Der Bezirk Hamburg-Mitte steht vor einem bedeutenden Wandel. Zahlreiche Bauprojekte werden das Gesicht unserer Stadtmitte in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Als langjährige Beobachterin der Hamburger Stadtentwicklung konnte ich bei mehreren Stadtratssitzungen und in Gesprächen mit Verantwortlichen wichtige Einblicke gewinnen.
Neuer Wohnturm prägt die Skyline
Ein prägendes Bauprojekt wird der neue Wohnturm am Eingang der HafenCity. Mit 18 Stockwerken soll er etwa 200 Wohnungen bieten, davon rund ein Drittel als geförderter Wohnraum. «Wir schaffen dringend benötigten Wohnraum in zentraler Lage und achten gleichzeitig auf soziale Durchmischung», erklärt Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer während einer Präsentation im Stadtentwicklungsausschuss.
Bei einem Rundgang durch das betreffende Gebiet konnte ich beobachten, wie bereits vorbereitende Maßnahmen getroffen werden. Die Bauarbeiten sollen Anfang 2025 beginnen, mit einer Fertigstellung wird für Ende 2026 gerechnet.
Brücke verbindet Stadtteile neu
Ein weiteres Leuchtturmprojekt ist eine neue Fußgänger- und Radfahrerbrücke, die den Hauptbahnhof direkter mit dem Münzviertel verbinden wird. Die 120 Meter lange Konstruktion überwindet die trennende Wirkung der Bahngleise und verkürzt Wege erheblich.
«Diese Brücke ist mehr als nur ein Bauwerk – sie ist ein Symbol für das Zusammenwachsen unserer Stadtteile», betonte Senatorin Karen Pein bei der Vorstellung der Pläne. Mit Baukosten von rund 8,5 Millionen Euro ist es ein kostspieliges, aber aus Sicht vieler Anwohner notwendiges Projekt. Bei einer Bürgeranhörung im Münzviertel wurde deutlich, wie sehr die Menschen auf diese Verbindung warten.
Autofreies Quartier entsteht
Besonders innovativ ist das Konzept eines komplett autofreien Quartiers nahe des Berliner Tors. Auf dem ehemaligen Gewerbeareal entstehen 350 Wohnungen ohne einen einzigen Pkw-Stellplatz. Stattdessen sind umfangreiche Fahrradstellplätze, Sharing-Angebote und eine optimierte ÖPNV-Anbindung geplant.
«Wir brauchen Modellprojekte, die zeigen, wie urbanes Leben ohne private Autos funktionieren kann», erklärt Stadtplanerin Dr. Anja Weiß vom Hamburger Stadtentwicklungsinstitut. «Die Nachfrage nach solchen Konzepten ist gerade bei jüngeren Bewohnern enorm.»
Bei einer Begehung des Areals fiel mir auf, wie zentral und doch abgeschieden das Gebiet liegt – ideal für ein solches Pilotprojekt. Die Anwohner in den umliegenden Quartieren reagieren allerdings gemischt. «Ich bezweifle, dass alle Bewohner wirklich auf ein Auto verzichten werden. Wo parken die dann?», fragt Anwohnerin Helga Brandt (67) kritisch.
Umgestaltung des Hauptbahnhofumfelds
Eine der größten Herausforderungen bleibt die Umgestaltung des Hauptbahnhofumfelds. Nach jahrelangen Diskussionen beginnt 2025 die konkrete Umsetzung. Der Hachmannplatz wird komplett neugestaltet, mehr Grünflächen entstehen, und die Aufenthaltsqualität soll deutlich verbessert werden.
«Der Hauptbahnhof ist die Visitenkarte unserer Stadt, aber aktuell prägen soziale Probleme das Bild», sagt Bezirksamtsleiter Neubauer. «Mit der Umgestaltung wollen wir nicht verdrängen, sondern aufwerten und gleichzeitig soziale Angebote verbessern.»
