In der Dortmunder Innenstadt sind die Zeichen einer Insolvenzwelle nicht zu übersehen. Geschlossene Ladenlokale, leerstehende Geschäftsräume und Ausverkaufsschilder prägen zunehmend das Stadtbild. Die wirtschaftliche Lage vieler Kleinunternehmen und Mittelständler in der Ruhrgebietsmetropole hat sich in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert. Nach Angaben der IHK Dortmund meldeten im ersten Halbjahr 2024 bereits 127 Unternehmen Insolvenz an – ein Anstieg von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
«Die Situation ist für viele kleine Betriebe existenzbedrohend», erklärt Stefan Schulte, Insolvenzexperte bei der IHK Dortmund. «Besonders hart trifft es den Einzelhandel, das Baugewerbe und kleinere Dienstleister.» Die Gründe für die Pleitewelle sind vielfältig: gestiegene Energiekosten, anhaltende Lieferkettenprobleme, Personalmangel und eine spürbar zurückhaltende Konsumlaune der Verbraucher.
Kleinbetriebe tragen die Hauptlast der Krise
Familie Berger betreibt seit über 20 Jahren ein kleines Schuhgeschäft in der Dortmunder Innenstadt. «Früher hatten wir samstags kaum Zeit zum Durchatmen», erzählt Inhaber Thomas Berger. «Heute können wir die Kunden an einer Hand abzählen.» Die Umsätze sind um mehr als 40 Prozent eingebrochen. Ende Februar 2025 wird der Familienbetrieb schließen müssen.
Die Statistik bestätigt: Über 70 Prozent der Insolvenzen in Dortmund betreffen Unternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitern. Diese kleinen Betriebe verfügen meist nicht über ausreichende finanzielle Reserven, um längere Durststrecken zu überstehen. Zudem haben sie oft weniger Zugang zu staatlichen Unterstützungsprogrammen als größere Unternehmen.
«Viele kleine Handwerksbetriebe und Einzelhändler stecken in einem Teufelskreis», berichtet Maria Schmidt von der Wirtschaftsförderung Dortmund. «Die steigenden Betriebskosten können sie nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben, weil diese selbst sparen müssen. Gleichzeitig fehlt das Kapital für notwendige Investitionen, etwa in Digitalisierung oder energieeffiziente Technologien.»
Regionale Unterschiede in der Insolvenzentwicklung
Nicht alle Stadtteile Dortmunds sind gleich stark betroffen. Während die Nordstadt und Teile der Innenstadt besonders hohe Insolvenzzahlen verzeichnen, zeigt sich die Situation in den südlichen Stadtteilen wie Hombruch und Barop etwas stabiler. Dies hängt auch mit der unterschiedlichen Kaufkraft und Bevölkerungsstruktur zusammen.
«In der Nordstadt sehen wir eine besonders hohe Zahl an Geschäftsaufgaben im Bereich der Gastronomie und des inhabergeführten Einzelhandels», erklärt Stadtrat Michael Weber. «Hier wirken sich die gestiegenen Lebenshaltungskosten besonders stark auf das Konsumverhalten aus.»
Die Dortmunder Wirtschaftsförderung hat bereits verschiedene Programme aufgelegt, um betroffene Unternehmen zu unterstützen. Dazu gehören vergünstigte Beratungsangebote, Vermittlung von Überbrückungskrediten und Hilfe bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.
Düstere Prognosen für 2025
Experten rechnen für 2025 mit keiner Entspannung der Lage. Im Gegenteil: Nach Prognosen der Creditreform könnte die Zahl der Insolvenzen in Dortmund um weitere 15 bis 20 Prozent steigen. Besonders gefährdet sind weiterhin kleinere Handwerksbetriebe, inhabergeführte Geschäfte und Gastronomiebetriebe.
«Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren ihre letzten Reserven aufgebraucht», warnt Insolvenzverwalter Frank Müller. «Wenn jetzt keine wirtschaftliche Erholung eintritt, werden wir eine regelrechte Pleitewelle erleben.» Die Folgen wären nicht nur für die betroffenen Unternehmer und ihre Mitarbeiter gravierend, sondern auch für die gesamte Stadtentwicklung.
Petra König vom Dortmunder Einzelhandelsverband sieht auch strukturelle Probleme: «Der stationäre Handel steht unter enormem Druck durch den Online-Handel. Die Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt. Viele kleine Geschäfte finden darauf keine Antwort mehr.»
Was Betroffene tun können
Für Unternehmen in Schwierigkeiten gibt es dennoch Handlungsmöglichkeiten. «Je früher Probleme erkannt werden, desto besser sind die Chancen, das Ruder noch herumzureißen», betont Stefan Schulte von der IHK. Die Kammer bietet kostenlose Erstberatungen an, bei denen Experten die wirtschaftliche Situation analysieren und Handlungsoptionen aufzeigen.
Auch das Insolvenzrecht bietet heute mehr Möglichkeiten für einen Neustart. Das Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung ermöglicht es Unternehmen, unter gerichtlicher Aufsicht eine Restrukturierung durchzuführen, ohne die Kontrolle über den Betrieb abgeben zu müssen.
«Wir haben erst kürzlich einen Handwerksbetrieb durch ein solches Verfahren begleitet», berichtet Rechtsanwältin Claudia Becker. «Das Unternehmen konnte erhalten werden, allerdings mussten schmerzhafte Einschnitte vorgenommen werden.» Von ursprünglich 15 Arbeitsplätzen blieben am Ende acht erhalten.
Bürgerinitiative startet Unterstützungskampagne
Als Reaktion auf die Krise hat sich in Dortmund eine Bürgerinitiative gegründet, die unter dem Motto «Kauf lokal» für die Unterstützung heimischer Betriebe wirbt. «Jeder Euro, den wir bei lokalen Händlern und Dienstleistern ausgeben, hilft unserer Stadt», erklärt Initiator Markus Bauer. Die Initiative organisiert Aktionswochen und vermittelt zwischen Vermietern und Gewerbetreibenden, um Mietreduzierungen zu erreichen.
Die Stadtspitze hat das Problem erkannt und arbeitet an einem umfassenden Maßnahmenpaket. «Wir müssen die Innenstadt neu denken», betont Oberbürgermeister Thomas Westphal. «Dazu gehört nicht nur der Einzelhandel, sondern auch mehr Wohnraum, Kultur und soziale Einrichtungen.» Geplant sind unter anderem reduzierte Gebühren für Außengastronomie, ein vereinfachtes Genehmigungsverfahren für Veranstaltungen und die Zwischennutzung leerstehender Ladenflächen.
Trotz der aktuellen Krise gibt es auch Lichtblicke. In einigen Branchen, etwa im Bereich IT und spezialisierte Handwerksbetriebe, werden weiterhin Fachkräfte gesucht. Zudem haben sich einige innovative Konzepte etabliert, wie Pop-up-Stores oder gemeinschaftlich genutzte Geschäftsflächen.
«Die Krise kann auch eine Chance sein», ist Wirtschaftsförderin Schmidt überzeugt. «Dortmund hat schon mehrere Strukturwandel gemeistert. Wir müssen jetzt gemeinsam die Weichen für eine nachhaltige wirtschaftliche Zukunft stellen.»
Für Unternehmer in Not hat die Stadt eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet. Unter der Telefonnummer 0231-5024680 erhalten Betroffene erste Informationen und werden an die passenden Beratungsstellen weitervermittelt.