Der öffentliche Nahverkehr in Hamburg steht erneut vor massiven Beeinträchtigungen. Die Gewerkschaft Verdi hat für Donnerstagmorgen zu einem 24-stündigen Warnstreik bei der Hamburger Hochbahn aufgerufen. Busse und U-Bahnen werden den ganzen Tag über stillstehen. Für Hunderttausende Pendler bedeutet das: Sie müssen sich alternative Wege zur Arbeit, zur Schule oder zu Terminen suchen.
Der Konflikt zwischen Verdi und der Hochbahn zieht sich bereits über Wochen hin. Schon Ende Februar hatte ein 48-stündiger Streik die Stadt lahmgelegt. Die Menschen in Hamburg kennen das Bild: Leere Haltestellen, überfüllte S-Bahnen, verstopfte Straßen. Diesmal trifft es wieder die Beschäftigten der Hochbahn – die Fahrer von U-Bahnen und Bussen legen ihre Arbeit nieder.
Nicht betroffen von dem Streik sind die Busse der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein, die S-Bahnen und die Hafenfähren. Diese Verkehrsmittel fahren wie gewohnt. Doch das reicht bei weitem nicht aus, um die Lücke zu füllen. Die Hochbahn befördert täglich unzählige Menschen durch die Hansestadt. Wenn ihre Fahrzeuge stillstehen, spürt das die gesamte Stadt.
Der Streit um Geld und Zeit
Im Kern geht es um zwei Punkte: Wie viel mehr Geld bekommen die Beschäftigten? Und über welchen Zeitraum läuft der neue Tarifvertrag? Vor einer Woche saßen Verdi und die Hochbahn wieder am Verhandlungstisch. Wieder gab es keine Einigung.
Die Hochbahn hatte nach eigenen Angaben ein verbessertes Angebot vorgelegt. Bis zu 8,1 Prozent mehr Gehalt sollten die Beschäftigten bekommen – allerdings verteilt über mehrere Schritte. Der Haken aus Sicht der Gewerkschaft: Die Laufzeit des Vertrags sollte 30 Monate betragen. Zweieinhalb Jahre sind in Zeiten hoher Inflation eine lange Zeit.
Verdi konterte mit einem Kompromissangebot. Die Gewerkschaft fordert eine Erhöhung von 3,4 Prozent, mindestens aber 150 Euro im Monat. Das klingt zunächst moderater als das Angebot der Hochbahn. Doch die Gewerkschaft besteht auf einer Laufzeit von nur zwölf Monaten. Nach einem Jahr könnte dann neu verhandelt werden.
„Die Kolleginnen und Kollegen brauchen eine Perspektive, die zur aktuellen Teuerung passt», erklärt ein Verdi-Sprecher die Position. Gerade Beschäftigte mit niedrigeren Einkommen würden von der Mindesterhöhung von 150 Euro besonders profitieren. Eine lange Laufzeit würde bedeuten, dass bei anhaltend hoher Inflation die Reallöhne weiter sinken.
Die Hochbahn sieht das anders. Planungssicherheit sei wichtig – für das Unternehmen und letztlich auch für die Beschäftigten. Ein kürzerer Tarifvertrag bedeute ständige Unsicherheit und möglicherweise wiederkehrende Konflikte. Das verunsichere auch die Fahrgäste.
Alltag im Ausnahmezustand
Für die Hamburgerinnen und Hamburger bedeutet der Streik vor allem eins: Chaos im Alltag. Wer normalerweise mit der U3 vom Barmbek ins Rathaus fährt, muss umdenken. Wer in Harburg wohnt und in der HafenCity arbeitet, braucht einen Plan B.
Die S-Bahnen werden überfüllt sein. Auf den Straßen drohen Staus. Fahrgemeinschaften werden organisiert, Fahrräder aus dem Keller geholt. Manche werden früher aufstehen müssen, andere können vielleicht im Homeoffice arbeiten. Doch nicht alle haben diese Möglichkeit.
Besonders hart trifft es Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Für sie sind barrierefreie öffentliche Verkehrsmittel oft die einzige Möglichkeit, mobil zu sein. Auch Eltern mit kleinen Kindern stehen vor Herausforderungen. Den Kinderwagen in überfüllte S-Bahnen zu quetschen ist kein Vergnügen.
Schülerinnen und Schüler müssen schauen, wie sie zur Schule kommen. Manche Schulen haben bereits angekündigt, Verständnis zu haben, wenn Kinder zu spät kommen. Doch das ist nur ein schwacher Trost für Familien, die morgens unter Zeitdruck stehen.
Auch die Wirtschaft spürt solche Streiks. Mitarbeiter kommen zu spät, Kunden bleiben aus, Lieferungen verzögern sich. Kleine Läden in Stadtteilen wie Eimsbüttel oder Winterhude merken schnell, wenn weniger Menschen unterwegs sind.
Verhandlungen mit der VHH vertagt
Parallel zum Hochbahn-Konflikt laufen auch Gespräche mit den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein. Am Freitag saßen Verdi und VHH zusammen. Die Verhandlungen wurden am Abend unterbrochen und auf diesen Mittwoch vertagt.
Eine Gewerkschaftssprecherin bestätigte den Termin. Man hoffe auf Bewegung in den Gesprächen. Die Beschäftigten der VHH haben ähnliche Forderungen wie die Hochbahn-Kollegen. Auch hier geht es um faire Bezahlung und überschaubare Vertragslaufzeiten.
