Die Hamburger Wirtschaft erlebt derzeit eine beunruhigende Entwicklung. Im ersten Quartal 2024 wurden insgesamt 302 Unternehmensinsolvenzen registriert – ein Anstieg von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dies geht aus neuen Daten des Statistikamts Nord hervor.
Besonders stark betroffen ist das Baugewerbe mit 49 Insolvenzen, gefolgt vom Handel mit 43 Fällen. Auch das Gastgewerbe durchlebt schwierige Zeiten und verzeichnet 42 Pleiten. «Die Situation im Gastgewerbe ist besonders angespannt», erklärt Franz Müller, Wirtschaftsexperte der Handelskammer Hamburg. «Steigende Betriebskosten, Personalmangel und die Nachwirkungen der Corona-Pandemie setzen vielen Betrieben zu.»
Der Anstieg der Insolvenzen betrifft nicht nur etablierte Unternehmen. Auch junge Firmen kämpfen ums Überleben. Die durchschnittliche «Lebensdauer» der insolventen Unternehmen lag bei etwa sieben Jahren. Die Zahlen zeigen: Besonders junge Unternehmen, die während oder kurz nach der Pandemie gegründet wurden, haben es schwer, am Markt zu bestehen.
Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Die Forderungen der Gläubiger belaufen sich auf etwa 293 Millionen Euro. Hinter dieser Summe stehen nicht nur finanzielle Verluste, sondern auch menschliche Schicksale. Schätzungsweise 1.800 Arbeitsplätze sind durch die Insolvenzen gefährdet oder bereits verloren gegangen.
«Wir beobachten eine besorgniserregende Entwicklung in mehreren Schlüsselbranchen», sagt Dr. Petra Schmidt, Wirtschaftsforscherin an der Universität Hamburg. «Neben den klassischen Problemfeldern wie dem Baugewerbe sehen wir zunehmend Schwierigkeiten in Bereichen, die bisher als stabil galten.»
Auch die freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleister spüren den wirtschaftlichen Druck. Mit 30 Insolvenzen in diesem Bereich zeigt sich, dass die Krise inzwischen auch wissensintensive Branchen erreicht hat. Dies könnte ein Warnsignal für die gesamte Hamburger Wirtschaft sein.
Der Immobiliensektor leidet besonders unter den gestiegenen Zinsen und den hohen Baukosten. «Viele Projekte, die vor zwei Jahren noch rentabel erschienen, sind heute nicht mehr finanzierbar», erklärt Thomas Weber vom Verband der Immobilienwirtschaft. «Wir sehen eine Kettenreaktion: Wenn Bauunternehmen in Schieflage geraten, trifft es bald auch Zulieferer und Dienstleister.»
Auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind besonders gefährdet. Die Daten zeigen, dass 82 Prozent der insolventen Unternehmen weniger als sechs Beschäftigte hatten. Diese kleinen Betriebe verfügen oft nicht über ausreichende finanzielle Reserven, um längere Durststrecken zu überstehen.
Stadtteilweise zeigen sich Unterschiede in der Verteilung der Insolvenzen. In den Bezirken Mitte und Altona sind besonders viele gastronomische Betriebe betroffen, während in Bergedorf und Harburg vermehrt Handwerksbetriebe Insolvenz anmelden mussten.
Die Hamburger Politik reagiert mit verschiedenen Maßnahmen auf die steigende Zahl der Insolvenzen. Ein Soforthilfeprogramm für besonders betroffene Branchen ist in Planung. «Wir müssen jetzt handeln, um eine weitere Verschärfung der Situation zu verhindern», betont Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. «Besonders wichtig ist es, die Liquidität der Unternehmen zu sichern.»
Experten empfehlen betroffenen Unternehmern, frühzeitig Hilfe zu suchen. «Viele melden erst Insolvenz an, wenn es eigentlich schon zu spät ist», sagt Insolvenzberater Andreas Klein. «Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten der Sanierung, wenn man rechtzeitig handelt.» Die Handelskammer Hamburg bietet kostenlose Erstberatungen für Unternehmen in Schwierigkeiten an.
Für die Zukunft erwarten Wirtschaftsforscher keine schnelle Entspannung. «Wir rechnen damit, dass die Zahl der Insolvenzen im Jahr 2024 weiter steigen wird», prognostiziert Dr. Schmidt. «Besonders im Baugewerbe und in der Gastronomie dürfte sich die Lage weiter verschärfen.»
Trotz der alarmierenden Zahlen gibt es auch positive Signale. Einige Branchen, wie der IT-Sektor und die Gesundheitswirtschaft, verzeichnen weniger Insolvenzen und zeigen sich widerstandsfähiger gegenüber der wirtschaftlichen Unsicherheit. Dies könnte Hinweise auf zukunftsfähige Geschäftsmodelle geben.
Für Hamburgs Wirtschaft bleibt die Situation herausfordernd. Der starke Anstieg der Insolvenzen zeigt strukturelle Probleme in mehreren wichtigen Branchen. Die nächsten Monate werden entscheidend sein, ob sich dieser Trend fortsetzt oder ob die eingeleiteten Maßnahmen greifen.