke unter alten Apfelbäumen, Rosenbeete und sogar einen kleinen Teich mit Fröschen.»
Der Garten ist offiziell öffentlich, aber so versteckt, dass ihn kaum jemand findet, der nicht zufällig daran vorbeikommt oder von Einheimischen eingeweiht wurde. «Für mich ist das ein Ort der Ruhe mitten in der Stadt. Manchmal bringe ich ein Buch mit und lese hier stundenlang.»
Die vergessene Kapelle
In einer Seitenstraße nahe der Frauenkirche steht eine kleine Kapelle, die selbst vielen Kirchgängern unbekannt ist. «Sie wurde im 18. Jahrhundert erbaut und nach den Kriegszerstörungen liebevoll restauriert», erklärt Schild. «Das Besondere sind die Fresken an der Decke, die Szenen aus dem alten München zeigen.»
Die Kapelle ist nur zu bestimmten Zeiten geöffnet, meistens vormittags. «Wenn Sonnenlicht durch die kleinen bunten Fenster fällt, taucht es den Raum in ein besonderes Licht. Es ist ein magischer Ort.»
Münchner Hinterhofkultur
Ein besonderes Phänomen in München sind die Hinterhöfe. «Viele Häuser in der Altstadt haben wunderschöne Innenhöfe, die man von der Straße aus nicht erahnt», sagt die Stadtführerin. Einige davon beherbergen kleine Werkstätten, in denen traditionelles Handwerk noch lebendig ist.
«In der Buttermelcherstraße gibt es einen Hof mit einer kleinen Buchbinderei, die seit drei Generationen besteht. Der Meister zeigt Interessierten gerne sein Handwerk, wenn man höflich fragt. Solche authentischen Orte machen für mich das wahre München aus.»
Die geheime Aussichtsplattform
Während Touristen auf den Turm der Frauenkirche oder den Alten Peter steigen, kennt Schild einen viel weniger bekannten Ort mit fantastischem Blick über die Stadt. «Im Stadtteil Au gibt es ein ehemaliges Industriegebäude mit einer frei zugänglichen Terrasse im siebten Stock. Von hier aus sieht man die Alpen und die gesamte Altstadt, ohne Eintritt zu zahlen oder Schlange zu stehen.»
Der Ort ist so unbekannt, dass sich selbst an sonnigen Wochenenden nur wenige Menschen hier versammeln. «Manchmal treffe ich hier andere Stadtführer – wir zwinkern uns zu und verraten den Ort nicht weiter», lacht Schild.
Das versteckte Künstlerviertel
«In Schwabing kennt jeder die berühmten Künstlercafés, aber das eigentliche Künstlerviertel hat sich längst verlagert», verrät die Stadtführerin. In den Hinterhöfen rund um die Heßstraße haben sich zahlreiche Ateliers und kleine Galerien angesiedelt.
«Zweimal im Jahr gibt es die ‹Offenen Ateliers›, dann kann man überall hineinschauen und mit den Künstlern ins Gespräch kommen. Aber auch sonst sind viele Werkstätten nach Voranmeldung zu besichtigen. Hier entsteht die Kunst von morgen.»
Der besondere Tipp der Stadtführerin
Auf die Frage nach ihrem absoluten Geheimtipp muss Barbara Schild nicht lange überlegen: «Die Praterinsel! Obwohl sie mitten in der Stadt liegt, verirren sich kaum Touristen hierher. Die kleine Insel in der Isar hat eine faszinierende Geschichte als ehemaliger Industriestandort.»
Heute befinden sich auf der Insel neben einem bekannten Club auch ruhige Ecken mit Blick auf die Isar und die Museumsinsel. «Am nördlichen Ende gibt es eine kleine Wiese, die kaum jemand kennt. Hier sitze ich oft in der Mittagspause, höre das Rauschen der Isar und sehe die Türme der Altstadt. Für mich ist das der schönste Ort in München.»
Mit ihren Tipps möchte die Stadtführerin dazu anregen, München abseits der bekannten Pfade zu erkunden. «Die Stadt hat so viel mehr zu bieten als die Seiten der Reiseführer zeigen. Man muss nur die Augen offen halten und manchmal um die Ecke schauen.»