Der Herbst zieht ins Land, die ersten Erkältungswellen rollen an. In den Büros und Betrieben häufen sich wieder die leeren Stühle. Gleichzeitig entfacht Friedrich Merz eine gesellschaftliche Debatte über den deutschen Krankenstand. Seine Kritik an vermeintlich zu vielen Krankschreibungen trifft einen empfindlichen Nerv in unserer Leistungsgesellschaft.
Tatsächlich erreichte der Krankenstand 2023 mit 5,7 Prozent einen historischen Höchstwert. Besonders Atemwegserkrankungen und psychische Belastungen schlagen zu Buche. «Die Arbeitswelt hat sich fundamental verändert. Der Druck ist enorm gestiegen, gleichzeitig wächst das Bewusstsein für psychische Gesundheit», erklärt Arbeitspsychologin Dr. Martina Weber. Die Zahlen allein erzählen jedoch nicht die ganze Geschichte. Letzte Woche erlebte ich selbst in der Redaktion, wie drei Kolleginnen trotz Erkältung zum Dienst erschienen – aus Pflichtbewusstsein und Sorge um liegenbleibende Arbeit.
Die von Merz angestoßene Debatte verkennt entscheidende Faktoren. Der demografische Wandel führt zu einer älteren Belegschaft mit mehr gesundheitlichen Problemen. Zugleich hat die Pandemie unser Verhältnis zu Krankheit und Ansteckungsrisiken nachhaltig verändert. Die Diskussion sollte sich weniger um vermeintliche Arbeitsmoral drehen als um bessere Präventionsmaßnahmen und gesündere Arbeitsbedingungen. Vielleicht liegt in dieser Erkenntnis der wahre gesellschaftliche Fortschritt.