Ein beeindruckendes Meer aus roten, weißen und grünen Fahnen füllte gestern den Königsplatz in München. Rund 80.000 Menschen versammelten sich bei der bislang größten Anti-Regime-Demonstration in Deutschland, um gegen die islamische Republik Iran zu protestieren. Die Veranstaltung markierte den vierten Jahrestag der «Frau, Leben, Freiheit»-Bewegung, die 2022 nach dem Tod der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini im Polizeigewahrsam begann.
Besonderer Anziehungspunkt war der Auftritt von Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs des Iran. «Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Kapitel in der iranischen Geschichte», rief er der begeisterten Menge zu. «Die Welt muss verstehen: Das iranische Volk will Freiheit und Demokratie – nicht dieses brutale Regime.» Viele Teilnehmer schwenkten Flaggen mit dem Löwen-Symbol aus der Zeit vor der islamischen Revolution von 1979.
Die Demonstration wurde vom deutschen Ableger der «Frau, Leben, Freiheit»-Bewegung organisiert. Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini sind die Proteste im Iran selbst durch massive Repression weitgehend zum Erliegen gekommen. Doch im Ausland wächst die Bewegung weiter. Die Münchner Veranstaltung übertraf alle bisherigen Exil-Proteste in Europa deutlich.
«Wir sind hier, weil unsere Landsleute im Iran nicht mehr auf die Straße gehen können», erklärte Organisatorin Mina Ahadi. «Über 750 Menschen wurden bei den Protesten getötet, tausende sitzen in Gefängnissen, viele wurden hingerichtet.» Die Teilnehmer forderten ein Ende der Hinrichtungen und die Freilassung aller politischen Gefangenen.
Die Polizei München zeigte sich überrascht von der enormen Teilnehmerzahl. «Wir hatten mit etwa 40.000 Menschen gerechnet, aber es kamen doppelt so viele», sagte Polizeisprecher Martin Weber. Die Veranstaltung verlief trotz der großen Menschenmenge friedlich. Nur vereinzelt gab es Zwischenfälle mit regimetreuen Gegendemonstranten.
Bemerkenswert war die Vielfalt der Demonstrierenden. Neben der iranischen Diaspora beteiligten sich zahlreiche deutsche Unterstützer und Menschen aus anderen Ländern. Viele junge Iranerinnen und Iraner, die nach der Niederschlagung der Proteste geflohen waren, nahmen erstmals an einer solchen Großdemonstration teil.
Die 23-jährige Parisa, die ihren Nachnamen aus Sorge um ihre Familie im Iran nicht nennen wollte, sagte: «Ich bin vor einem Jahr nach Deutschland gekommen, nachdem zwei meiner Freunde verhaftet wurden. Heute hier zu stehen gibt mir zum ersten Mal wieder Hoffnung.» Sie trug ein T-Shirt mit dem Bild von Jina Mahsa Amini.
Auf der Hauptbühne wechselten sich prominente Redner ab. Neben Reza Pahlavi sprachen auch die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und mehrere Bundestagsabgeordnete. Immer wieder skandierte die Menge «Nieder mit der Islamischen Republik» auf Persisch und Deutsch.
Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock, die nicht persönlich anwesend war, ließ eine Solidaritätsbotschaft verlesen. Darin bekräftigte sie die Unterstützung der Bundesregierung für die demokratischen Bestrebungen der iranischen Bevölkerung. Die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran sind seit Jahren auf einem Tiefpunkt.
Die Demonstration fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Polizei war mit einem Großaufgebot präsent, auch aufgrund von Drohungen aus dem Iran gegen Exil-Oppositionelle. Die Veranstalter hatten zusätzlich einen privaten Sicherheitsdienst engagiert. «Wir wissen, dass das Regime überall seine Spitzel hat», erklärte Mitorganisator Omid Nouripour.
Ein emotionaler Höhepunkt war der Auftritt der iranischen Sängerin Googoosh, die speziell für die Veranstaltung nach München gereist war. Ihre Lieder, die im Iran verboten sind, wurden von tausenden Menschen mitgesungen. Auch die bekannte Protestballade «Baraye» (Für), die zur inoffiziellen Hymne der Freiheitsbewegung geworden ist, erklang immer wieder.
Die Demonstration übertraf alle Erwartungen der Veranstalter. «Diese Menschenmenge zeigt, dass unsere Bewegung stärker wird, nicht schwächer», betonte Mina Ahadi. «Heute in München, morgen in Teheran – die Freiheit wird siegen.»
Nach Einbruch der Dunkelheit bildeten die Teilnehmer mit tausenden Lichtern den Schriftzug «Frau, Leben, Freiheit» auf dem Königsplatz. Das eindrucksvolle Bild ging sofort in den sozialen Medien viral und wurde auch von der persischsprachigen BBC und anderen internationalen Medien aufgegriffen.
Die Veranstaltung endete mit einer Schweigeminute für die Opfer des Regimes. Viele Teilnehmer blieben noch bis spät in die Nacht, um Kerzen anzuzünden und gemeinsam persische Lieder zu singen. Die nächste internationale Großdemonstration ist bereits für den Sommer in Paris geplant.