Die VHH betreibt vor allem Buslinien im Hamburger Umland und in einigen Stadtteilen. Wenn auch dort gestreikt würde, wäre das Verkehrschaos noch größer. Bisher sind die VHH-Busse vom Donnerstag-Streik ausgenommen. Ob das so bleibt, hängt vom Ausgang der Mittwochsverhandlungen ab.
Warum streiken die Beschäftigten?
Hinter den nüchternen Zahlen und Verhandlungspositionen stehen Menschen. Busfahrerinnen, die im Schichtdienst arbeiten. U-Bahn-Fahrer, die früh morgens und spät abends unterwegs sind. Beschäftigte in Werkstätten und Verwaltung, die den Betrieb am Laufen halten.
Viele von ihnen haben in den letzten Jahren viel geleistet. Während der Corona-Pandemie hielten sie den Verkehr aufrecht, als viele andere im Homeoffice saßen. Sie hatten täglich Kontakt mit Menschen, trugen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko. Applaus gab es damals viel, bei der Bezahlung sehen sie sich heute zu wenig wertgeschätzt.
Die Inflation der letzten zwei Jahre hat bei vielen Haushalten tiefe Spuren hinterlassen. Lebensmittel kosten mehr, Energie ist teurer geworden, Mieten steigen. Mit dem gleichen Gehalt kommt man nicht mehr so weit wie früher.
„Wir wollen einfach, dass unsere Arbeit anerkannt wird», sagt eine Busfahrerin, die seit 15 Jahren bei der Hochbahn arbeitet. „Wir sorgen dafür, dass die Stadt sich bewegt. Das sollte auch bei unserem Gehalt ankommen.»
Die Gewerkschaft argumentiert, dass gerade in systemrelevanten Berufen faire Bezahlung wichtig sei. Sonst drohe Fachkräftemangel. Schon jetzt sei es schwierig, genügend Fahrerinnen und Fahrer zu finden. Wenn die Bedingungen nicht stimmen, würden sich noch weniger Menschen für den Beruf entscheiden.
Die Perspektive der Hochbahn
Die Hochbahn sieht sich in einer schwierigen Lage. Als öffentliches Unternehmen ist sie nicht gewinnorientiert. Die Einnahmen aus Ticketverkäufen decken nicht alle Kosten. Die Stadt Hamburg muss zuschießen.
Höhere Personalkosten bedeuten entweder höhere Zuschüsse oder Einsparungen an anderer Stelle. Vielleicht müssten Investitionen in neue Fahrzeuge verschoben werden. Oder geplante Streckenausbauten verzögern sich.
Gleichzeitig will die Hochbahn attraktiver Arbeitgeber bleiben. Das Unternehmen betont, dass das vorgelegte Angebot mit 8,1 Prozent durchaus substanziell sei. Über zweieinhalb Jahre verteilt bedeute das Planbarkeit für alle Seiten.
„Wir haben ein faires Angebot gemacht», sagt ein Sprecher der Hochbahn. „Aber wir müssen auch wirtschaftlich denken. Wir sind Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und tragen Verantwortung.»
Die unterschiedlichen Zeitvorstellungen sind das größte Hindernis. Verdi will Flexibilität durch kurze Laufzeiten. Die Hochbahn will Stabilität durch längere Bindung. Dazwischen liegt noch viel Verhandlungsraum – oder Konfliktpotenzial.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Der Donnerstag-Streik ist ein Warnstreik. Er soll Druck aufbauen, aber nicht endgültig sein. Die Verhandlungen gehen weiter. Beide Seiten wissen, dass eine Lösung gefunden werden muss.
Doch wie lange dauert das noch? Und wie viele Streiktage werden die Hamburgerinnen und Hamburger noch erleben müssen? Das hängt davon ab, ob Kompromissbereitschaft wächst.
Verdi könnte sich vorstellen, bei der Laufzeit etwas nachzugeben, wenn die Erhöhungen höher ausfallen. Die Hochbahn könnte eine kürzere Laufzeit akzeptieren, wenn dafür die Prozentzahlen moderater bleiben. Irgendwo dazwischen liegt die Lösung.
Solche Tarifkonflikte sind Teil der demokratischen Aushandlung von Arbeitsbedingungen. Streikrecht ist ein wichtiges Gut. Gleichzeitig leiden viele unbeteiligte Menschen unter den Folgen. Das ist die schwierige Balance.
Hamburg braucht einen funktionierenden Nahverkehr. Die Stadt wächst, der Verkehr nimmt zu. Immer mehr Menschen sollen vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen – das ist das erklärte Ziel der Verkehrswende. Dafür braucht es gut bezahlte, motivierte Beschäftigte und einen verlässlichen Service.
Am Ende werden beide Seiten aufeinander zugehen müssen. Die Beschäftigten haben berechtigte Forderungen. Das Unternehmen hat berechtigte Sorgen um die Finanzierbarkeit. Irgendwo in der Mitte muss eine Einigung möglich sein.
Bis dahin heißt es für die Hamburger: Geduld haben, flexibel bleiben und vielleicht mal das Fahrrad nehmen. Der Donnerstag wird ein anstrengender Tag für alle, die in dieser Stadt unterwegs sein müssen. Aber vielleicht bringt er die Tarifparteien auch einen Schritt näher zur Lösung.