Der Arbeitskräftemangel entwickelt sich zu einer ernsthaften Bedrohung für die wirtschaftliche Zukunft im Norden Deutschlands. Nach aktuellen Berechnungen der Hamburger Wirtschaftsbehörde und des Kieler Instituts für Wirtschaftsforschung entgehen Hamburg und Schleswig-Holstein jährlich Milliardenbeträge durch unbesetzte Stellen und nicht realisierbare Aufträge.
In Hamburg fehlen derzeit etwa 18.500 Arbeitskräfte in verschiedenen Branchen. Dies führt zu einem Verlust an Wertschöpfung von rund 2,1 Milliarden Euro pro Jahr. In Schleswig-Holstein sieht die Situation noch dramatischer aus: Hier bleiben etwa 27.000 Stellen unbesetzt, was einen wirtschaftlichen Schaden von etwa 2,7 Milliarden Euro verursacht.
«Der Fachkräftemangel ist das größte Wachstumshemmnis für unsere Region», erklärt Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard bei der Vorstellung der Zahlen. «Was wir hier sehen, ist nicht nur ein vorübergehendes Problem, sondern eine strukturelle Herausforderung, die uns in den kommenden Jahren noch intensiver beschäftigen wird.»
Die Problematik trifft nahezu alle Wirtschaftszweige, besonders betroffen sind jedoch das Gesundheitswesen, das Handwerk, die IT-Branche und das Gastgewerbe. Im Hamburger Hafen – dem wirtschaftlichen Herzstück der Stadt – müssen immer häufiger Aufträge abgelehnt werden, weil das Personal für die Abwicklung fehlt.
Besonders alarmierend ist die demografische Entwicklung. In den nächsten fünf Jahren werden in Hamburg und Schleswig-Holstein über 150.000 Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig rücken deutlich weniger junge Menschen nach. «Wir stehen vor einem doppelten Problem: Erfahrene Mitarbeiter verlassen den Arbeitsmarkt, während gleichzeitig zu wenige Nachwuchskräfte zur Verfügung stehen», erläutert Professor Dirk Schlotböller vom Institut für Wirtschaftsforschung.
Die Ursachen für den Arbeitskräftemangel sind vielfältig. Neben dem demografischen Wandel spielen auch veränderte Lebensmodelle eine Rolle. Immer mehr Menschen streben nach einer besseren Work-Life-Balance und reduzieren ihre Arbeitszeit. Zudem fehlt es an ausreichend bezahlbarem Wohnraum in den Ballungsgebieten, was die Anwerbung von Fachkräften aus anderen Regionen erschwert.
Die Handelskammer Hamburg hat in einer Umfrage unter ihren Mitgliedsunternehmen festgestellt, dass bereits 72 Prozent der Betriebe ihre Geschäftstätigkeit einschränken mussten, weil Personal fehlt. «Viele Unternehmen können Aufträge nicht mehr annehmen oder müssen längere Wartezeiten in Kauf nehmen», berichtet Handelskammerpräses Norbert Aust. «Das gefährdet langfristig die Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts.»
Um gegenzusteuern, haben die Landesregierungen verschiedene Maßnahmen eingeleitet. Hamburg setzt verstärkt auf die Qualifizierung von Arbeitslosen und die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt. «Wir haben hier ein großes Potenzial, das wir besser nutzen müssen», betont Wirtschaftssenatorin Leonhard. «Jeder Mensch, der arbeiten kann und will, wird dringend gebraucht.»
Schleswig-Holstein konzentriert sich zudem auf die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland. Mit speziellen Programmen werden qualifizierte Arbeitnehmer aus Ländern wie Spanien, Portugal und den Philippinen für den norddeutschen Arbeitsmarkt gewonnen. «Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse muss deutlich beschleunigt werden», fordert Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen. «Hier verlieren wir wertvolle Zeit.»
Auch die Unternehmen selbst sind gefordert, attraktivere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die Pflegebranche etwa reagiert mit höheren Löhnen und flexibleren Arbeitszeitmodellen auf den Personalmangel. «In einem umkämpften Arbeitsmarkt müssen Arbeitgeber umdenken», sagt Klaus Wicher vom Sozialverband Deutschland. «Es reicht nicht mehr, nur nach staatlicher Hilfe zu rufen.»
Experten sind sich einig, dass der Arbeitskräftemangel nicht kurzfristig zu beheben sein wird. «Wir müssen uns auf eine längere Phase einstellen, in der Arbeitskräfte knapp bleiben werden», prognostiziert Arbeitsmarktforscher Enzo Weber. «Die Unternehmen sollten daher nicht nur auf die Gewinnung neuer Mitarbeiter setzen, sondern auch in die Automatisierung und Digitalisierung ihrer Prozesse investieren.»
Für die Bürgerinnen und Bürger hat die Entwicklung durchaus positive Seiten. Arbeitnehmer können aus einer Vielzahl von Stellenangeboten wählen und höhere Gehaltsforderungen stellen. Besonders gefragt sind derzeit Fachkräfte im Handwerk, in der Pflege und in technischen Berufen.
Die Wirtschaftskammern im Norden appellieren an die Politik, die Rahmenbedingungen weiter zu verbessern. Dazu gehören der Ausbau der Kinderbetreuung, die Förderung von Teilzeitausbildungen und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. «Der Arbeitskräftemangel ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung», betont Handelskammerpräses Aust. «Nur wenn alle Akteure an einem Strang ziehen, können wir ihn bewältigen.»
Trotz aller Herausforderungen bleibt die Stimmung in der norddeutschen Wirtschaft verhalten optimistisch. «Wir haben in der Vergangenheit schon viele Krisen gemeistert», sagt Aust. «Mit Kreativität, Innovation und gemeinsamem Handeln werden wir auch diese Herausforderung meistern.»