Die Stadt investiert hier rund 25 Millionen Euro. Für obdachlose Menschen und Suchtkranke werden gleichzeitig neue Beratungsräume und Aufenthaltsmöglichkeiten abseits der Hauptpassagen geschaffen.
Bürgerbeteiligung: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Bei allen Projekten betont die Stadt die intensive Bürgerbeteiligung. Doch bei den Veranstaltungen, die ich in den letzten Monaten besucht habe, wurde deutlich: Die Beteiligungsformate erreichen oft nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen.
«Wir kommen immer zu diesen Veranstaltungen, aber unsere Einwände werden kaum berücksichtigt», kritisiert Peter Lehmann von der Bürgerinitiative «Lebenswertes Hamburg-Mitte». Die Verwaltung verweist dagegen auf zahlreiche Anpassungen der ursprünglichen Planungen aufgrund von Bürgerhinweisen.
Um mehr Menschen zu erreichen, setzt die Stadt zunehmend auf digitale Beteiligungsformate. Auf der Plattform «Hamburg mitgestalten» können Bürger Ideen einbringen und über Varianten abstimmen.
Grünflächen und Klimaanpassung
Ein wichtiges Element aller neuen Projekte ist die Schaffung zusätzlicher Grünflächen. «Angesichts des Klimawandels brauchen wir mehr Bäume und entsiegelte Flächen in der Innenstadt», erklärt Umweltsenator Jens Kerstan. Bis 2026 sollen in Hamburg-Mitte 500 neue Bäume gepflanzt und drei neue Pocket-Parks angelegt werden.
Beim Wohnturm in der HafenCity wird eine begrünte Fassade geplant, das autofreie Quartier erhält einen zentralen Park, und auch die Hauptbahnhofumgestaltung sieht deutlich mehr Grün vor.
Was bedeutet das für die Bewohner?
Die Veränderungen werden den Alltag vieler Menschen in Hamburg-Mitte spürbar beeinflussen. Die neue Brücke verkürzt Wege, das autofreie Quartier könnte zum Vorbild für weitere Projekte werden, und die Aufwertung des Hauptbahnhofumfelds betrifft täglich zehntausende Pendler und Anwohner.
Gleichzeitig bleiben Herausforderungen: «Die Mieten steigen auch in Hamburg-Mitte weiter. Wir müssen aufpassen, dass durch die Aufwertung nicht langjährige Bewohner verdrängt werden», warnt Sozialarbeiter Thorsten Weber vom Stadtteilbüro Münzviertel.
Für die kommenden Jahre bedeuten die Projekte zunächst auch Baustellen und Beeinträchtigungen. Die Verwaltung hat ein «Baustellenmanagement» eingerichtet, das die Arbeiten koordinieren und Belastungen minimieren soll.
Ausblick: Hamburg-Mitte 2030
Die jetzt geplanten Projekte sind Teil einer langfristigen Entwicklung. Bezirksamtsleiter Neubauer skizziert seine Vision: «2030 wird Hamburg-Mitte ein durchgrünter, lebendiger Bezirk mit weniger Autos, mehr bezahlbarem Wohnraum und besserer Verbindung zwischen den Quartieren sein.»
Bei aller Begeisterung für die Zukunftsvisionen bleibt bei vielen Anwohnern Skepsis, ob die sozialen Aspekte ausreichend berücksichtigt werden. «Schöne neue Gebäude allein lösen nicht die Wohnungsnot oder die Probleme am Hauptbahnhof», gibt Karin Schmidt vom Mieterverein zu bedenken.
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Hamburg-Mitte tatsächlich für alle Bewohner lebenswerter wird oder ob die Baumaßnahmen vor allem einer zahlungskräftigen Klientel zugutekommen. Als Lokalreporterin werde ich die Entwicklungen kritisch begleiten und regelmäßig berichten, wie sich unser Bezirk verändert.